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Familienplatzierung: «Bauernfamilien sind gute Vorbilder»

Caroline und Rolf Streit nehmen Jugendliche auf ihrem Bauernhof auf und pflegen eine gute Zusammenarbeit mit der Caritas. Auf ihrem abgelegenen Betrieb sind ungute Alltagsgewohnheiten weit weg.

Seit 1992 ist das Betriebsleiterpaar Rolf und Caroline Streit für verschiedene Institutionen tätig und betreut Pflegekinder. Aktuell arbeiten sie mit der Caritas-Familienplatzierung zusammen. Familie Streit ist auf einem Bauernhof in der Bergzone II und III zu Hause. Sie bewirtschaften einen gepachteten Biobetrieb mit 22 ha Fläche inklusive Alpgebiet. Sie besitzen Schafe, Hühner, 13 Kühe und Ausmastkälber. Der Biohof liegt auf 1000 m ü. M, hoch über dem Dorf Galgenen. Rolf Streit ist Vollzeit auf dem Betrieb tätig, Caroline arbeitet zusätzlich 20 bis 30 Prozent als Arzthelferin im nahe gelegenen Dorf.

Auf Bedürfnisse eingehen

Der Besuch bei Familie Streit fand zusammen mit Anton Hofstetter von der Caritas-Familienplatzierung in Luzern statt. Er besucht regelmässig die verschiedenen Pflegefamilien, sei es für Standort-, Abschluss- oder Erstgespräche. Die Familienplatzierung in der deutschsprachigen Schweiz hat im Moment rund 40 aktive Familien, welche einen Platz für Kinder oder Jugendliche zur Verfügung stellen. «Das sind sowohl Familien auf dem Land wie auch in der Stadt. Es können Familien mit oder ohne Kinder sein», so Anton Hofstetter. Es sei wichtig, verschiedene Familien zur Auswahl zu haben, jedes Pflegekind habe andere Bedürfnisse.

Es gibt viele unterschiedliche ­Anspruchsgruppen wie zum Beispiel Krisenplatzierungen, Dauerplatzierungen oder Wochenendplatzierungen. «Bei uns ist es sicherlich ein Vorteil, dass wir abgelegen sind. Ein Jugendlicher, der weg von seinen Alltagsgewohnheiten kommen muss, ist hier gut aufgehoben», erklärt Caroline Streit. Doch nicht jeder Jugendliche sei freiwillig auf dem Hof. Einer wollte wieder ins Tal hinunter, doch auf halbem Weg sei er umgekehrt. «Der Weg war ihm zu weit», berichtet Rolf Streit und lacht.

«Bei uns ist ein Vorteil, dass wir abgelegen sind.»

Es sei einfacher, vom Alltag wegzukommen, bei ihnen auf dem Hof, so Rolf Streit.

Offen sein für Neues

Das Betriebsleiterpaar war schon immer sehr interessiert an anderen Kulturen, Religionen, Gewohnheiten und Menschen. «Wir lesen viele Bücher und informieren uns stets neu», berichtet Rolf Streit. «Ich finde, es ist wichtig, offen zu sein und auch mit sich selber im Reinen zu sein», so Caroline Streit. Man müsse auch begründen können, wieso man jetzt etwas verbiete oder Nein sage. Manchmal erwische man sich dann selber und müsse sich eingestehen, dass es nicht nur eine Meinung gibt und man Kompromisse eingehen müsse. Der zuständige Sozialpädagoge von der Caritas macht zusammen mit den Jugendlichen Regeln ab. Caroline und Rolf Streit seien froh, sich darauf stützen zu können. «Das hilft uns, wir können dann auch mal sagen, Handy nur bis 10 Uhr abends, das ist so abgemacht. Es entschärft die Situation etwas», findet Caroline Streit. Eine gefestigte Partnerschaft sei sehr wichtig, man müsse viel miteinander ausdiskutieren, berichtet das Ehepaar Streit. «Die Jugendlichen sollen keine Möglichkeit haben, uns gegeneinander auszuspielen», erklärt Caroline Streit weiter. Eine weitere Herausforderung sei manchmal, dass man sich damit auseinandersetzen müsse, dass eine Platzierung auch scheitern könne.

Geduld und Zeit sind gefragt

Caroline und Rolf Streit stellen aus ihren Erfahrungen fest, dass die Jugendlichen heute viel mehr mit dem Handy beschäftigt sind. «Das Werken oder mit den Händen Arbeiten muss teilweise neu erlernt oder vermittelt werden», berichtet Rolf Streit. Die platzierten Kinder helfen nach ihren individuellen Fähigkeiten auf dem Betrieb mit. «Man braucht viel Zeit, Geduld, Verständnis und Humor für diese Aufgabe», erklärt Rolf Streit. «Wichtig ist uns, dass das Pflegekind lernt, Verantwortung zu übernehmen, sei es auch nur beim Füttern der Katzen oder Hühner. Schön ist es, wenn man ihnen ein Erfolgserlebnis vermitteln kann», fügt Caroline Streit hinzu.

«Wir haben vor allem in den Herbst- und Wintermonaten Pflegekinder. Dann haben wir mehr Zeit, um aktiv für jemanden da zu sein», denn das Zusammenleben und -arbeiten könne auch eine bereichernde und interessante Aufgabe sein, so Rolf Streit.

Die Caritas-Familienplatzierung kurz erklärt

Die Caritas-Familienplatzierung der Deutschschweiz wird von Luzern aus geführt. Das sechsköpfige Team sucht, betreut und vermittelt Pflegeplätze. «Man hat immer zu wenige Familien in der Reserve. Da nicht jedes Kind dieselben Bedürfnisse hat, sind die Fachstellenmitarbeitenden sehr froh, eine Auswahl aus verschiedensten Familien treffen zu können», berichtet Anton Hofstetter, Sozialpädagoge bei der Caritas-Familienplatzierung. Es gibt verschiedene Arten der Platzierung: Wochenend- und Ferienaufenthalte, Dauerplatzierungen, Kriseninterventionsplätze und eine sogenannte «Persönliche Leistung», angeordnet durch eine Jugendanwaltschaft. Tagesstrukturen sind für die Kinder sehr wichtig. «Daher sind Bauernfamilien ein grosses Vorbild, es gibt eine Struktur im Alltag der Bauern, das hilft den Kindern», so Hofstetter.

Voraussetzung für eine Pflegefamilie ist, dass man offen und neugierig ist. Es braucht ein positives Menschenbild, Freude im Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Bodenständigkeit und eine hohe Reflexionsfähigkeit. Eine pädagogische Ausbildung wird nicht vorausgesetzt. Die Caritas bietet jedoch regelmässig Weiterbildungen an, um sich auszutauschen und weiter zu entwickeln. Die anspruchsvolle Aufgabe als Pflegefamilie entspricht einem sozialen Engagement, wird entlöhnt und ist somit mit einem Nebeneinkommen verbunden.

Interessierte Familien können sich weiter informieren unter Telefon 041 419 22 77 oder www.caritas.ch/pflegefamilie.

Am 15. März 2021 findet in Luzern eine Informationsveranstaltung statt.

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