Ein alter stinkender Mann mit dreckigen Kleidern. So stellte sich Rahel Schlatter als Kind einen Landwirt vor. Sicher nicht als junge Frau in T-Shirt und Jeans. Doch nun ist sie selbst Landwirtin.
Als sie Johannes Schlatter kennenlernte, war er Gärtner wie sie selbst. Sie lacht: «Ich wusste noch nicht, dass er im Sinn hatte, den elterlichen Hof zu übernehmen!» Einen Hof, der jemanden brauchte mit einem landwirtschaftlichen Abschluss, um direktzahlungsberechtigt zu sein; einen Abschluss, den ihr Mann noch nicht besass.
Ausbildung auf dem Hof
Das Paar entschied, dass nicht Johannes, sondern Rahel die landwirtschaftliche Ausbildung machen würde. Da hatten sie schon kleine Kinder und wohnten auf dem Hof. Johannes arbeitete auswärts. Es wurde bewilligt, dass Rahel die Lehre zu Hause beim Schwiegervater absolvieren könne. «Für meinen Schwiegervater war es anfangs speziell, mich auszubilden, doch er war auch stolz darauf, mir die Landwirtschaft näherzubringen.» Im Januar 2021 übernahm das Paar den Betrieb.
«Wir haben die Erträge gesteigert.»
Rahel Schlatter über den Einsatz von neuem Wissen.
Rahel Schlatter führt durch den Hof. Neben dem Stöckli, wo die Schwiegereltern wohnen, steht der moderne New-Holland-Traktor. Entspannt posiert sie für ein Foto. Viele Stunden fährt sie mit dem Traktor über die Schlatterhof-Felder in Dörflingen SH. «Manchmal gibt es schon lustige Sprüche von den vorbei-fahrenden Nachbarn.» Zum Beispiel, wenn Rahel voraus den Boden egget und Johannes gleich hintenan sät, damit der Boden keine Zeit hat, auszutrocknen. Das könnten andere ja auch so machen, meint Rahel.

Neues probieren
Sprüche gab es auch, als das Paar entschied, den Raps zehn Tage vor dem üblichen Termin zu säen, um den Erdflöhen vornweg zu wachsen. Das gehe nicht, hörten sie. Es geht. Das üppig blühende Rapsfeld in der Nähe des Hofes ist Zeugnis davon. «Wir haben die Erträge mit neuem Wissen gesteigert, manchmal auf unkonventionelle Art, aber möglichst zur rechten Zeit», erzählt Rahel stolz.
Der Pferdestall hinter dem Hauptgebäude wurde erst kürzlich erstellt. Die Pferdepension ist Rahels Betriebszweig, Johannes kommt kurz zum Gespräch dazu. Er hat den Ackerbau unter sich. Am liebsten arbeiten die beiden jeweils zusammen, dabei wird über alles diskutiert. Rahels warme braune Augen schauen Johannes an. «Wir sind immer in Kommunikation», sagt sie. «Ich höre ihm zu, er hört mir zu.» Manchmal gebe es einen Kompromiss. Johannes grinst: «Oft sagt später einer von uns, schau, ich habe es dir ja gesagt.»
Fünf Fragen
Welches landwirtschaftliche Thema beschäftigt Sie am meisten? Mich beschäftigt die Ungewissheit, ob die neuen Vorschriften in der Landwirtschaft so zustande kommen oder ob sie doch noch mal geändert werden. Wir in der Landwirtschaft müssen in der heutigen Zeit flexibel und ideenreich sein, um allen Vorschriften gerecht zu werden. Welches Alltagsritual gehört für Sie dazu? Mir ist es wichtig, alle drei Mahlzeiten zusammen an einem Tisch einzunehmen. Heutzutage, wo das Leben immer hektischer wird, muss das einfach sein. Was ist Ihr Rezept für Entspannung? Ich sitze viel auf der Paddockstange, während die Pferde auf der Weide sind. Für mich ist das entspannend, ihnen zuzuschauen, wie sie sich austoben können. Welche Tätigkeiten im Alltag erachtenSie als sinnlos? Wenn man drei Kinder hat, kommt es vor, dass das frisch gesaugte Haus meist nur ein paar Minuten sauber bleibt. Wohin würden Sie gerne einmal reisen? Irland, Schottland oder Skandinavien wären Orte, die ich gerne mal besuchen würde.

Zur Selbstständigkeit erziehen
Im Hauseingang hängen Kinderjacken und Kinderbilder an der Wand. Das Paar hat einen zwölfjährigen Sohn und zwei Töchter im Alter von acht und fünf. Inzwischen gehen alle zur Schule, Rahel Schlatters Schwiegermutter bringt sie jeweils nach Dörflingen.
Es ist Ordnung im Haus, das ist Rahel Schlatter wichtig. Früh brachte sie den Kindern bei, ihre Sachen aufzuräumen. Sie sollen lernen, einen Besen in die Hand zu nehmen und auch das Kochen, damit sie mal selbstständig sein können. Sie erzieht ihre Kinder nach Bauchgefühl, nimmt aber gerne mal den Rat ihrer Mutter an, die Kindererzieherin ist, oder von der Schwiegermutter. Dieser Austausch unter Generationen ist ihr sehr wertvoll. «Ich nehme mir mit, was in die Familie passt.»
«Ich nehme mir mit, was in die Familie passt.»
Rahel Schlatter zum Generationen-Austausch.
Alle Aufgaben teilen
In der Stube zeigt sich die Gärtnerin, Zimmerpflanzen schlängeln sich um die Holzbalken. Hier am runden Tisch mit Eckbank, vor fröhlich geblümten Vorhängen, setzen sich Vertreter oder Berater zum Kaffee mit dem Ehepaar. «Am Anfang haben sie automatisch Johannes angesprochen», sagt Rahel Schlatter. Das störte sie nicht.
Sie hörte zu und stellte per Gelegenheit ihre Fragen. Da merkten die Berater, die weiss auch was. Eingetragen ist der Schlatterhof je zur Hälfte auf Rahel und Johannes Schlatter. «Das ist schon speziell und sehr selten», sagt sie. «Dazu kommt, dass ich voll mitarbeite.» Die Arbeit draussen zieht Rahel Schlatter der Hausarbeit vor. «Ich bin auch in der Werkstatt nicht auf den Kopf gefallen», betont sie selbstsicher. Ehemann Johannes kann das bestätigen: «Es kommt vor, dass sie mir von einer kaputten Maschine erzählt und bis ich zu Hause bin, ist sie schon repariert.»
Schweissen kann sie auch, überlässt diese Arbeit aber gerne Johannes. Das könne er besser als sie. «Er kann auch besser kochen als ich!» Am liebsten kocht sie auf dem alten Holzherd. Brot und Zopf bäckt sie im Kachelofen, der wie die hell gemusterten Plättli und der Klinker-boden noch vom Hausbau im Jahr 1945 stammt.
Heute gibts Hörnli, Ghackets und Apfelmus zum Mittagessen, gekocht von Rahel Schlatter. «Die Kinder lieben das.»

