Sie bringt die Viehschau auf den New Yorker Times Square, lässt Geissen im Stadtpark weiden oder Schweine am Sandstrand wühlen. Irene Hofstetter ist 38 Jahre alt und eine ganz und gar unkonventionelle Bauernmalerin. Statt vor Gebirgszüge zeichnet sie Appenzeller Alpabzüge vor amerikanische Skylines. Statt auf Papier malt sie auf Massivholzbretter oder Jutestoffe. Das merkt man aber erst beim zweiten Hinschauen.
Zwei Herzen in der Brust
Irene Hofstetter arbeitet im Atelier bei sich zu Hause in Uetikon am See ZH. Auf ihrem Arbeitstisch liegt eine Kiste voller Farbstifte. Alle sorgfältig nach Farbtönen sortiert. Daneben eine kleinere Schachtel mit Pastellkreiden. Unsortiert. «Die Kreide brauche ich für Grundflächen», erklärt sie. «Die Farbstifte sind für die feinen Konturen.» Gerade hat sie ihr jüngstes Werk vollendet. Ein Steinbock zwischen einem Adler und einem Braunbär auf einem ovalen Holzstück. Für einmal ohne Stadt-Kulisse. Ein Auftrag eines Kunden. Am liebsten zeichnet sie aber, wenn beide Herzen in ihrer Brust höherschlagen: Das der naturverbundenen Appenzellerin und das der metropolitanen Weltenbummlerin.

Das Bild «Auswärtsspiel». Ein Alpabzug in New York.
Blumen sind langweilig
Irene Hofstetter ist auf einem abgelegnen Hof im appenzellischen Gais AR aufgewachsen. «Wir waren nie im Ausland in den Ferien. Aber ich wollte schon als Kind die Welt sehen», erzählt Hofstetter. «Vater sagte immer, dass wir zuerst die Schweiz kennen müssen.» Nach ihrer Ausbildung als Schneiderin studierte sie Modedesign und arbeitete über 15 Jahren als Stickereidesignerin. Dabei ist Hofstetter viel um die Welt gereist.
«Wenn du jeden Tag neue Designs und Kollektionen entwerfen musst, brauchst du Ideen. Die kommen nicht vom daheim Rumsitzen», sagt sie. Eine Stadt hat es ihr damals besonders angetan: New York. «Ich war hin und weg», erinnert sich Hofstetter.«In New York ist die ganze Welt vereint. Die Energie da ist einfach einzigartig und inspiriert mich.»
Ein Gefühl von Heimat beim Anblick von Geissen
Das Empire State Building, der Central Park oder das Chrysler Building, die Wahrzeichen New Yorks, sie sind in Irene Hofstetters Werken immer wieder zu finden. Aber: Kühe und Geissen gehören genauso dazu. Warum eigentlich? «Wenn ich in Geissenaugen schaue oder die Kühe beim Fressen beobachte, dann erdet das einfach. Es ist für mich ein Gefühl von Heimat.»
Im letzten Sommer hat Irene Hofstetter ihren Job als Stickereidesignerin gekündigt. Seither zeichnet sie hauptberuflich Kühe, Schweine und Ziegen in ungewohnter Umgebung – und verkauft ihre Werke mit Erfolg. Vielfach arbeitet die Malerin auf Auftragsbasis.
Schwierige Lieblingskuh
Dann darf sie echte Menschen abzeichnen. Ein Gesicht zu zeichnen, dass sei fast am schwierigsten, sagt sie: «Kleinigkeiten entscheiden, ob das Gesicht realistisch aussieht oder nicht.» Aber auch Kühe können herausfordernd sein. Beispielsweise, wenn ein Bauer eine Zeichnung seiner Lieblingskuh möchte. «Die sehen Details an ihrer Kuh, die sich ein Laie nicht vorstellen kann. Und wehe der Rücken ist nicht gerade genug gezeichnet», sagt Hofstetter, hebt den Zeigfinger und zwinkert. Die meisten ihrer Kunden sind aber gar keine Landwirte, sondern eher Leute mit grossen, leeren Wänden in ihren Häusern, die «etwas Urchiges, Heimatliches zum Aufhängen suchen».
Derzeit sind ihre Zeichnungen und Gemälde in der Klinik Gais ausgestellt. Wegen der Pandemie ist die Ausstellung aber geschlossen – bitter für Hofstetter. Doch sie will nicht jammern: «Schliesslich erleben momentan alle Leute Einschränkungen.» Immerhin können die Ärztinnen und Patienten der Klinik die Bilder anschauen. Hofstetter: «Meine Bilder sollen fröhlich sein und übermitteln ein gutes Gefühl.» Das schätzen die Patienten in der Klinik jetzt sehr.
Kinderbuch mit der Geiss
Ein erster Coup in ihrer jungen Karriere als Selbstständige ist der Malerin schon gelungen. Am ersten März publiziert Irene Hofstetter ein Kinderbuch mit ihren Bildern drin. Darin geht es um die Geiss Laura, die von Gais nach New York in die Ferien geht. «Die Geschichte und der Text waren meine Idee», sagt Hofstetter stolz. «Ein Corona-Projekt», schiebt sie nach. Wenn das Buch ankommt, hätte sie bereits die nächsten Geschichten im Köcher: «Ich würde mit Laura gerne noch in andere Städte oder ans Meer reisen.»
Mit ihren Bildern und Geschichten will Hofstetter das Fernweh vieler Reiselustiger etwas stillen. Sie selbst hat damit nämlich fast am meisten zu beissen: «Sobald es möglich ist, will ich wieder nach New York reisen.» Ziemlich sicher hat sie dann ein Stück Holz und ihre Farbstifte dabei und denkt sich Geissen und Kühe mitten in die Weltmetropole.

