Noch bevor man das Haus von Familie Lemmenmeier betritt, bietet der zehnjährige Sohn Jann der Besucherin bereits einen Kaffee an. Seine Mutter Regula Lemmenmeier nimmt sich Zeit für ein ausgiebiges Gespräch am Familientisch, auch wenn grad wieder einmal viel los ist und der abgemachte Termin fast vergessen ging.
Regula Lemmenmeier wuchs im Hinterthurgauer Dorf Oberwangen auf. Ihr Vater bediente die hintersten Dörfer des Tannzapfenlandes mit dem öffentlichen Bus, ihre Mutter engagierte sich nebst ihrer Arbeit als Hauswirtschaftslehrerin bei verschiedenen Vereinen und Institutionen und sprang immer dort ein, wo es am nötigsten war.
Regula Lemmenmeier und ihre beiden jüngeren Schwestern haben das Helfergen unisono übernommen und setzen ihre Kräfte dort ein, wo sie gerade benötigt werden. «Ich engagiere mich gerne für die Gesellschaft, ich habe ein offenes Ohr für alle und bin überzeugt, dass man gemeinsam viel mehr erreicht und dabei alle profitieren können», sagt die bald Fünfzigjährige ernst.
«Mein Mann ist mein Fels in der Brandung.»
Regula Lemmenmeier, Präsidentin des Landfrauenvereins Bettwiesen.
Krankheiten bei den Kindern
Nach der Schule absolvierte Regula eine Pflegerinnenausbildung, später bildete sie sich zur Pflegefachfrau weiter. Zwölf Jahre war sie anschliessend am Spital Frauenfeld TG tätig, lernte ihren Mann kennen und freundete sich mit dem Gedanken an, auf einen landwirtschaftlichen Betrieb zu ziehen. Schliesslich übernahm ihr Mann den Milchwirtschaftsbetrieb seiner Familie und das junge Paar baute sich ein eigenes Wohnhaus neben dem Betrieb.
Trotz grossem Kinderwunsch wollte das Schwangerwerden nicht klappen. «Es war keine einfache Zeit», erzählt Regula. Erst nachdem sie den Arbeitsort wechselte, wurde sie schwanger. Doch die erste Zeit mit dem Baby war schwierig. Sohn Jann leidet an einer Stoffwechselkrankheit, brauchte als Baby viel Pflege und Aufmerksamkeit und heute noch regelmässig Medikamente. Doch rückblickend lief es ganz gut, erzählt seine Mutter voller Dankbarkeit.
Zwei Jahre später kam Lars auf die Welt. Ein unkompliziertes Kind, das Familienleben funktionierte. Da ihre Mutter ihr Unterstützung zusagte, wechselte Regula Lemmenmeier beruflich in ein Teilzeitpensum bei der Spitex Frauenfeld.
Diagnose mit Ungewissheit
Dann kam der Schock. Beim fünfjährigen Lars wurde eine Diabetes-Erkrankung diagnostiziert. «Ungewissheit, Respekt, Angst und Zuversicht belasteten unser Gefühlsleben die ersten Jahre enorm.» Heute komme der Zweitklässler mit seiner Krankheit gut zurecht und könne Sensor und Pumpe selbstständig handhaben. Trotzdem brauchen beide Kinder mehr Aufmerksamkeit, mehr Zeit, häufigere Arztbesuche und mehr Rücksicht als gesunde Kinder.
Trotz den Krankheiten der Kinder und ihrem Beruf nimmt Regula Lemmenmeier verschiedene Tätigkeiten wahr, für die es keine Warteliste gibt. Begeistert erzählt sie vom Landfrauenverein Bettwiesen, dessen Präsidentin sie ist. Der Verein zählt 58 eingeschriebene Mitglieder bei 1200 Einwohnern und einem knappen Dutzend Bauernbetrieben. Mehr als die Hälfte der Frauen habe keinen bäuerlichen Hintergrund, trotzdem seien sie alle geerdet, naturverbunden und lieben das gesellige Zusammensein. Es ist der Präsidentin wichtig, dass sich Landfrauen modern und zeitgemäss zeigen und nicht in alten Mustern steckenbleiben.
Zwischen Gummistiefeln und High-Heels
Die moderne Landfrau sei aktiv, arbeite oft auswärts, liebe Jeans und Gummistiefel ebenso wie High Heels und Ausgang, meint sie. Sie geht mit offenen Augen durch die Welt, amüsiert sich auf Rösslifahrten und auf Städtereisen. Regula strahlt, wenn sie von ihren Anlässen erzählt, es erstaunt nicht, dass sie es schafft, immer wieder neue Frauen für eine Mitgliedschaft zu begeistern. Sie fühle sich klar als Landfrau und nicht als Bäuerin, auch wenn sie die Arbeiten auf dem Hof beherrsche und einspringen könnte, wenn es nötig wäre. Sie sei auch zuständig für den Direktverkauf von Kalb- und Rindfleisch und führe die Buchhaltung.
Zusätzlich arbeitet die Allrounderin im katholischen Kirchenrat mit, ist im Vorstand des Samaritervereins, organisiert Suppentage, Seniorentreffen, Hochzeits- oder Gemeindeapéros, Bauernzmorge und mehr. Die grösste Arbeit, die im Moment anstehe, seien das 100-Jahr-Jubiläum des Samaritervereins und das 125-Jahr-Jubiläum des Musikvereins Harmonie Münchwilen. Diese beiden Jubiläen sollen gemeinsam gefeiert werden, und Regula Lemmenmeier ist OK-Präsidentin.
Knappe Paarzeit
«Ich liebe es, auf verschiedenen Hochzeiten zu tanzen», erzählt sie lachend und fügt etwas leiser hinzu, dass ihr Mann ihr auch schon geraten habe, den Ball ein bisschen flacher zu halten. «Mein Mann ist mein Fels in der Brandung, er schaut, dass der Karren zu Hause läuft, und ist immer für die Kinder da.»
Eine grosse Hilfe in besonders hektischen Zeiten sei auch ihre 86-jährige Mutter, die sich rührend um die Kinder, den Garten und ums Kochen kümmere. Mit ihren Schwestern, beide auch mit viel Power in ihren Berufen tätig, verstehe sie sich ebenfalls gut. «Die eine Schwester holt mich hin und wieder mal wieder aus dem Hamsterrad raus und fährt mit mir zum Schlemmen nach Rom oder nach Paris in die Museen.»
Und für was hätte sie bei all diesen Aktivitäten gerne mehr Zeit? Regula Lemmenmeier denkt kurz nach. Auch wenn sie regelmässig als Familie in die Ferien fahren, die gemeinsame Zeit mit Ehemann Hanspeter komme hin und wieder zu kurz, meint sie.

