Die Hockeyschläger fliegen durch die Luft, die Frauen fallen sich in die Arme. Das Siegergoal gegen die Zürcher Lions sichert den «Ladies Lugano» den Meistertitel in der Liga A. Das war im März 2021. Im Lugano-Goal stand Alexandra Lehmann, ein 21-jähriges Farmgirl aus Nordwestkanada. Allie, wie sie auch genannt wird, hatte allerdings nicht lange Zeit um den Sieg zu feiern. Gleich anschliessend musste sie Semesterprüfungen schreiben und dann schleunigst nach Kanada reisen, wo die Getreideaussaat auf sie wartete.
Ohne Corona wäre die grossgewachsene Rothaarige nicht nach Lugano gekommen, noch hätte es sie zurück auf die Farm gezogen. Doch als die Pandemie im März 2020 ausbrach, blieben die erwarteten Schweizer Mitarbeiter für die Lehmann Farm in Cecil Lake, British Columbia, zuhause. Zudem wechselten die kanadischen Universitäten von Präsenz- zu Online-Vorlesungen. Das betraf auch Alexandra Lehmann, die im zweiten Jahr Neurowissenschaften studierte, sowie zwei ihrer Schwestern. Vater Fred Lehmann kam das gerade recht. Dann würde er halt die 530 Hektaren Getreide mit seinen vier Töchtern bestellen.
Sich durchbeissen
«Es blieb uns nichts anderes übrig», sagt Alexandra Lehmann. «Es lag an uns, diese Saat in den Boden zu bringen.» Sie und ihre Schwestern halfen schon früher ab und zu auf der Farm aus. Sie konnten eggen und auch die hochtechnisierte, 15 Meter breite Sämaschine oder den Mähdrescher bedienen.
Aber diesmal gab es kein Davonlaufen, wenn sie müde waren. Niemand übernahm den Traktor, wenn es im nassen Feld schwierig wurde. Alexandra Lehmann schätzte die vermehrte Verantwortung, das Mitdenken und Mitfiebern.
Mag grosse Maschinen
Im Herbst davor hatte es früh geschneit. So musste im Frühling noch einiges an Getreide gedroschen werden, ehe diese Felder bestellt werden konnten. Alexandra steuerte den Mähdrescher. Die zwei Jahre ältere Schwester Stephanie führte mit dem Überladewagen das Getreide ab. «Ich liebe die Arbeit mit den grossen Maschinen», schwärmt Alexandra. «Es ist so wie in einem riesigen Sandkasten.» Zwillingsschwester Christina bediente die Sämaschine.
Vater Fred führte Dünger und Saatgut aufs Feld und Getreide nach Hause und nahm die vielen Hilferufe seiner Töchter entgegen. «Der Frühling war sehr nass», erzählt Alexandra Lehmann. «Der Mähdrescher verstopfte laufend und ich konnte kaum zwei Schwade dreschen, ohne dass die Maschine im Morast stecken blieb.» Aber sie schafften es. Der Vater war stolz auf seine Töchter und sie auf das Erreichte.

Hockey vor Farm
«Dieser Frühling, während dem ich mich in die Farm verliebte, war einer der schlimmsten auf unserem Betrieb», sinniert die Farmerstochter. Eine Zukunft auf der Farm stand damals nicht auf dem Plan der Studentin. Wichtiger war ihr eine Hockey-Karriere.
Schon mit 16 Jahren verliess sie ihr Zuhause für die Hockeyschule. «Diese Ablösung tat mir gut», beteuert sie. «Als Teenager fand ich meine Eltern etwas peinlich. Die Distanz lehrte mich, sie zu schätzen.» Heute spricht sie fast täglich mit den Eltern. «Oft diskutieren Dad und ich, was als nächstes auf dem Betrieb anliegt.»
Ziel Nationalmannschaft
Da ihr Studium Corona-bedingt weiterhin Online geführt wurde, konnte Alexandra Lehmann ihren Traum verwirklichen, in der Schweiz Hockey zu spielen. Durch ihre Schweizer Mutter hatte sie Beziehungen zum Land. Sie schrieb ein E-Mail an die Swiss Hockey Association – und bekam eine Einladung von Lugano.
Seit Herbst 2020 hütet Alexandra Lehmann nun das Goal der Lugano Ladies. «Mein Ziel ist es, in der Schweizer Nationalmannschaft zu spielen», sagt sie. Wöchentlich trainiert sie dort im Ersatzteam. Für einen Einsatz an der Olympiade reichte es noch nicht.
Hohe Ideale
«Hockey ist mit harter Arbeit und Schmerzen verbunden», betont Alexandra Lehmann. «Aber Hockey hat mich in die Schweiz gebracht und vorher in die USA. Hockey macht mein Leben reich.» Der durchtrainierte Körper kommt nicht von alleine. Profisport zu treiben und gleichzeitig online zu studieren braucht eine Menge Selbstdisziplin. Umso mehr, als die Studentin erst zufrieden ist, wenn sie Höchstnoten erreicht.
Diesen März stehen die Cupspiele mit dem Eishockey-Team an, dann gehts wieder nach Kanada. «Nach einem Winter in der Stadt freue ich mich auf die Farm», sagt das Landkind. «Jedes Jahr ist anders. Du legst den Samen in den Boden, erlebst wie er gedeiht, dann die Ernte – das befriedigt mich zutiefst. Auf der Farm bin ich ganz anders präsent als in der Schule.»
Ob Alexandra Lehmann eines Tages die Farm übernehmen möchte? «Vielleicht.» Zurzeit ist noch alles offen. Doch noch einen Master in Neurowissenschaften machen? Ein Agronomiestudium beginnen? Jetzt macht sie mal Pause vom Studieren. Und nächste Saison wird sie sicher wieder in der Schweiz Hockey spielen. «Die Farm läuft mir noch nicht davon.»

