Nicolas Jotterand steht vor seinem Chalet auf der Alp "La Corentine" und blickt auf seine elf übriggebliebenen Rinder: "The survivors", die Überlebenden. Dabei handelt es sich um Rinder und nicht um Kühe, wie es in der vorhergehenden Berichterstattung hiess. Ausgerechnet in dieser sonst so heilen Welt schlug ein verheerender Blitz in einen Baum – ein heller Schatten im Paradies. Schon seit 64 Jahren mietet die Familie Jotterand diese Alp der Gemeinde Bière VD. Die Alp ist 35 Hektaren gross und sei "wie ein Korridor – lang und schmal". Die Aussicht von dort ist fabelhaft, hinter geheimnisvollen Nebelschwaden erstreckt sich der "Lac de Léman" in voller Pracht.
Ein zweites Zuhause
Von Anfang Juni bis Anfang Oktober weiden die Rinder hier oben auf 1500 Meter über Meer, auf der Krete, die den Kanton Waadt vom Jura trennt. "Jeden Tag geht jemand von uns hier auf die Alp und schaut nach den Tieren. Wir kontrollieren die Zäune, das Wasser, den Unkrautdruck und das Wichtigste – unsere Rinder", sagt Jotterand. Die Familie verzichtet auf einen Hirten. "Für die 27 Rinder, die wir hier oben haben, lohnt es sich nicht, einen Hirten anzustellen. Ausserdem kümmere ich mich gerne um meine Tiere und möchte nicht immer bei einem Hirten zu Gast sein", erklärt der Waadtländer Landwirt.
Das Chalet auf der Alp sei die "résidence secondaire", das zweite Zuhause der Familie. Zusammen mit seiner Frau Séverine Jotterand und seinen beiden aufgeweckten «Büebe» kommt der Landwirt häufig zur seelischen Entspannung und zum gemütlichen Zvieri oder Fondue auf die Alp. Auch am Sonntag-Morgen des ersten Juli-Wochenendes packte die Familie gegen zehn Uhr alle Sachen und freute sich auf ein gemeinsames "Brötle" auf der Alp. Doch ein Anruf erstickte diese Freude abrupt.
16 Stück: kalt und starr
"Zehn deiner Rinder liegen tot unter einem Baum", meldete ein Hirt der anliegenden Alp. Schock, Marsch zum Auto, Fahrt auf die Alp. Im Nachhinein ist der Landwirt dankbar für den Anruf, "denn so konnte ich mich wenigstens emotional vorbereiten". Oben angekommen mussten Jotterand und sein ältester Sohn Louis den Anblick von ihren toten und schon geblähten Rindern ertragen. "Plötzlich waren es nicht 10, sondern 16 tote Rinder", erzählt Jotterand noch immer ein wenig ungläubig. Louis stellte sofort erleichtert fest: "Zum Glück nicht Leave me alone!" Leave me alone ist ein Rind mit hohem Potential und wird demnächst kalbern. Ein kleiner Trost in einem grossen Unglück. Über Nacht hatte sich in einem Gewitter ein Blitz entladen und schlug in eine Tanne neben der Einfahrt in die Alp ein. Statt Schutz haben die Rinder unter jener Tanne den Tod gefunden. Sofort liess Jotterand den Tierarzt kommen. Da sonntags die Verbrennungsanlagen geschlossen sind, konnten die Tiere vorerst nicht vom Unfallort wegtransportiert werden.
Da lagen sie nun, kalt und starr. Ein Schreck, den man zuerst verdauen muss. Besonders für einen Viehzüchter wie Jotterand sei es ein schwieriger Moment, da man in enger Beziehung zu seinen Tieren stehe. Viele der verstorbenen Rinder stammten von Holstein-Müttern, die schon seit vier Generationen als "exzellent" eingestuft worden sind. "Die Tiere hätten eines Tages Stiermütter werden können", sagt Jotterand und verwirft die Hände. Von den ungeborenen Kälbern war da noch nicht mal die Rede. Zwölf der Tiere waren nämlich trächtig, wovon zehn mit gesexten Samen "von den allerbesten Stieren der Welt" besamt worden sind. "Diese Tiere zu ersetzen wird schwierig. Die Lücke in der Zucht wird sich auf sicher fünf bis sechs Jahren auswirken", meint der Viehzüchter.
Händchen für die Zucht
Jotterand weiss, wovon er spricht. Er bewirtschaftet den Hof in Bière in vierter Generation. In die Viehzucht wachse man in dieser Familie schon als kleines Kind rein. So zeige sich sein Sohn Louis mit seinen zwölf Jahren schon sehr engagiert. Doch nicht immer war die Rasse Holstein Zielscheibe der Züchtung. In den Holsteinzuchtverband sei sein Vater erst vor 35 Jahren eingetreten. Davor züchtete der Betrieb strikt Simmentaler-Kühe. Im Kanton Waadt genossen Holstein-Kühe nämlich alles andere als einen guten Ruf. Da der Grossvater damals als Politiker für die FDP tätig war, war die Leitplanke klar: Keine Holstein-Kühe auf diesem Betrieb. Doch der Vater von Jotterand, Jean-Luc Jotterand, liess sich davon nicht abhalten und stürzte sich in die Zucht von den "schönen, schwarzen" Holstein-Kühen.
