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Klauen schneiden hält offenbar jung

Robert Grossen schneidet seit 45 Jahren jährlich die Klauen von 2500 bis 3000 Kühen. Zeit für den Ruhestand hat er nicht.

Konzentriert schneidet Robert Grossen die Klauen der Kuh. Mit kräftiger, sicherer Hand führt er eine mit Messern bestückte Scheibe über die Klaue. Die Klauenspäne schiessen in hohem Bogen fort. Robert Grossen arbeitet präzis, jeder Handgriff sitzt. Kein Wunder, denn der 77-Jährige schneidet schon seit 45 Jahren Klauen von Kühen. Man würde ihn mindestens 15 Jahre jünger einschätzen, denn er besitzt immer noch Kraft, Geschick und Beweglichkeit, die es für die Arbeit des Klauenpflegers braucht.

Von Kandergrund ins Tösstal

Auf dem Ackermatthof von Monika und Stefan Rindisbacher schneidet Robert Grossen an diesem kühlen Morgen die Klauen der 23 Milchkühe. Frühmorgens ist er von Rikon ZH im Tösstal mit Auto und Anhänger zum Ackermatthof aufgebrochen. Dort angekommen hat er den Klauenstand im Laufhof platziert und ihn an den elektrischen Strom angeschlossen.

Der Landwirt Stefan Rindisbacher hat Abtrennungen im Laufhof aufgestellt, um eine Kuh nach der anderen zum Klauenstand treiben zu können. Robert Grossen kennt sich auf dem Ackermatthof aus, denn hier hat er bereits im Jahr 1976 die Klauen der Kühe geschnitten, damals für das Vieh von Fritz und Marianna Rindisbacher, die Eltern von Stefan Rindisbacher. Damals hat er je nach Herdengrösse Klauen zum Preis von 8 bis 15 Franken pro Tier geschnitten.

Klauen schneiden hält offenbar jung
Robert Grossen (l.) mit Monika und Stefan Rindlisbacher aus Busslingen AG: Am Tag des Besuchs der BauernZeitung pflegt Grossen ihre Milchkühe.

Aufgewachsen ist Robert Gros­sen in der Gemeinde Kandergrund im Berner Oberland als Sohn eines Älplers. Nach dem Besuch der Landwirtschaftsschule war er als Melker bei Fritz Bodenmann. Während seiner Anstellung besuchte Grossen den Klauenschneider-Kurs. Anschliessend erhielt er eine Bewilligung, um als Klauenpfleger im Aargau tätig zu sein, später holte er die schweizerische Bewilligung ein. Klauen schnitt Robert Grossen erst in seiner Freizeit als Melker, dann als Bewirtschafter eines Landwirtschaftsbetriebes in Wülflingen ZH und ab 1984 bis 2005 als Baggerführer nebenbei.

«Der Europameisterin schnitt ich alle vier Monate die Klauen.»

Robert Grossen schnitt im Verlauf seiner Klauenpfleger-Karriere weit über 100 000 Kühen die Klauen. Dabei sah er viele gesunde und kranke Klauen und sammelte Erfahrungen «13 Jahre war ich Instruktor beim Klauenschneide-Kurs am Tierspital Zürich», erinnert er sich. Gros­sen wurde auch von Viehzüchtern gerufen, um Ausstellungskühen vor dem Auftritt einen perfekten Klauenschnitt zu verpassen. «Der Europameisterin der Rasse Brown Swiss habe ich alle vier Monate die Klauen geschnitten, damit sie an den Schauen perfekt lief», schwelgt er in Erinnerungen.

Klauen schneiden hält offenbar jung
Robert Grossen: vom Landwirt zum Melker, zum Baggerfahrer und schliesslich zum gefragten Klauenschneider.

Nach seiner Frühpensionierung im Jahr 2005 machte er gleich weiter. «Ich schneide jährlich 2500 bis 3000 Kühen die Klauen, aber jetzt nehme ich es ruhiger. Ich habe einen Teil meiner Kundschaft mit Mutterkühen an andere Klauenpfleger abgegeben», erzählt er, denn Mutterkühe seien lebhafter als Milchkühe. Seine Arbeit habe sich zudem wesentlich erleichtert, als er vor zwölf Jahren einen hydraulisch höhenverstellbaren Klauenstand anschaffte.

