«Das Gespräch auf dem Rüebli-Acker ist mindestens so wichtig wie das Gespräch in der Therapie»

Die Gärtnerei im Mühlhof beschäftigt Betroffene von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Für Leiterin Erika Oehler gibt es keine schönere Arbeit.

«Sucht ist eine Krankheit, die jeden von uns treffen kann», das macht Erika Oehler gleich zu Beginn des Besuchs auf dem Mühlhof klar. Sie ist eine zierliche Frau, der man ansieht, dass sie viel Zeit an der frischen Luft und bei körperlicher Arbeit verbringt.

Weit verbreitete Erkrankung

Der Mühlhof in Tübach SG ist ein Zentrum für Suchttherapie und Rehabilitation und begleitet Betroffene aus der Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit. Gemäss Zahlen des Bundesamts für Gesundheit sind in der Schweiz etwa 250'000 bis 300'000 Personen alkoholabhängig. Das führe dazu, dass zirka jede dritte Person im Land mindestens eine Person mit Alkoholproblemen in ihrem Umfeld habe.

Die Klient(innen) im Mühlhof leben für die Zeit ihres Aufenthalts vier bis sechs Monate dort und setzen sich im Rahmen von Einzel- und Gruppensitzungen mit ihrer Sucht und ihrer Lebensgestaltung auseinander. Regelmässige sinnvolle Arbeit ist wichtiger Teil ihres Alltages und der Rehabilitation. Sie können z. B. in der Biogärtnerei arbeiten, die gleich neben den Wohn- und Therapiegebäuden liegt. Auf dem Knospe-Betrieb produzieren Leiterin Erika Oehler, ihr Mitarbeiter und maximal zehn bis zwölf Klienten auf zweieinhalb Hektaren Gemüse und Beeren.

«Man muss mit Herzblut arbeiten.»

Erika Oehler, Leiterin der Gärtnerei im Mühlhof.

Leistungsdruck macht krank

Der Rundgang auf dem Gartenbetrieb beginnt im Büro, ein kleiner, eher dunkler Raum, der an den Verkaufsladen grenzt. Aber dort verbringe sie sowieso wenig Zeit, erzählt Erika Oehler. Die 47-Jährige ist gelernte Pflanzen- und Schnittblumengärtnerin und ausgebildete Sozialpädagogin. «Ich war mein Leben lang in der Kombination aus sozialer Arbeit und Gartenarbeit tätig», erzählt sie. Seit Dezember 2018 ist sie nun beim Mühlhof.

Zu den Klient(innen) zählten grösstenteils Männer, aber auch Frauen seien unter ihnen, im Alter von 25 bis 65 Jahren. Sie gingen überwiegend Leistungsberufen nach, in denen der tägliche Druck und die Verantwortung hoch seien, berichtet Erika Oehler. «80% der Alkoholiker werden nicht erkannt, die trinken einfach jeden Abend ihr Bier und gehen am Morgen wieder zur Arbeit.». Vielen falle erst auf, dass sie ein Problem haben, wenn sie nicht mehr funktionierten.

Arbeit für Körper und Geist

Vom Büro geht es raus auf das angrenzende Gemüsefeld mit dahinterliegendem Wald. Der Grossteil befindet sich noch in der Winterruhe und ist mit einer Gründüngung bedeckt. Kurz zeigt sich die Sonne an dem sonst eher wolkenverhangenen Morgen. Es liegt ein Hauch von Frühling, ein Hauch von Hoffnung auf bessere Zeiten in der Luft. Beim Blick auf die Arbeitsflächen erklärt Erika Oehler: «Das Gespräch auf dem Rüebli-Acker ist mindestens so wichtig wie das Gespräch in der Therapie.» Ausserdem gebe die Arbeit den Klient(innen) eine Tagesstruktur und helfe die körperliche Stabilität und Fitness wieder aufzubauen. Entlohnt werden die Klient(innen) für ihre Arbeit nicht.

