Herr Schneider, wann haben Sie zuletzt mit einem Landwirt gesprochen?
Ich weiss es nicht. Möglicherweise auf dem Markt. Als Städter begegnet man Landwirten ja kaum als Nachbarn, sondern vor allem als Lieferanten ihrer Produkte. Jedenfalls habe ich keinen Landwirt in meinem Bekannten- oder Freundeskreis. Es gibt aber viele Berufe, die dort nicht vertreten sind: Lehrer*innen, Physiotherapeut*innen, Maschinenbauer*innen zum Beispiel. Ich kenne aber doch einige, die ihrerseits Leute kennen, die einen Bauernhof betreiben. Oder Menschen, die auf einem Bauernhof gross geworden sind.
«Wenn ich mich jetzt bei Ihnen anschleimen wollte, könnte ich ja behaupten, Bauern produzierten halt selten dumme Schlagzeilen.»
In meiner Schulklasse vor fünfzig Jahren gab es einige Bauernkinder. Es ist also nicht so, als wäre die Landwirtschaft für mich eine fremde ferne Welt. Davon abgesehen interessiert sie mich auch, nur halt nicht unbedingt in Gestalt der «Landfrauenküche».
Woran denken Sie, wenn Sie den Begriff «Landwirt» hören?
An «Agrarökonom»?
Wie oft ist die Landwirtschaft in ihrer «Anderen Presseschau» auf Radio SRF3 Thema?
Gefühlt selten. Und die Suche unter «Bauer» auf der Festplatte meines Laptops hat tatsächlich nur sehr wenige Treffer ergeben. Mein Gefühl täuscht mich also nicht. Wenn ich mich jetzt bei Ihnen anschleimen wollte, könnte ich ja behaupten, Bauern produzierten halt selten dumme Schlagzeilen. Wenn Sie allerdings die SVP als DIE BAUERNPARTEI betrachten wollen, dann sieht die Statistik natürlich wieder anders aus.
Angenommen, ich lese nur die Artikel zur Landwirtschaft, die Sie in der Presseschau thematisieren: welches Bild habe ich von der Schweizer Landwirtschaft?
Wahrscheinlich ein realistischeres, als wenn Sie nur «Bauer sucht ...» im Fernsehen schauen. Aber gewiss kein auch nur annähernd vollständiges.
Wie erklären Sie es sich, dass Landwirte bei der Bevölkerung grundsätzlich sehr positiv wahrgenommen werden und ein hohes Vertrauen geniessen gleichzeitig in der Berichterstattung von Medien oft kritisch beleuchtet werden?
Ich glaube nicht, dass Landwirte als einzelne Personen in den Medien besonders kritisch betrachtet werden. Gerade weil es gegenüber der Landwirtschaft eine eher positive Grundeinstellung gibt, bekommen einzelne Skandal - z.B. was die Haltung von Nutztieren betrifft oder den Einsatz von gefährlichen Schädlingsbekämpfungsmitteln – jeweils eine besondere Bedeutung. Was zudem – mit Recht – kritisch betrachtet wird, ist die politische Doppelmoral, die häufig in Zusammenhang mit der einheimischen Landwirtschaft auftaucht: Die Ideologie unregulierter Märkte einerseits und die Forderung nach Protektion und Subventionen andererseits. Ich habe zum Beispiel nichts gegen Subventionen für die Landwirtschaft, wenn sie vernünftig begründet sind. Aber Subventionen annehmen und andererseits gegen «den Staat» und die die vom Staat abhängigen «Schmarotzer» wettern, das kommt bei Leuten ausserhalb der SVP halt nicht gut an.
Noch ein Gedankenexperiment zum Schluss: Angenommen, Sie sind Landwirt - wie würden Sie sich der öffentlichen Diskussion stellen?
Möglichst realistisch mit dem, worin meine Arbeit und Leistung tatsächlich besteht und welche Schwierigkeiten und Probleme ich damit habe. Ich würde versuchen, dem aus ideologischen Gründen geschürten Eindruck, die ländliche Schweiz sei die einzig echte und wirkliche Schweiz entgegenzutreten und statt dessen Allianzen zwischen Stadt und Land zu bilden. Der derzeitige Grün-Ruck bietet dazu eine gute Gelegenheit.
Dieses Interview wurde schriftlich geführt

