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Verbandsziele versus Realitäten in der Schweizer Landwirtschaft

Liberale Vorstellungen setzten sich in den letzten 20 Jahren bei der Entwicklung der Schweizer Landwirtschaft durch, sagen Forschende. Der SBV sieht das anders und erklärt, wie sich der Verband die Landwirtschaft 2050 vorstellt.

Die Frage, wo man hinwill, ist für einen Verband zentral. Solche Visionen dienen als Leitstern bei allen Aktivitäten. Ob sie aber auch Realität werden, steht auf einem anderen Blatt. Wie erfolgreich darin der Schweizer Bauernverband (SBV), Avenir Suisse und Landwirtschaft mit Zukunft (LMZ) waren, hat ein Forschungsteam von Agroscope, der niederländischen Uni Wageningen und der Uni Bern untersucht. Der SBV schneidet dabei nicht besonders gut ab.

Die letzten 20 Jahre

Drei Regionen wurden für die Studie untersucht: Das Reusstal stellvertretend für das Talgebiet, das Entlebuch für die Hügelzone und das Urserental als Bergregion. Im Fokus stand die landwirtschaftliche Entwicklung in den letzten 20 Jahren, die anhand verschiedener Indikatoren wie durchschnittlicher Betriebsfläche oder Feldgrösse, Grossvieheinheiten und der Anzahl Feldbäume, aber auch gemessen an Arbeitszufriedenheit und Preisentwicklung beim betrieblich wichtigsten Produkt erfasst wurde. Über die Analyse von Luftbildern und Interviews mit zufällig ausgewählten Landwirt-(innen) gewannen die Autoren einen Eindruck davon, wie sich Landschaft und Betriebe verändert haben. «In nur 20 Jahren – weniger als einer menschlichen Generation – sind deutliche Veränderungen geschehen, die für einzelne Betriebe und für die Agrarlandschaft namhafte Auswirkungen hatten», so das Fazit.

Nicht generell intensiver

Es zeigt sich der Strukturwandel, und zwar am stärksten im Talgebiet (Reusstal) und der Hügelzone (Entlebuch). Überall (auch im Urserental) sank die Anzahl Betriebe, die Betriebsfläche stieg und auch die Anzahl GVE pro Hof. Die Viehhaltung wurde ausserhalb des Berggebiets spezialisierter. Das Siedlungsgebiet wuchs generell auf Kosten von Landwirtschaftsland, Feldbäume wurden gefällt. Von einer allgemeinen Intensivierung der Landnutzung gehen die Forschenden aber nicht aus; im Reusstal und im Entlebuch habe der Anteil extensiver Flächen und Feldrandvegetation zugenommen und im Urserental deute die Mehrheit der Indikatoren auf eine Extensivierung hin.

Auf der wirtschaftlichen Seite fiel auf, dass in allen Studiengebieten die Produktionsmenge pro Betrieb beim wichtigsten Produkt stark angestiegen ist.

«Es gibt viele positive Entwicklungen.»

Michelle Wyss, SBV, über die letzten 20 Jahre.

70 Prozent Avenir Suisse

Diese beobachteten Entwicklungen haben die Forschenden damit verglichen, wo der SBV, Avenir Suisse und LMZ hinwollen. Der fortschreitende Strukturwandel entspricht demnach am meisten den Vorstellungen von Avenir Suisse. In Prozent ausgedrückt ging es im Reusstal zu 70 Prozent, im Entlebuch zu 68 Prozent in diese Richtung. Die Übereinstimmung mit den Vorstellungen des SBV lag rund 10 Prozentpunkte tiefer, LMZ bildet mit rund 40 Prozent das Schlusslicht. Weniger weit auseinander gehen die Werte im Fall des Berggebiets (Urserental), wo sich die Vision des SBV mit 58 Prozent knapp gegen jene von Avenir Suisse (54 Prozent) und LMZ (53 Prozent) durchgesetzt hat.