Auf psychischer Ebene trage die Arbeit dazu bei, den Selbstwert wieder aufzubauen und Bestätigung zu finden. Gerade Gartenarbeit habe den Vorteil, dass man unmittelbar das Ergebnis, der getanen Arbeit sehe, sagt Erika Oehler. Welche positiven Auswirkungen das auf die Klienten habe, spüre sie jeden Tag. So erinnert sie sich zum Beispiel, sie zeigt auf ein Feldabschnitt in einiger Entfernung, dort drüben habe sie gemeinsam mit einem Klienten, einem grossen Mann von fast zwei Metern, dessen Selbstwert im Gegensatz dazu umso kleiner war, ein ganzes Feld Salat gesetzt. Nach getaner Arbeit forderte sie ihn auf: «So und jetzt drehen Sie sich um und schauen, was wir geschafft haben.» Und dann habe er gestrahlt wie die Sonne, erinnert sich Erika Oehler, ebenfalls mit einem Strahlen auf dem Gesicht.

«Das Gespräch auf dem Rüebli-Acker ist mindestens so wichtig wie das Gespräch in der Therapie»
Im Wohnhaus wohnen die Klienten vier bis sechs Monate in Einzelzimmern oder in einer Wohngemeinschaft.

«Wie eine Zeitreise»

Situationen wie diese führten dazu, dass manche Klienten auch nach ihrer Entlassung in der Gartenarbeit tätig bleiben wollen. «Ich versuche dann die Romantik ein bisschen zu nehmen, z. B. durch ein Praktikum in einem Betrieb.» Sie hätten es schwer als Ungelernte und würden es nie wieder so schön haben wie hier im Mühlhof, befürchtet Erika Oehler. «Was wir hier machen und das ist einfach so winzig und ohne Druck und entspricht nicht mehr der Gesellschaft heute. Ich sage immer, es ist wie eine Zeitreise, wenn man zu uns kommt.»

Denn ein Arbeitstag auf dem Mühlhof beginnt für die Klient(innen) zwar um 8 Uhr und geht bis 17 Uhr, aber es sind viele feste Pausen in den Arbeitstag integriert. «Das Arbeitspensum unserer Klienten entspricht im ersten Arbeitsmarkt etwa 40 bis 50 Prozent», so Erika Oehler. Da die meisten fachfremd seien, sei auch das Arbeitstempo deutlich langsamer als in gewöhnlichen Betrieben. Für Erika Oehler war dies zu Anfang schwer mit den eigenen Ansprüchen zu vereinbaren. «Ich musste erst lernen fünf gerade sein zu lassen» Es käme schon vor, dass ein Acker zwar vorbereitet, aber nicht bepflanzt werde und wieder verunkraute. «Wir versuchen ganzjährig Salat, Fenchel und Kohlrabi anzubieten, alles andere ist aber nur nice to have.» Für die Gärtnerei sei dies jedoch wirtschaftlich kein Problem, da sie sich hauptsächlich über die Taggelder der Klient(innen) finanziere.

«Ich kann nicht termingerecht jäten.»

Erika Oehler, Leiterin der Gärtnerei im Mühlhof.

Rückfälle gehören dazu

«Das hier ist eine andere Welt, die nach ihren eigenen Regeln spielt», erzählt Erika Oehler auf dem Weg vom Acker in das angrenzende Treibhaus. So ist es zum Beispiel Pflicht, nüchtern – also mit 0,0 Promille – zum Dienst zu erscheinen. Falle der morgendliche Test positiv aus, dürfe der entsprechende Klient nicht in die Gärtnerei kommen. «Dass es zu Rückfällen kommt, ist völlig normal, wichtig ist, dass wir weiter begleiten und unterstützen», weiss die Sozialpädagogin. Sie lege dabei sehr grossen Wert auf einen respektvollen Umgang und einer Begegnung auf Augenhöhe.

Und zwar wortwörtlich. «Als ich angefangen habe war meine erste Amtshandlung, Tische für das Treibhaus zu kaufen. Dort wurde sich bis dato noch auf den Knien um die Setzlinge gekümmert.» Für Erika Oehler war es auch ein symbolischer Akt «Wir gehen nicht vor der Kundschaft auf die Knie, sondern begegnen uns auf Augenhöhe.»

Respekt steht an erster Stelle

Das würden einige wenige Kunden leider vergessen, bemerkt die 47-Jährige leicht verärgert. In diesem Moment wird deutlich, dass Erika Oehler zwar sehr sanft spricht und aufmerksam zuhört, aber auch ganz deutlich kommuniziert, wenn ihr etwas nicht passt. «Wir haben manchmal Kundschaft, die uns das Gefühl vermittelt, wir müssten dankbar sein, dass sie bei uns einkaufen kommen.» Daraus entwickelten sich zum Teil herausfordernde Situationen, in denen sie den Klient(innen) Rückendeckung geben und die Kund(innen) auch mal zurechtweisen müsste.

