Wer sie einmal erlebt hat, kommt immer wieder: An die Emmentaler Alpabfahrt. Am Freitag, 15. September 2023, ist es wieder so weit und die Hirtschaften von der Lüderenalp, die Arnigesellschaft und vier weitere Genossenschaften kehren mit ihren 850 Rindern zurück ins Tal. Es ist eine alte Tradition, dass der Alpabzug am Freitag vor dem Bettag gross gefeiert wird. Mit Glockengeläut, welches wahrhaftig unter die Haut geht, laufen acht Hirtschaften mit ihren Rindern über Wasen nach Sumiswald. Drei Gruppen sind in Wasen zu bestaunen. Um 7.30 Uhr geht es los und die letzte Züglete wird zirka um 12.30 Uhr in Sumiswald eintreffen. In Sumiswald erwartet die Besucherinnen und Besucher neben Speis und Trank auch ein Markt und in der Hornbach-Pinte gibt es eine Festwirtschaft.
190 Hektaren gross
Unter den Hirtschaften ist auch die Familie Christian und Sabine Meister mit dabei. Seit vier Generationen, genau seit 1901, sind Meisters auf der Hinteren Lüderenalp als Hirten angestellt. Seit 2021 ist die Vordere Lüderenalp noch dazugekommen. «Beide Alpen führen wir seither mit meinen Eltern Fritz und Elisabeth in der Generationengemeinschaft», sagt Christian Meister. Die Alpgenossenschaft Lüderen ist 190 Hektaren gross. Von Anfang Juni bis zum Bettag werden hier rund 200 Rinder gesömmert. Für die ganze Familie Meister ist es eine lange Tradition, dass sie im Herbst mit ihren Sömmerungsrindern nach Sumiswald marschieren. «Wir machen das unglaublich gerne. Es ist ein schöner Abschluss, es gehört dazu», hält die Hirtenfamilie fest.
«Es ist ein schöner Abschluss.»
Christian Meister, Hirte auf der Lüderenalp
Mit Blumenschmuck
Jedes Tier bekommt dabei zur Treichel oder zur Glocke noch einen selbstgemachten Blumenschmuck umgehängt. «Zwanzig Frauen arbeiten einen Tag lang für diesen Blumenschmuck», erzählt Elisabeth Meister. Es sei inzwischen ein eingespieltes Team, jede Frau und jeder Mann wisse, was am Zügeltag und am Tag vorher zu tun sei. «Nicht nur das Treichelgeläut geht einem beim Alpabzug durch Mark und Bein, sondern auch die vielen Gratulationen und Glückwünsche sind Balsam für unsere Seele», hält die Hirtenfamilie fest. Mit zirka 170 Tieren wird die Familie Meister dieses Jahr nach Kurzenei und weiter nach Wasen und Sumiswald laufen. Drei Stunden rechnen sie für die Züglete, bis sie als letzte Gruppe um 12.30 Uhr auf dem Marktplatz in Sumiswald eintreffen werden.

Im Frühling viel zu tun
Auf 1135 m ü. M. in der Bergzone 3 bewirtschaften Meisters die Lüderenalp. Neben den Sömmerungsrindern halten sie selbst noch zehn reine Simmentalerkühe und ein paar Jungtiere. Die Milch wird für die eigene Kälbermast vertränkt. Die Alp ist weitläufig und gross: Vom einen zum anderen Ende sind es sechs Kilometer. Die fast 200 Sömmerungsrinder sind dabei auf verschiedene Hütten verteilt. Wegen der Hitze werden sie im Sommer jeden Tag von der Familie Meister eingestallt. «Bis jedes Tier seinen Platz gefunden hat und dazu noch angebunden ist, dauert es schon fast drei Stunden», fasst der Hirte zusammen. In naher Zukunft plant die Alpgenossenschaft, zwei Laufställe zu bauen. Aber auch die Weidepflege und das Zäunen im Frühling geben viel zu tun: «Jedes Jahr müssen wir zirka 1200 Holzpfähle neu ersetzen», sagt Christian Meister. Dazu gebe es auf einer Strecke von zirka 30 km den Zaun herzustellen.
Können es kaum erwarten
Für die Familie Meister bedeutet die Lüderenalp alles: «Hier oben fühlen wir uns zu Hause, hier oben finden wir Arbeit und Ruhe zugleich», so der Tenor der ganzen Familie. Und mit dem alljährlichen Alpabzug gehe zwar eine strenge Sommersaison zu Ende, doch mit dem Alpabzug kommen auch ruhigere Momente auf die Familie zu. Es sei wie bei allen Älplerfamilien: «Im Herbst freuen wir uns, wenn es zu Ende ist, im Frühling können wir es kaum erwarten, bis die ersten Rinder wieder auf die Lüderenalp kommen», fasst Fritz Meister seine Hirtepassion zusammen.
Aufwand lohnt sich
Auch für die Familie Reist von der Alp Hinterarni bedeutet die Alpabfahrt sehr viel. «Jedes Jahr freuen wir uns aufs Neue darauf», sagt Jürg Reist. Dieser Tag läute nicht nur den Abschluss des Alpsommers ein, sondern die Alpabfahrt sei auch ein Dank an alle Helferinnen und Helfer, welche sie während der Sommermonate auf ihrer Alp unterstützen. Seit 1913 lebt die Familie Reist auf der Alp Hinterarni, welche den Oberaargauer Bauern gehört. Am Alpabzug laufen Reists dann mit ihren 120 Rindern morgens um 8 Uhr los. Die Strecke führt hinunter nach Hornbach und dann weiter nach Sumiswald. «Das sind rund 15 km mit gut drei Stunden Fussmarsch», so der Betriebsleiter. Schon vorgängig gebe es für die Älplerfamilie viel zu tun: Der Blumenschmuck für die Rinder werde durch viele flinke Finger hergestellt und die Glocken und Treicheln auf Hochglanz poliert. «Viele fragen sich, warum wir diesen Aufwand machen», meint Jürg Reist lachend. «Es ist nicht nur eine uralte Tradition, sondern mit dem Alpabzug wollen wir die Landwirtschaft dem Konsumenten näherbringen», sagt er.
Das Programm
Start Alpabzug: 7.30 Uhr. Tiere bei der Hornbach-Pinte: 8 bis 13 Uhr. Tiere Wasen/Dorf: 8.30 bis 12.30 Uhr. Durchmarsch Mauer: 9 bis 12.30 Uhr. Alpeinzug Sumiswald: 9 bis 13 Uhr. Gruppen nach Sumiswald: Alp Rindergrat, Fam. Wymann; Alp Untere Kühbisegg, Fam Wüthrich; Alp Vorderried, Fam. Jutzi; Alp Hinterarni, Fam. Reist; Alp Kohlenschwand, Fam. Flückiger; Alp Kessisboden, Fam. Bigler; Alp Lushütte, Fam Röthlisberger; Alp Lüderen, Fam. Meister. Gruppen nach Wasen: Alp ob Scheidegg, Fam. Zemp; Alp Krähenbühl, Fam Waeber; Alp Farnli, Fam. Häusler.