Laufställe bedeuten Laufen

In den 45 Jahren hätten sich die Ställe, die Zucht und die Fütterung der Kühe grundlegend verändert, erzählt der Klauenschneider. Er erinnert sich: «Im Anbindestall wurden Kühe mit schlechten Klauen oft nicht aussortiert, aber das änderte sich mit dem Aufkommen der Laufställe». Im Laufstall läuft eine Kuh zum Futter, zum Wasser und zum Melkstand oder Melkroboter und das schaffe sie mit kranken Klauen nicht. Sehr wichtig sei, dass in den Laufställen Boden und die Laufgänge sauber und trocken seien, denn so breite sich die gefürchtete Erdbeer- oder Mortellaro-Krankheit nicht aus.

«Klauenprobleme sind sehr oft auf Haltungs- und Fütterungsfehler zurückzuführen», musste der erfahrene Klauenschneider erfahren. Ende der 1960er-Jahre wurde die Milchleistung der Milchkühe sehr rasch mit der Einkreuzung von milchbetonten Rindviehrasen erhöht. Sehr oft sei die Fütterung der Kühe aber nicht entsprechend angepasst worden. «Einzig mehr Kraftfutter wurde verfüttert, was eine Pansenübersäuerung auslöste», beobachtete Grossen. Eine der Folgen davon seien Klauenkrankheiten. Dank Fütterungsberatung und Futtermischwagen hätte sich die Gesundheit der Klauen der Hochleistungskühe stetig verbessert, so Grossen.

Lob für junge Viehzüchter

Die Klauengesundheit hier auf dem Ackermatthof sei bisher sehr gut, wie der Fachmann feststellt. Vor zehn Monaten hat er auf dem Betrieb das letzte Mal Klauen geschnitten «und wie damals erwarte ich auch heute keine Problemkühe», betont er. Wenn er im Abstand von fünf bis sieben Monaten die Klauen schneide, könne er Klauenprobleme rascher behandeln. «Richtig schneiden, so dass die Kuh waagrecht auf dem Tragrand der Klaue steht», lautet sein Rezept. «Der Umgang mit dem Vieh hat sich in all den Jahren deutlich verbessert», lobt der Klauenschneide-Profi die Bauern.

Tierarzt wusste nicht weiter - Grossen aber schon

Die neue Generation gehe ruhig mit dem Vieh um. Auch das sei eine Voraussetzung für die hohen Leistungen, welche die Kühe heute erbrächten. «Je besser der Umgang mit Kälbern und Jungtieren ist, umso leichter ist der Umgang mit den erwachsenen Kühen», hat er in all den Jahren festgestellt.

Stefan Rindisbacher schätzt Robert Grossens praktische Erfahrung: «Mein Tierarzt wusste bei einer lahmen Kuh nicht mehr weiter, aber Robert Grossens Behandlung schlug an – die Kuh wurde gesund». Manchmal wisse auch er nicht mehr weiter, entgegnet Robert Grossen, dann empfehle er, die Tierärztin zu rufen. Und der Preis für das Klauenschneiden sei seit 1976 auch gestiegen: Heute verlangt er je nach Herdengrösse 15 bis 20 Franken pro Kuh. Und seine Vermutung war richtig: Alle Kühe auf dem Ackermatthof hatten gesunde Klauen.

Betriebsspiegel Ackermatthof

Arbeitskräfte: Monika und Stefan Rindisbacher, Fritz und Marianna Rindisbacher, ein Angestellter und Zivildienstleistende. Auf dem Hof leben auch Rindisbachers Kinder Timon, Andrea und Tobias. Ort: Busslingen (Aargau) Betrieb: 39 Hektaren, biologisch, 23 Milchkühe, Fütterung ohne Kraftfutter, 70 Bio-Weiderinder auf einem Pachtbetrieb in Niederrohrdorf AG, 15 Spiegelschafe Ackerbau: Weizen und Kartoffeln

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