«Am Ende wurde alles versteigert»

Unser Kolumnist Hans Rüssli erzählt, wie seine Eltern ihren Pachtbetrieb verloren haben und 1979 die Maschinen und Kühe versteigern mussten.

Auf dem Bild sieht man mich am 9. März 1979 mit grauer Strickjacke und einer Mütze hinter dem Rind Lusti stehen, welches von einem Vorführer bei der Versteigerung den Käufern präsentiert wird. Es ist früher Nachmittag bei kaltem, trüben Wetter. Bereits am Vormittag hatte der Gantrufer Alois Wyss unsere landwirtschaftliche Fahrhabe versteigert. Die Erlöse für Fahrhabe und Vieh waren höher als erwartet, das war das Positive an diesem traurigen Tag.

Nur geduldete Pächter

Mein Vater hatte die Liegenschaft Mittelflühlen in der Gemeinde Luthern seit April 1963 gepachtet. Die 17 Hektaren grosse Liegenschaft in der Bergzone war eine günstige Pacht, wies aber Mängel auf wie ein undichtes Gülleloch, es gab kein Badezimmer im Bauernhaus, einzig ein Plumpsklo auf dem Güllenloch. Das Verhältnis mit dem Verpächter war erst gut, denn er wohnte im 15 Kilometer entfernten Willisau, hatte kein Auto und liess sich selten blicken. Ich als kleiner Bauernbub war lange überzeugt, der Hof gehöre meinem Vater.

Später schaffte die Verpächter-Familie ein Auto an, fuhr damit öfters vor und belebte das Bienenhaus auf der Pachtliegenschaft. Dadurch erhielt er Einblick in das Wirtschaften unserer Familie auf dem Hof. Und schon bald kritisierte der Verpächter die Bewirtschaftung. Auch ich bekam mit, dass wir laut Verpächter zu viele Schweine hielten, dass unser Rindvieh die Höger abweidete, statt dass mein Vater das Gras wie im Film «Die Käserei in der Vehfreude» in den Stall zu führte und dort verfütterte. Ich realisierte, dass wir nicht Besitzer, sondern geduldete Pächter waren.

Schlussendlich eine Erlösung

Dass der Verpächter meinem Vater wiederholt mündlich mit der Kündigung der Pacht drohte, belastete meinen Vater. Seine Depressionen verschlimmerten sich, sodass er einige Zeit in der psychiatrischen Klinik in St. Urban verbrachte. Darüber wurde damals nicht gesprochen, nicht einmal in der Familie, es war ein Tabu. Die Klinikaufenthalte des Vaters wiederholten sich, den Hof bewirtschafteten wir weiter mit Hilfe von Bekannten und Verwandten. Ich besuchte zu dieser Zeit die Landwirtschaftliche Schule, wo ich den Rechtskunde-Lehrer fragte, ob wir als Pächterfamilie eine Chance hätten, bei einer Kündigung eine Verlängerung der Pacht zu verlangen. Die Antwort lautete «Nein», denn damals galt das alte Pachtrecht, welches eine jährliche Kündigung erlaubte.

Und prompt traf die Kündigung per 15. März 1978 ein. Im Herbst 1978 verlängerte der Verpächter aus mir nicht bekannten Gründen die Pacht nochmals um ein Jahr. Diese Gnadenfrist war aber keine Erlösung für unsere Familie, denn Forderungen auf einen höheren Pachtzins und die ständige Kritik über die Bewirtschaftung des Hofes vergifteten das Klima zwischen Verpächter und Pächter. Es bedeutete für meinen Vater keine Überraschung, sondern eine Erlösung, dass im März 1978 per Post die eingeschriebene Kündigung der Pacht per 15. März 1979 eintraf. Unser Familienziel bestand neu darin, die zuletzt unglückselige Pacht mit einer Gant zu beenden. Und ich beschloss, nicht ärgerlich rückwärts zu blicken, sondern bereitete die Gant vor und blickte froh in eine bessere Zukunft.