Heute vor einem Jahr ist die russische Armee in die benachbarte Ukraine eingedrungen und hat einen Krieg vom Zaun gerissen, der bereits Tausenden von Menschen das Leben gekostet hat. Leid und Verderben brachte die Invasion auch für ländliche Gebiete.
Verluste von 7 Milliarden US-Dollar
Noch ist es in vielen Bereichen fast unmöglich, genaue Zahlen zu erhalten. Doch Schätzungen gibt es. Laut dem amerikanischen Magazin «Progressive Farmer» belaufen sich die kriegsbedingten Verluste der ukrainischen Farmer bis anhin auf 7 Mrd US-Dollar.
Die Russen, welche bekanntlich auch vor dem Diebstahl von WC-Schüsseln nicht haltmachen, sollen 84 200 Landmaschinen und Traktoren gestohlen haben. Lagerkapazität für 10 Mio t Getreide – meistens Silos – wurde zerstört.
Exporte stark erschwert
Dazu kommt, dass Zehntausende von Hektaren aufgrund der russischen Eroberungen zumindest vorübergehend nicht mehr zur ukrainischen Landwirtschaft gezählt werden können. Dort, wo das Land zurückerobert wurde, ist es häufig vermint, was die Bearbeitung zum russischen Roulette werden lässt.
Ungeachtet dessen und allen Widrigkeiten zum Trotz ist in weiten Teilen des Landes unverdrossen weiterproduziert worden. Das Problem war allerdings dann, dass die Russen die Hauptexportroute der grossen beziehungsweise grössten Getreide- und Ölsaatenexporteurin, das Schwarze Meer, blockierte.
Der internationale Druck gegen diese Massnahme wurde aber derart hoch, dass im Juli 2022 ein Abkommen zur Anwendung kam, das zumindest einen Teil der Exporte ermöglichte, auch im Interesse der internationalen Ernährungssicherheit.
Preise teilweise schlecht
Trotzdem sind die Lager dort, wo sie nicht zerstört sind, vielerorts noch keineswegs geleert, auch weil die unübersichtliche Preissituation zum Teil sehr unbefriedigend war und weil Transporte zu den Häfen sehr teuer sind.
Ohnehin leidet die ukrainische Landwirtschaft sehr stark unter dem Kostenumfeld. Treibstoffe, Dünger und Saatgut waren dabei nicht nur deutlich verteuert, sondern zum Teil auch sehr schwer erhältlich. Als die russische Armee im Herbst begann, gezielt Energieinfrastruktur zu bombardieren, haben sich die Probleme noch verschärft.
Dazu kommt eine sehr herausfordernde Situation auf dem Arbeitsmarkt. Dass Mitarbeitende aufgrund der Bedürfnisse der Armee praktisch jederzeit eingezogen werden können, hat zu einer teilweisen Entvölkerung der ländlichen Regionen geführt. Oft fehlt es schlicht an den nötigen Arbeitskräften für die Bewirtschaftung des Lands und die Arbeit in den Ställen.
Die Aussichten auf die Saison 2023 sind wenig rosig. Noch stehen gemäss übereinstimmenden Informationen diverser Quellen grosse Mengen von Getreide und Mais ungeerntet auf den Feldern. Es fehlte an Treibstoff und fahrtüchtigem Gerät, oder das nasse Wetter liess die Ernte nicht zu.
Zur Verfügbarkeit von Produktionsmitteln gibt es widersprüchliche Angaben. Es gibt Stimmen, die von einer noch schwierigeren Ausgangslage als 2022 sprechen. Letztes Jahr hätten die Bauern noch Reserven an Produktionsmitteln gehabt, die heute aufgebraucht seien. Andere Auskunftspersonen, wie etwa Thomas Graf (s. unten stehende Stimmen) nehmen die Versorgungssituation als etwas entspannter wahr.
Angst vor dem Jahrestag
Sicher ist, dass es weiterhin extrem herausforderungsreich bleibt, im kriegsversehrten Land Erfolg versprechend Landwirtschaft zu betreiben. Eines der grössten Probleme ist hier auch der Mangel an Perspektiven, wer weiss schon, wie lange dieser Krieg noch dauert. Aber die nächste Gefahr lauert immer kurzfristig. Derzeit fürchtet man auf den Betrieben wie überall im Land allfällige verstärkte Angriffe der Invasoren aufgrund des Jahrestags.
Stimmen von Betroffenen: Was bedeutet der Krieg für Gesellschaft und Landwirtschaft?

