Die erste Geschichte ereignete sich zur Jugendzeit meines Vaters im Hohlengraben zu Ober Erlinsbach. Der «Schmitz Jöry Sepp» alias Pfister Josef war ein hablicher und Respekt einflössender Bauer. Die Jungen trauten nicht ihm zu widersprechen. Also wollte man ihm in einer 1. Mainacht einen Denkzettel verpassen. Als die Nacht kam, versammelten sich die jungen Burschen in der Nachbarschaft bei einer Runde Most und warteten bis «Schmitz Jöry Sepp» sicher im Bett war.
Der erste Streich: Der Plan mit dem Mistwagen
Ihr Plan war, einen eisenbereiften, vierräderigen Mistwagen auf den Dachfirst des strohbedeckten Hauses von Pfister Sepp zu stellen und mit Mist zu beladen. Als die Burschen sicher waren, dass sich Sepp und seine Frau in ihrem verdienten und gesunden Schlaf befanden, begannen sie mit der Arbeit.
Der Wagen wurde in Teile zerlegt und auf dem Dachfirst wieder zusammengestellt. Nachher trug man den Mist in Körben hinauf, bis der Wagen voll war. Obwohl alles gut organisiert war und lautlos über die Bühne ging, erwachte Sepp während der Aktion und ging ans Fenster. Er hatte das Gefühl etwas stimme nicht. Also zog er sich an und schlich aus dem Haus.
Unerwartete Reaktion
Als er draussen war und sah was ab ging, versteckte er sich und wartete bis die Burschen fertig waren. Erst als sie den letzten Korb mit Mist auf dem Wagen hatten, trat der «Schmitz Jöry Sepp» aus seinem Versteck hervor.
Alle erwarteten eine zünftige Standpauke. Aber weit gefehlt. Er rühmte die gute Arbeit und lud alle zu einem währschaften Imbiss in der Küche ein. «Aber nachher müsst ihr den Wagen mit dem Mist wieder herunterholen», befahl er.
Der zweite Streich: die gut gesicherte Gartenbank
Ein weiteres 1. Mai Müsterchen spielte sich viele Jahre später ab. Da war ich selbst dabei. An der Stüsslingerstrasse 1wohnte Thomas von Felten mit seiner Familie. Zur Familie gehörte auch sein älterer Bruder der Alois, er war ledig und für die Landwirtschaft zuständig. Alois sorgte sich auch, dass ums Haus immer Ordnung und sauber war.
Vor dem Hauseingang hatten sie eine grosse und schöne Gartenbank, und weil sie so nah am Trottoir stand, setzten sich auch Spaziergänger darauf. Dass es noch schöner aussah, pflanzte der Alois links und rechts von der Bank in zwei grossen Kübeln Stauden und Blumen an.
Eine Kette gegen Nachtbuben-Streiche
Nun kam wie alle Jahre wieder die 1. Mainacht. Es war nun Alois grösste Sorge, dass ihm die «Maibuben» die schöne Bank entwendeten. Daher sicherte er die Bank mit einer langen Kette an den beiden Erdkübeln, von denen einer über 100 kg wog.
Als wir das auf einem Streifzug durchs Dorf sahen, wie Alois seine Bank gesichert hatte, reizte es uns besonders ihm einen Streich zu spielen. Wir warteten bis morgens 4 Uhr und gingen dann rasch aber ruhig ans Werk. Zu sechst trugen wir die Erdkübel und die Bank weg. Da kein Restaurant mehr offen hatte mussten wir unsern Durst bei uns zu Hause in der Küche löschen aber nur kurz, denn für den Vater war bald Zeit in den Stall zu gehen.
Wenig Schlaf und harte Arbeit
An jenem 1. Mai wollte der Vater, weil es schönes Wetter war, unbedingt die Kartoffeln im «Ghürstli» hacken, natürlich von Hand. Da mussten wir grössere Kinder mit und helfen und das rechtzeitig am Morgen, so dass wir abends fertig waren.
Für mich war es ein harter Tag. Die fast schlaflose Nacht machte mir zu schaffen. Noch mehr zu schaffen, machte mir aber der Alois von Felten der kam bei unserem Grundstück vorbei um auf seinem «Plätz» auch die Kartoffeln zu hacken. Als er unseren Vater erblickte, ging er auf ihn zu und erzählte ihm, was sich letzte Nacht ereignet habe.
