Wer kennt sie nicht, die Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand. Zu meiner Primarschulzeit waren die Bücher Winnetou I, II und III, der Ölprinz, Old Surehand I und II sowie der Schatz im Silbersee die absoluten Renner in unserer Schulbibliothek. Manchmal musste man einen «Füferbolle» (Zältli) springen lassen, damit man vom Gspänli direkt eines der Bücher bekam.
Zurück zur Karl-May-Romantik
Dem deutschen Autor Karl May war es vor rund 130 Jahren gelungen, mit seiner Romanfigur Winnetou, dem Häuptling der Mescalero-Apachen, die Herzen von uns «Weissen» zu erobern. Winnetou war der gute Indianer, der mit seinem Pferd Iltschi und seinem Gewehr «Silberbüchse» im Wilden Westen Amerikas unterwegs war. Er sorgte mit seinem weissen Blutsbruder Old Shatterhand für Frieden und Gerechtigkeit.
Als wir dann noch die Filme mit Pierre Brice als Winnetou und Lex Barker als Old Shatterhand im Fernsehen schauen durften (wir hatten erst Mitte der 70er-Jahre einen Fernseher), war die Sympathie für diese beiden Helden unerschütterlich.
Was waren das für herrliche Bilder in der weiten Prärie und am Horizont eine Bisonherde, die Staub aufwirbelte. Der Bison war auf der Nordhalbkugel das verbreitete Wildrind und diente den Indianern als Nahrungsgrundlage.
Lebensraum Wisent
In Mittel-, West- und Südeuropa gab es Wisente. Diese waren die optisch etwas kleinere Bison-Ausführung. Die männlichen Tiere konnten aber auch bis zu einer Tonne schwer werden. Ende des 19. Jahrhunderts, die Welt war dazumal von rund 1,6 Milliarden Menschen besiedelt, starben beide Wildrinderarten fast komplett aus. Der Lebensraumverlust durch den Ackerbau, die Waldabholzungen und die Zunahme der Bevölkerung, waren die Hauptursache für die Bestandesabnahme.
Lediglich in der Obhut zoologischer Gärten überlebten einige wenige Wisente. Ja und jetzt will man die Wisente mit einem Testprojekt wieder bei uns in der Schweiz an- beziehungsweise aussiedeln. Nicht bei Winnetou in der weiten Prärie, nein, bei uns im Jura.
Wenig Freude für Waldbesitzer
Gut, für die Menschen besteht keine Gefahr, dass sie von einem herumspazierenden Wisent gefressen werden. Die Tiere sind Vegetarier und fressen ausschliesslich Gras, Kräuter, Laub, junge Triebe, Wurzeln und Baumrinden. Ausgewachsene Tiere brauchen davon rund 30 bis 60 kg pro Tag. Einzig die Scheuheit der Tiere und der Mutterinstinkt können bei dem bis zu 60 Kilometer pro Stunde schnellen Wildtier gefährlich werden. Ich sehe sie schon, die rennend-schreienden Freizeitwanderer im Jura. Ebenso wenig werden die Waldbesitzer erfreut sein, beim Anblick des geschälten Baumbestandes. Die Hitze und der Borkenkäfer waren Peanuts dagegen.
Ko-Existenz Bevölkerung - Wildtiere?
Langsam, aber sicher frage ich mich, was unserer Gesellschaft fehlt. Sie wollen Wölfe, Bären und jetzt noch Wisente ansiedeln. In der einer Schweiz, deren Bevölkerung innert 120 Jahren von drei Millionen auf rund 8,6 Millionen gewachsen ist. Einer Bevölkerung, die mittlerweile nicht mehr wie anno dazumal in Generationengemeinschaften mit Hüttenbetten lebt, sondern einen enormen Platzbedarf für den exorbitanten Wohlstand benötigt.
Ja, auch ich komme ins Schwärmen und Träumen, wenn Kevin Costner «mit dem Wolf tanzt». Aber die Realität holt einem spätestens beim Anblick des vom Wolf tot gebissenem Rindes ein.
Alle, die sich die Winnetou-Romantik zurückwünschen, müssten das entsprechende Wildtier im eigenen Garten halten und nicht der Allgemeinheit und der Landwirtschaft zumuten. «Hugh – ich habe gesprochen!»