Wir haben nur für 100 Studenten Kellerplätze
Wir leben und unsere Studenten studieren. Die Schulgebäude sind nicht beschädigt. Wir arbeiten im Online-Offline-Modus. Ein Teil der Student(innen) kann zum Unterricht kommen, aber nur maximal 100, wir haben nicht mehr Platz im Luftschutzkeller. Was die Landwirtschaft angeht, haben wir Probleme mit dem milden Winter, rund 30 Prozent des Körnermaises aus dem letzten Jahr stehen noch auf den Äckern, weil die Mähdrescher auf dem zu weichen Boden nicht fahren können. Im Moment sind die Weizenpreise sehr schlecht, deshalb wollen viele Bauern nicht verkaufen.
Volodymyr Ladika ist Rektor der Landwirtschaftshochschule in Sumy, Ukraine.

Wir leben in ständiger Angst vor Raketen
Ich lebe mit meinen Eltern bei Lemberg, 1200 km vom Kriegsgebiet entfernt. Aber wir leben ständig in Angst vor Raketen-angriffen. Fast täglich hören wir eine Sirene, die uns mitteilt, dass es einen Raketenangriff geben könnte, und dann wird alles geschlossen, Kindergärten, Schulen, Geschäfte, und alle Leute gehen in sichere Zufluchtsorte, das können Keller in Häusern sein und so weiter. Über die Landwirtschaft kann ich nicht viel sagen, aber dieses Kriegsjahr ist ein schwieriges Jahr, das allen Sektoren der Wirtschaft Rekordverluste beschert hat.
Oksana Sudorushyn ist aus der Ukraine ins Seeland geflüchtet und hat dort 2022 auf einem Gemüsebetrieb gearbeitet, zurzeit weilt sie wieder in der Heimat.

Die Armee braucht immer neues Personal
Unser Betrieb ist nicht direkt im Kriegsgebiet. Die Raketen fliegen zwar darüber, schlagen aber nicht bei uns ein. Darüber muss man froh sein, aber die psychologische Belastung ist enorm, auch weil niemand weiss, wie lange dieser Krieg geht. Seit einem Jahr ist die ganze Gesellschaft permanent bedroht, das zehrt sehr. Ein grosses Problem ist die Ungewissheit, ob und wann neue Leute eingezogen werden. Die Armee braucht immer wieder neues Personal. Was die Versorgung mit Saatgut und anderen Produktionsfaktoren angeht, scheint die Lage nicht mehr so kritisch wie vor Jahresfrist.
Der Schweizer Thomas Graf ist Mitgründer des Milchbetriebs Zoloti Luky in Parijvka.

Massive Einbrüche in der Produktion
Es ist kompliziert, die Leute in Europa sind langsam kriegsmüde, aber der Krieg geht weiter und es sterben jeden Tag Menschen. Deshalb müssen wir die Sensibilität unbedingt aufrechterhalten. Der Krieg betrifft vorläufig nur die Ukraine, aber er wird nicht einfach aufhören und mittelfristig auch andere Länder in Europa betreffen, ökonomisch, aber auch kriegerisch. Was die Landwirtschaft angeht, sind die Einbrüche in der Produktion massiv. Der Rindviehbestand ist wegen der Kriegswirren und Energiekrise aktuell 20 % tiefer als vor Jahresfrist und die Pouletproduktion ist um 50 % gesunken.
Natalia Politova ist Ukrainerin, die Veterinärin leitet eineTierarztpraxis in Kleindietwil BE.