Zentrum mit Geschichte

Die Geschichte des Mühlhofes reicht bis ins Jahr 1927 zurück. Damals eröffnete unter dem Namen «Antoniusheim Mühlhof» eine Fürsorgeanstalt für Strafentlassene und schwer erziehbare Jugendliche. Nach einigen Vorfällen, unter anderem einem gelegtenHausbrand, erfuhr der Mühlhof 1930 eine Neuausrichtung und wurde zur «Trinker-Heilanstalt». Diese Funktion erfüllt das Zentrum bis heute, wobei neben der Unterstützung beim Wohnen und Arbeiten die Suchttherapie und Rehabilitation eine immer wichtigere Rolle spielen. Aktuell bietet der Mühlhof Platz für 25 Klienten. Bevor Erika Oehler die Leitung übernahm, führte Bruno Ambühl 34 Jahre die Gärtnerei, die bereits damals Klient(innen) beschäftigte und biologisch wirtschaftete. Damit gehörte Ambühl zu den Bio-Pionieren der Ostschweiz. [IMG 3]

Alle können sich einbringen

Neben dem Treibhaus liegen die Beeren. Die Umgebung ist idyllisch, trotz ihrer Kahlheit, da die Beerensträucher noch keine Blätter tragen. Beim Blick auf die neuen Mauern um die Beeren erzählt Erika Oehler: «Ich lege sehr viel Wert auf Teamarbeit und Partizipation.» Für sie bringe jeder Klient einen Schatz mit, sei es der Maurer, der diese Mauern neu gemacht habe oder der Architekt, der die Gestaltung vom Vorbau des Gewächshauses übernommen hat. Sie alle hätten ein Rucksäckchen an Spezialwissen, das sie in der Gärtnerei einbringen könnten. Ein warmes Lächeln taucht immer wieder auf ihrem Gesicht auf, wenn sie in den Erinnerungen an ihre Klient(innen) schwelgt.

Das seien Erfahrungen, die man in der klassischen Entzugsklinik meist nicht mache. «Sich selbst auf die Schulter klopfen und sagen, das habe ich gut gemacht, das können viele Leute nicht, unabhängig von einer Suchterkrankung», so die zweifache Mutter, «aber stolz sein darf man lernen».

Geschichten berühren

Die teils schweren Schicksale ihrer Klient(innen) gingen aber auch an ihr nicht spurlos vorbei. Sie habe allerdings gelernt sich abzugrenzen und zu Hause abzuschalten. Dabei würden ihr aber auch Orte wie das Erdhaus helfen, wo sie zur Ruhe kommen kann. Sie geht hinüber zu ihrem Lieblingsplatz und während sie die alte Holztür öffnet, erzählt sie freudig, dass der Bau bereits über 100 Jahre alt sei. Es ist trotz der frühen Zeit im Jahr schon angenehm warm in dem unter-irdischen Haus, mit teilweise zerbrochenen Fenstern. «Das ist Nostalgie, das brauchen wir hier.» Ausserdem könne sie in dem alten Gebäude ihre mediterranen Pflanzen wie Melonen und Kürbisse sehr gut anziehen.

Im Erdhaus, Erika Oehlers Lieblingsort im Mühlhof, kann sie zur Ruhe kommen und mediterrane Pflanzen anziehen.
Im Erdhaus, Erika Oehlers Lieblingsort im Mühlhof, kann sie zur Ruhe kommen und mediterrane Pflanzen anziehen.

Nostalgische Welt

Bei der Frage, was sie sich für ihre Klient(innen) wünsche schweift ihr Blick durch die Fenster nach draussen. Dann antwortet sie bedacht: «Dass sie sich diese nostalgische Welt hier noch ein bisschen bewahren können, wenn sie wieder draussen sind, dann ist alles viel schneller und viel hektischer.» Es ist als hätte jemand den Pause-Knopf gedrückt, die Zeit scheint für einen kurzen Moment still zu stehen.

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