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«Es ist eine sehr intensive Zeit»: Bauernfamilien zunehmend unter Druck

Trockenheit, Futtermangel, Tierseuchen und finanzielle Sorgen belasten Bauernfamilien. Mediatorin Andrea Joss erlebt, wie psychische Krisen und Konflikte zunehmen – und Hilfe oft erst spät gesucht wird.

Ihr Handy klingelt derzeit sehr oft: Andrea Joss, die mit ihrem Sohn in einer Generationengemeinschaft den Zelglihof in Magden AG führt, bietet seit sieben Jahren Mediation (Konfliktmanagement) an. «Es ist eine sehr intensive Zeit», sagt die Aargauerin. Die schwierige Situation in der Landwirtschaft – Trockenheit, Futtermangel, Orthobunyavirus im Stall – nagt an den Bauernfamilien: betrieblich, finanziell, emotional und gesundheitlich.

Psychische Krisen und Suizide in der Landwirtschaft

Joss hört derzeit vermehrt von Suiziden und Suizidversuchen in der Landwirtschaft. Auch selbst bekommt sie Anfragen von verzweifelten Frauen, die sich Sorgen um ihren Mann oder Sohn machen. Jemanden gegen seinen Willen in die Psychiatrie einweisen zu lassen, sei jedoch schwierig. Unter Umständen könne ein Notarzt aufgeboten werden, der einschätzt, wie gross das Risiko ist und ob die gefährdete Person noch handlungsfähig ist.

Was sind Alarmzeichen? «Wenn jemand nicht mehr aus dem Bett kommt oder gar nicht mehr schlafen kann, wenn bei der Arbeit viele Fehler passieren, auch gefährliche, oder wenn man nicht mehr an jemanden herankommt», zählt Joss auf. Nicht immer werde etwas angekündigt. «Wenn man ein schlechtes Bauchgefühl hat, dann besser darauf hören.»

Wenn schnelle psychiatrische Hilfe fehlt

Ist jemand bereit, sich Hilfe zu suchen, taucht bereits das nächste Problem auf: In der Psychiatrie herrscht akuter Platzmangel. «Wenn jemand wirklich gefährdet ist, müsste man eigentlich innerhalb von Stunden handeln können», sagt Joss.

Hinzu komme, dass Psychiaterinnen und Psychiatern teilweise das Verständnis für die Landwirtschaft und deren Besonderheiten fehle. «Oft heisst es dann, ein KMU haben ja viele. Aber ein Hof funktioniert nun mal nicht wie ein normales KMU.»

Kommen psychisch labile und möglicherweise weiterhin suizidgefährdete Menschen nach Hause auf den Hof, sehen sie dort sofort wieder die Arbeit, die sich stapelt, und die Probleme, die sich häufen. «Ich habe gerade erst wieder eine Frau begleitet, deren Mann am Montag eingeliefert wurde und wenige Tage später schon wieder für 24 Stunden Freigang nach Hause geschickt wurde.» Das hält Joss für sehr gefährlich.

Oft suchen zuerst die Frauen Hilfe

Es sind meistens Frauen, die sich bei ihr melden. «Männer kommen bis auf ganz wenige Ausnahmen immer erst, wenn sich die Frau trennen will oder bereits getrennt hat», sagt die Mediatorin.

Neben Trennungen und Scheidungen sowie Hofübergaben begleitet Joss auch Generationenkonflikte – ein Klassiker in der Landwirtschaft. «Auch diese spitzen sich durch die aktuelle Situation in der Landwirtschaft zu.» Zurzeit sieht sie besonders viele Konflikte zwischen dem Senior und dem Hofnachfolger.

Generationenkonflikte auf dem Bauernhof nehmen zu

Mit den verschiedenen Parteien führt sie in den allermeisten Fällen zunächst Einzelgespräche, bevor sich alle an einen Tisch setzen. «Dann kann jeder erst mal frei von der Leber weg erzählen und seine Position darlegen, bevor schon gegeneinander geschossen wird.»

Dass sie selbst aus der Landwirtschaft kommt und die Realitäten der Branche aus nächster Nähe kennt, sei für ihre Klienten sehr wichtig. Gleichzeitig stellt Joss, die zurzeit Agrarrecht studiert, fest, dass viele Bauernfamilien schlecht darüber informiert sind, was im Gesetz steht. «Ich muss ihnen dann immer sagen: Das Gesetz ist da, da haben wir keinen Spielraum.»

