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Kerstin Treydte erforscht das Gedächtnis der Bäume

Bäume sind Zeitzeugen von Umweltveränderungen. Dendrochronologin Kerstin Treydte schreibt mit an den Geschichtsbüchern der Natur.

«Alle Bäume haben Jahrringe.» Vermutlich bejahen die meisten diese Aussage. Doch dem sei nur fast so, erklärt Kerstin Treydte, Jahrringforscherin an der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL. Sie befasst sich seit Jahren als Dendrochronologin mit Wäldern und Bäumen, das heisst sie ist Baum-(= Dendron-)Geschichtsschreiberin. Sie schreibt mit an den Geschichtsbüchern der Natur.

Palmen und Bäume in den Innertropen haben zum Beispiel keine Jahrringe, jene in den Subtropen manchmal, weil dort das Wachstum der Pflanzen nicht durch Kälteperioden und nur unregelmässig durch Trockenperioden unterbrochen wird. Die im Stammquerschnitt jener Bäume sichtbaren Ringstrukturen sind Zuwachszonen, die nicht einem Kalenderjahr entsprechen. Damit genau ein Ring pro Kalenderjahr gebildet wird, braucht es ein ausgeprägtes Jahreszeitenklima mit einer Ruhephase im Winter, in der der Baum aufhört zu wachsen.

Fingerabdrücke der Zeit

Die Wissenschaftlerin schildert die Entstehung der modernen Jahrringforschung und wie Jahrringe als «Fingerabdrücke der Zeit» zur exakten Datierung von Gebäuden und Holzgegenständen, ja sogar Musikinstrumenten genutzt werden können. Hunderte von Dendro­chro­no­log(innen) versuchen weltweit, die Sprache der Bäume zu verstehen, um Aussagen über die Entwicklung von Klima und Umwelt in der Vergangenheit zu gewinnen. Dies erlaubt, die heutige Umweltsituation in einem grös­seren zeitlichen Zusammenhang zu sehen.

Die Breite eines Jahrrings widerspiegelt das jährliche Wachstum und die Vitalität eines ­Baumes. Sind die Wachstumsbedingungen schlecht, fällt der Jahrring schmal, andernfalls breit aus. Niederschläge und Temperaturen sind von grosser Bedeutung. Daneben gibt es andere Einflüsse, die sich auf das Baumleben und damit die Jahrringbreite auswirken: Licht, Bodenbeschaffenheit, Erdbewegungen, Vulkanausbrüche, Wind, Wildverbiss, Schadstoffbelastung.

Infos aus 14'000 Jahren

«Trotz der vielen Einflüsse wachsen Bäume in einer Region oft alle sehr ähnlich», erklärt Kerstin Treydte. «Daher kann man Jahrringe aus Holzproben von lebenden Bäumen mit denen aus alten Gebäuden und sogar Holz, das vor sehr langer Zeit verschüttet worden ist und in Baustellen wieder gefunden wird, kombinieren.» So erhält man einen Kalender des Baumwachstums über viele Jahrtausende, manchmal sogar bis ans Ende der letzten Eiszeit zirka 14'000 Jahre vor heute, und kann abschätzen, wie sich die Umwelt verändert hat.

Zeugen des Klimawandels

Jahrringe erzählen aber nicht nur über längst vergangene Umweltbedingungen. Sie sind auch Zeugen des aktuellen Klimawandels. So reagieren Bäume in vielen Regionen Europas, aber auch weltweit zunehmend empfindlich auf die extremen Trockenperioden der letzten Jahre. In gewissen Regionen lässt sich sogar ein Anstieg in der ­Anzahl absterbender Bäume beobachten.

Misst man neben der Breite der Jahrringe beispielsweise auch chemische Parameter, die sogenannten stabilen Isotope, erhält man Informationen über den Stoffwechsel der Bäume. So erfahren die Forscher mehr über deren Vitalität. Kerstin Treydte: «Dies kann helfen zu klären, ­warum manche Bäume nicht überleben und andere sich anpassen können und aus welchen heute gepflanzten Baum­arten die Wälder der Zukunft im Optimalfall zusammengesetzt sein könnten.»

Kerstin Treydte studierte Geografie in Bamberg und Bonn und promovierte an der Naturwissenschaftlichen Fakultät Bonn und am Forschungszentrum Jülich. 2003 zog es sie beruflich in die Schweiz, für eine ­Stelle bei der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf ZH. Seither arbeitetet sie in der Gruppe Dendro-Wissenschaften, dem «Jahrring-Team» der Forschungsanstalt.

6000 Forschungsflächen

Rund 600 Mitarbeitende untersuchen an der WSL Veränderungen der Umwelt sowie die Nutzung und den Schutz von natürlichen Lebensräumen und Kulturlandschaften. Bereits 1888 wurden Versuchsflächen in unterschiedlichsten Wäldern eingerichtet, um mehr über deren Holzerträge zu erfahren. Heute beforscht die WSL über 6000 Versuchs- und Forschungsflächen, darunter Versuchsanlagen zu Steinschlag und Murgang. Es werden Experimente über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Wald und Flächen gemacht, die von Naturereignissen wie Sturm oder Waldbrand betroffen sind.

Ausstellung «Baumgeschichten»

Wer die Sprache der Jahrringe versteht, kann viel entdecken – sei es über das vergangene Klima oder die Ereignisse in der Lebenszeit eines Baumes. Die Ausstellung «Baumgeschichten» im Empfangsbereich der WSL in Birmensdorf gibt auf interaktive und anschauliche Weise Einblick in diese «Bibliotheken» der Natur. Teile der Ausstellung sind aber unter folgendem Link auch virtuell zugänglich. Weitere Informationen: dendro-expo.wsl.ch