Am Händchen für die Zucht mangelte es nicht, die vielen Auszeichnungen an den Wänden im Raum oberhalb des Stalls zeugen von Erfolg. 2010 wurden Vater Jean-Luc und Sohn Nicolas von Holstein Switzerland zu Meisterzüchter erkoren. Auch an der Suisse-Expo standen die beiden schon mit zwei Siegerinnen auf der Bühne. Nicolas Jotterand steht somit mit beiden Beinen in den Fussstapfen des Vaters. Er hat für sechs Jahre als Einstufer für den Schweizerischen Holsteinzuchtverband gearbeitet und ist Präsident der Waadtländer Verbandssektion. "Sonst übe ich aber nicht viele Ämter aus, ich bin nicht berühmt", sagt er bescheiden. Anders als sein Vater sei er auch nicht als Bauer auf die Welt gekommen. "Ich hätte mir für meine Zukunft viele verschiedene Dinge vorstellen können." Auch seine Frau Séverine hätte sich laut Jotterand nicht unbedingt nach einem Bauern an ihrer Seite gesehnt. Die gelernte Schneiderin stammt ebenfalls aus einer nicht minder erfolgreichen Holstein-Zucht-Familie aus Yverdon. Die beiden haben sich – natürlich – an einer Viehschau kennengelernt.
Heute arbeitet sie zu 50 Prozent als Hauswirtschaftslehrerin an der Hauswirtschaftsschule Marcelin in Morges. Darüber hinaus liegen die Zügel der Administration in ihren Händen. Der Viehzüchter selber halte sich, wenn möglich, nicht zu lange im Büro auf. "Um die Korrespondenz kümmere ich mich aber gerne", hält er fest. Die Buchhaltung erlaube seiner Frau einen guten Überblick über das Geschehen auf dem Betrieb und das weiss Jotterand zu schätzen.
Tiere mögen Laufstall
Das Paar fällt alle grossen Entscheidungen zusammen. Das Jahr 2011 ging mit einer solchen Entscheidung einher. Der Bau eines neuen Stalles ausserhalb des Dorfes stand an. Die Familie kehrte somit dem Anbindestall im Dorf den Rücken zu und arbeitete fortan mit einem Laufstall. Insbesondere für seine Hochleistungstiere sei der erhöhte Komfort eines Laufstalles sehr wichtig. "Bei einer durchschnittlichen Milchleistung von 11'000 kg pro Jahr und Kuh muss einfach alles passen", findet Jotterand. Zufrieden stellt der Landwirt fest: "Die Tiere fühlen sich jetzt viel wohler."
Insgesamt besitzt die Familie ein Lieferrecht von 500'000 Litern Milch pro Jahr. Davon werden 460'000 Liter für die Produktion von Gruyère AOP verwendet. "Gruyère AOP", wiederholt der Landwirt langsam und deutlich, denn für Gruyère gebe es nur das französische Wort. "Weil wir unsere Milch hauptsächlich an Gruyère AOP liefern, kommt für uns die Installation eines Melkroboters nicht infrage. Das Pflichtenheft von Gruyère AOP verbietet den Einsatz von Melkrobotern", erklärt Jotterand. Bis zum Jahr 2010 wurden die Kühe während 25 Jahren draussen mit einem fahrbaren Melkstand gemolken. Heute steht ein 6er-Auto-Tandem-Melkstand der Marke Gea im Stall. Im Herbst wird der Melkstand mit zwei Plätzen erweitert. Für die 16 verstorbenen Rinder wird das alles wohl nie eine Bedeutung haben.
Den Milchausfall abfedern
Seit dem Blitzeinschlag sind nun knapp zwei Wochen verstrichen und so langsam klärt sich das emotionale Unwetter von Jotterand wieder. "Voilà, irgendwann muss man es verkraften", sagt der Landwirt tapfer und versucht, den Pragmatismus wiederzufinden. "Ich hoffe, dass die Brandschutzversicherung Eca alle Kosten übernimmt." Der ganze Bestand habe einen Versicherungswert von 200'000 Franken. Aber wie hoch die einzelnen Rinder entschädigt werden, wisse er noch nicht genau. Einige der Rinder waren trächtig, unter ihnen auch solche, die mit gesextem Samen zugelassen worden waren. Der Wert der gestorbenen Tiere variiert also und ist nach oben offen.
Je nach Höhe der Entschädigung wird das Betriebsleiterpaar die Versicherungsprämie erhöhen. Beim letzten Mal wurde Jotterand jedoch gut entschädigt. Ja, beim letzten Mal. Vor fünf Jahren wurden nämlich schon einmal fünf seiner Kühe Opfer eines Blitzschlages. Bei 16 toten Tieren sind die Auswirkungen auf die zukünftige produzierte Milchmenge und die Alpungsbeiträge aber nochmals deutlich stärker. "Ich werde sicher Zukäufe machen müssen, damit ich auch in Zukunft mein Milchkontingent erfüllen kann", macht Jotterand klar. "Ich werde aber nicht per se neue Rinder kaufen, sondern eher frischgekalbte Erstmelk-Kühe. Aber so weit bin ich momentan noch nicht." Fest stehe jedoch: "Obschon das Unglück geschehen ist, werde ich sicher nicht aufhören zu züchten." Für die "Survivors" geht es in Bière weiter.