Mediation kann bei der Hofübergabe Konflikte entschärfen

Gerade bei Hofübergaben fände sie es empfehlenswert, einen Mediator oder eine Mediatorin beizuziehen, der oder die sich mit landwirtschaftlichen Fragen auskennt. Wichtig sei auch, die Geschwister miteinzubeziehen – etwas, das gerne vergessen gehe. «Schlussendlich kann ich ja nur Empfehlungen abgeben, zum Beispiel, sich mal einen anderen Betriebszweig anzusehen. Aber entscheiden muss immer die Familie selbst.»

Dass Mediation teilweise noch immer ein Tabu ist, merkt Joss regelmässig. Dabei liessen sich Konflikte oft entschärfen, bevor sie vollständig eskalieren. Auch bei Trennungen könne eine Mediation helfen, eine einvernehmliche Lösung zu finden. «Es kommt immer mal wieder vor, dass ich mein Auto hinter dem Bauernhaus parkieren soll, damit die Nachbarn darauf nichts von Mediation und Hofkonflikt lesen können.»

«Am schlimmsten ist es, wenn Kinder betroffen sind»

Als Mediatorin bekommt Andrea Joss viele tieftraurige Schicksale mit – gerade jetzt. Nicht immer ist es einfach für sie, diese nicht zu nahe an sich heranzulassen, auch wenn man in der Ausbildung gewisse Strategien dafür lernt. «Am schlimmsten für mich ist es immer, wenn Kinder betroffen sind.»

Ziel sei es immer, eine einvernehmliche Lösung zu finden, schildert Joss. Am Schluss sollten sich die Parteien in die Augen schauen und zukünftige Themen sachlich und ruhig anpacken können. Nicht immer gelinge dies. Jedoch bekämen die Parteien Werkzeuge mit auf den Weg, um dies anzugehen.

Was ist Mediation?

Mediation ist ein strukturiertes Verfahren zur Konfliktlösung, bei dem eine neutrale dritte Person (die Mediatorin oder der Mediator) streitende Parteien dabei unterstützt, eigenverantwortlich eine gütliche Einigung zu finden. 

  • Freiwilligkeit: Alle Beteiligten nehmen freiwillig teil und können das Verfahren jederzeit abbrechen.
  • Neutralität: Die vermittelnde Person trifft keine eigenen Entscheidungen oder Urteile, sondern führt neutral durch den Prozess.
  • Eigenverantwortung: Die Lösungen werden nicht von aussen diktiert, sondern von den Konfliktparteien selbst erarbeitet.
  • Interessenorientierung: Es geht nicht um «Recht haben», sondern um die zugrundeliegenden Bedürfnisse und Interessen beider Seiten. 

Die 5 Phasen einer Mediation

  1. Arbeitsbündnis: Klärung des Rahmens, der Regeln und ob Mediation das richtige Verfahren ist.
  2. Themenbestimmung: Benennung aller Streitpunkte und Anliegen, die besprochen werden sollen.
  3. Interessenklärung: Freilegen der Hintergründe, Gefühle und wahren Bedürfnisse hinter den Positionen.
  4. Lösungsfindung: Ideen sammeln und Optionen entwickeln, die für alle Beteiligten passen.
  5. Abschlussvereinbarung: Festhalten der Ergebnisse in einer verbindlichen, oft schriftlichen Vereinbarung.

Hier gibt es Hilfe: Anlaufstellen, wenn die Sorgen zu sehr drücken

Bäuerliches Sorgentelefon: 041 820 02 15
Montag 8.15–12.00 Uhr, Dienstag 13.00–17.00 Uhr, Donnerstag 18.00–22.00 Uhr
https://baeuerliches-sorgentelefon.ch/de/page
Anlaufstelle Überlastung Landwirtschaft: 079 200 00 44
Montag bis Freitag 7.30–12.00 und 13.00–16.00 Uhr
https://aul-be.ch/
Kantonale Anlaufstellen:
Liste der Landfrauen Schweiz
https://www.landfrauen.ch/hilfe-unterstuetzung/kantonale-anlaufstellen/
Bei finanzieller Unterstützung:
Bäuerliche Sorge-Chrattä
http://www.sorgechratte.ch/kontakte/index.html
Therapeutische Unterstützung:
Dargebotene Hand – Reden kann retten: 143
https://www.reden-kann-retten.ch/
Hier dürfen Sie sich auch melden, wenn Sie sich um eine Person sorgen.
Falls Sie langfristige psychologische Hilfe benötigen: Melden Sie sich bei Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt. Sie oder er kann Sie an eine entsprechende Stelle weiterverweisen. Unter https://www.doc24.ch/de finden Sie alle Ärzt(innen) und Therapeut(innen), die noch Patient(innen) aufnehmen.















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