Der Gateau Breton, den sie dem Gast vorsetzt, ist der erste, den Yvonne le Coeur gebacken hat, seit sie im April ihr Handgelenk brach. Darin ist viel Butter und Weizen aus dem Familienbetrieb. Ihr Sohn Christian schneidet den Kuchen, bringt Kaffee und übersetzt für seine 89-jährige Mutter. Er wird das Mittagessen für sie beide kochen und heute bei ihr übernachten.
Die Altbäuerin zeigt entschuldigend auf ihren rosa Morgenmantel. Die Spitex ist noch nicht vorbeigekommen, um ihr beim Anziehen zu helfen. Hilfe wie diese anzunehmen, war nicht einfach für die Frau, die Zeit ihres Lebens arbeitete und für alle sorgte.
Früh Verantwortung übernommen
Ihre eigene Mutter starb an den Folgen einer Operation, als Yvonne le Coeur 18 Jahre alt war. Sie hält beim Erzählen einen Moment inne. «Heute wäre das nicht geschehen.» So übernahm sie die Mutterstelle für den Bruder, im Haus und auf dem Hof. Gleich nach ihrem Schulabgang mit 15 Jahren begann sie, zu Hause auf dem kleinen Familienbetrieb zu arbeiten. «Ich habe die 15 Kühe immer alle von Hand gemolken», sagt sie stolz und führt mit den Händen die Melkbewegung aus. 1961 heiratete sie Louis le Coeur und zog zweieinhalb Kilometer weiter in ein 400 Jahre altes Bauernhaus.
Yvonne le Coeur öffnet ihr vergilbtes Hochzeitsalbum. Eine fröhliche Frau in einem schwingenden Hochzeitskleid neben dem schönen Louis. Die alte Dame lächelt, als sie die Fotos zeigt. Immer wieder steht sie während des Erzählens auf und bringt neue Bilder, etwa vom 80. Geburtstag ihres Mannes, der 2015 starb. Oder ein Foto von ihr selbst mit 18, in der üppigen Tracht ihrer Mutter. Schwerer, schwarzer Samt, reich bestickt mit Goldfäden, eine weisse Schürze. Das schneeweisse ‘Coiffe’, der berühmte hohe Spitzenhut der bretonischen Tracht.
Lange und schmale Häuser
Das alte Haus mit den dicken Steinmauern ist lang und schmal und wie in der Bretagne üblich nur ein grösseres Zimmer breit. Unten sind die Küche und Stube, oben die Schlafzimmer. Das gleiche nochmals nebenan für die Schwiegereltern, die ledige Tante und den Onkel. Im Estrich lagerte man das Getreide. Yvonne le Coeur lächelt, als sie nach dem Badezimmer gefragt wird, zuckt die Schultern und schüttelt den Kopf. Nein, das gab es nicht.
Die Arbeit auf dem Bauernbetrieb war hart; erst 1965 gab es eine Melkmaschine. Die Feldarbeit, der grosse Garten mit Gemüse und Früchten für die Familie und die Kunden, denen die Bäuerin auch die abgepackten Milchbeutel brachte. Die täglichen Milchtouren zu den Quartierläden vermisst sie am meisten aus ihrer Zeit als Bäuerin.

Die Welt ins Haus holen
Das Verhältnis zu den Schwiegereltern war eher schwierig, die Wohnung wurde zu klein für die vier Kinder. Daher baute Louis 1970 ein neues Haus gegenüber dem Hof, wo seine Frau heute noch wohnt. «C’était trop gros», sagt sie. Es war zu gross. Die vielen Fenster brauchen zu viel Zeit zum Reinigen.
Im alten Bauernhaus ist heute eine Ferienwohnung, die Yvonne le Coeur 30 Jahre lang betreute. Die Kommentare auf der Internetseite loben ihren Kuchen und ihre Gastfreundschaft. Gäste aus aller Welt kamen. «Wir reisten von zu Hause aus», freut sie sich. Die Arbeit ist ihr jetzt zu viel, aber der Blumenstrauss zur Begrüssung der Gäste wird immer noch von ihr gepflückt und zusammengestellt.
Alteingesessene Familie
Yvonne le Coeurs Aufmerksamkeit folgt dem Blick des Besuchers auf das schwere geschnitzte Buffet. Im oberen Teil stehen vier Reihen handbemalte Teller von Henriot, ein berühmtes Keramikhaus aus Quimper. Das sei das Hochzeitsgeschenk für ihre Schwiegermutter vor 100 Jahren gewesen, erklärt sie. Ihr eigenes Buffet steht auch in der Stube, ohne Teller, bescheidener. Der Name le Coeur ist einer der ältesten der Region Quimper, erzählt ihr Sohn. Die Familiengeschichte kann 500 Jahre zurückverfolgt werden.
Die Familie kümmert sich
Vor zwei Jahren gab Christian le Coeur seine Anstellung auf und übernahm den Hof. Die Mutter freut sich und ist gleichzeitig betrübt. «Die besten Felder sind ja alle weg», klagt sie. Sie wurden zwangsenteignet, an die medizinischen Institute, die am Rand von Quimper gebaut wurden.
Der Sohn wollte auch mehr Zeit haben, um für die Mutter zu sorgen. Auf dem Land hier werden die Eltern, wenn möglich, zu Hause betreut. Familien- und Nachbarschaftsbeziehungen sind engmaschig. In der Familie le Coeur gilt die Abmachung, dass die Mutter/Grossmutter nie nachts alleine gelassen wird.
Die Spitex ist gekommen. Yvonne kommt zurück ins Wohnzimmer, adrett in einem roten Oberteil und einer grauen Hose. Ob es schwierig sei, mit den neuen Einschränkungen zu leben? Die Dame schaut den Besucher nur an und lächelt ein wenig. «Die Bauern hier sind sich an ein einfaches Leben gewohnt», sagt ihr Sohn für sie. «Sie haben gelernt, das Leben so zu nehmen, wie es ist.»