Wichtig festzuhalten ist, dass die drei untersuchten Gebiete nicht repräsentativ für die schweizweite Entwicklung sind. Daran erinnert der SBV auf Anfrage der BauernZeitung. Auch deckt sich die Umschreibung seiner Vision bzw. Ziele nicht ganz mit jener der Studienautoren. Sie schreiben, der SBV habe das Hauptziel, die aktuellen Produktionsformen beizubehalten und gleichzeitig das Wohlbefinden und das Einkommen der Betriebsleitenden und ihrer Familien zu verbessern. Der Verband steht für sie stellvertretend für konservative Kräfte, so wie LMZ grüne Kreise und Avenir Suisse liberale Ansichten vertreten. Wie aus der «Strategie des SBV für die zukünftige Agrarpolitik» hervorgeht, sind die Verbandsziele aber durchaus dynamisch: Darunter ist etwa eine Erhöhung der Ressourceneffizienz (siehe Kasten).

Der Vergleich hinkt

«Die Strategie des SBV ist für 2050 formuliert», gibt Michelle Wyss zu bedenken. Die Leiterin Agrarwirtschaft beim SBV findet einen Vergleich dieser Strategie mit der Entwicklung zwischen 2000 und 2020 nur bedingt sinnvoll. Denn die politische und marktwirtschaftliche Ausgangssituation sei im Jahr 2000 nicht dieselbe gewesen wie 2018, als die Strategie des SBV entstanden ist.

Wohin geht die Landwirtschaft?

«Die Schweizer Landwirtschaft hat sich in vielen Bereichen in eine positive Richtung entwickelt», bilanziert Michelle Wyss vom SBV die letzten 20 Jahre. So habe sich das landwirtschaftliche Einkommen – zwar immer noch zu tief – verbessert und der Produktionswert habe gehalten werden können. «Auch auf der ökologischen Seite hat sich viel getan», fährt sie fort und erwähnt die wachsenden Biodiversitätsförderflächen, den Anteil in Tierwohlprogrammen gehaltener Tiere oder den zunehmenden Einsatz von für den Biolandbau zugelassenen Pflanzenschutzmitteln. «Das ist dem unternehmerischen und verantwortungsvollen Handeln unserer Bauernfamilien zu verdanken», ist sich Wyss sicher. Wie es weitergeht, hänge massgeblich von den politischen Entscheiden, aber auch dem Konsum ab. Die Diskussion um eine Reduktion des Fleischkonsums sei z. B. gross, während aber Proteinpflanzen nach wie vor ein Nischendasein fristen. «Der SBV wird sich weiterhin für eine produzierende und marktausgerichtete Landwirtschaft einsetzen, die für ihre Produkte vom Markt und für die gemeinschaftlichen Leistungen vom Bund fair entschädigt wird.»

Wohin will der SBV?

In seiner Strategie für die zukünftige Agrarpolitik hat der SBV folgende Ziele formuliert: - Ressourceneffizienz erhöhen. - Wertschöpfung stärken. - Verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. - Unternehmertum fördern. - Gemeinwirtschaftliche Leistungen abgelten. Die Landwirtschaft 2050 soll mit Familienbetrieben mehrheitlich im Vollerwerb funktionieren, denen ein Maximum an landwirtschaftlichen Flächen zur Verfügung steht. Die Bewirtschaftung soll standortangepasst, nachhaltig und tierfreundlich sein und ein mit anderen Berufen vergleichbares Einkommen abwerfen. Dies vorab via Markt, aber auch über die Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen, zu denen ein Beitrag zur Sicherung der Biodiversität und der natürlichen Ressourcen gehört. «Wir wollen eine Landwirtschaft, die mehrheitlich zur Lebensmittelversorgung der Bevölkerung beiträgt», schreibt der SBV. Ein direkter, ständiger Dialog mit den Konsumenten und Respekt für die Landwirtschaft vonseiten der Wirtschaft als vollwertige Akteurin gehören ebenfalls zum Zielbild

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