Er sei doch nicht einmal ins Bett gegangen bis morgens 3 Uhr, um aufzupassen, dass nichts geklaut werde. Und dann am Morgen sei alles fort gewesen, klagte er unserem Vater. Ja und bis er die schweren Erdkübel mit der Bank wieder zu Hause hatte. Er habe noch Nachbarn zu Hilfe rufen müssen. Es nehme ihn nur wunder, welche Saububen ihm das angetan hätten, ja wenn er das wüsste, denen würde er den Meister zeigen.
So ereiferte sich der Alois und der Vater stimmte mit ihm überein und half dem Alois über die nichtsnutzige Jugend zu wettern. Der Vater wusste ja nicht, wer bei diesem Streich alles dabei war. Ich war auf jeden Fall froh, dass wir rechtzeitig fertig wurden mit Kartoffel hacken.
Der dritte Streich: Der Hofhund und die Cervelats-Verlockung
Eine andere 1. Mai Geschichte spielte sich im Nachbardorf Stüsslingen ab, dort wohnte unser Vetter Otto. Er besass einen stattlichen Bauernhof und war ab und zu die Zielscheibe der Maibuben. Mit zunehmendem Alter wurden ihm die 1.-Mai-Streiche überdrüssig. So verkündete er im Restaurant Jura nach seinem obligatorischen Sonntagsjass, dass ihm dieses Jahr niemand am 1. Mai etwas vom Haus wegtragen werde. Er habe sich nämlich einen scharfen Schäferhund gekauft, der den Hof prima bewachen würde.
Von dieser Ankündigung vernahmen auch die jungen Burschen im Dorf und einige studierten schon, wie sie im «Schwoobe Otti» trotz- dem einen Streich spielen könnten. Nun «dr Lähmaa Wältu» alias Meier Walter war selten um eine Idee verlegen. Er wusste bald einmal genau was in der kommenden 1. Mainacht zu tun war.
Käserei mit Hundehaus
Am Vorabend gingen «s’Schwoobe Otti» und seine Frau Sophie rechtzeitig ins Bett, denn sie konnten sich getrost zur Ruhe legen, sie hatten ja einen guten Hund, der den Hof bewachte.
Der «Lähmaa Wältu» und seine Kumpanen wurden in der zweiten Nachthälfte aktiv. Als sie in die Nähe des Hofes kamen, gab der Hund an und bellte. Wältu aber hatte vorgesorgt, mit Cervelat-Möckli brachte er den Hund zum Schweigen, ja er brachte den Hund so weit, dass er ihm nachlief.
Wältu nutzte die Gunst der Stunde und nahm den Hund an eine Leine. Dann marschierte er mit ihm zur Käserei und band ihn am Treppengeländer fest. Die Kumpane von Wältu sorgten dafür, dass auch das Hundshaus zur Käserei kam. So war «Schwoobe Otti’s» Wachposten bei der Käserei platziert und begrüsste am 1. Mai-Morgen die Bauern, die zur Käserei kamen.
Als Otti am Morgen in den Stall ging, und sowohl der Hund wie auch das Hundehaus weg waren, ahnte er was geschehen war. Also spannte er nach dem Melken Pferd Max vor den Brückenwagen, lud die Milch auf und fuhr Richtung Käserei. Der Hund winselte ganz geschlagen als er den Meister mit dem Ross kommen sah, als wenn er wüsste, dass er versagt hatte.
Zur Person
Paul von Däniken (89) machte eine Lehre als Elektro-Mechaniker und übernahm 1963 den elterlichen Landwirtschaftsbetrieb in Ober-Erlinsbach. Er war Präsident der lokalen Milch-Genossenschaft und im Vorstand des Aargauer Milchverbandes. 1988 verkauften er und seine Frau Dora den Hof, da der Zonenplan änderte und kaufe die Ferme La Providence in Corban JU. 1994 übernahm Sohn Martin von Däniken-Rüegger den Hof, Vater Paul von Däniken half bis 2008 weiter mit. «Mein Bezug zur Landwirtschaft gründet in der Erkenntnis dass der Beruf Bauer der wichtigste und anspruchsvollste Beruf ist und bleibt», schreibt er. «Es war mir immer ein Anliegen die Interessen der Bauern zu vertreten.»[IMG 2]

