Putins Krieg bringt Leid und Zerstörung in der Ukraine, und er bringt fragile Abhängigkeiten der global vernetzten und hoch spezialisierten Wirtschaft jäh aus der Balance. Sich auf andere zu verlassen, wird schwieriger, weil diese nicht mehr können und wollen, so zum Beispiel bei den Agrar- oder Düngemittelexporten aus der Kriegsregion, mit denen viele Menschenunserer Erde rechnen.
Mehrere Krisen gleichzeitig
Diese neue akute Krise platzt nach der hoffentlich überstandenen Coronakrise indie chronisch zunehmende Klimakrise. Der Weltklimarat bezeichnet den Klimawandel in seinem jüngsten Bericht vom Februar als Bedrohung für die Welternährung wegen zu erwartender Verluste in der Nahrungsmittelproduktion. Der Mix «Krieg und Klima» ist toxisch und zwingt die ganze Welt, ihre Ernährungssicherheit neu zu gestalten. Das gilt ganz besonders für Länder mit hoher Bevölkerungsdichte und Auslandabhängigkeit wie die Schweiz.
Auch wenn ich mir einen friedlicheren Impuls gewünscht hätte, aus dem sich unsere Gesellschaft nun mit der Landwirtschaft und Ernährungssicherheit auseinandersetzen muss: Der Dialog ist wichtig und die vielfältigen Überlegungen, welche zur Sprache kommen, sind wertvoll. Denn eines ist für die Schweiz trotz unserer Kaufkraft auf dem Weltmarkt klar: Wir müssen uns in vielen Branchen wieder stärker auf uns selber verlassen können und dabei auch der Landwirtschaft mehr Wert beimessen.
Anbausysteme müssen nachhaltig sein
Ja, wir müssen Erträge und die Produktion sichern. Dies ist nur mit resilienten, nachhaltigen Anbausystemen möglich. Das Produktionsziel einseitig auf Kosten von Klima- und Umweltzielen zu verfolgen, würde neue Abhängigkeiten und Risiken schaffen. Ein gegenseitiges Ausspielen von Produktion und Natur würde deshalb in eine Sackgasse führen. Nachhaltige Intensivierung der Produktion ist eine Lösung, solange sie nicht gegen die Natur arbeitet. Auch der wachsende Biolandbau muss sein Verbesserungspotenzial ausschöpfen, zum Beispiel in der Züchtung oder Verbesserung von Anbausystemen.
Kultur- und Ackerland schützen
Ja, wir brauchen unser Grasland für die Erzeugung wertvoller tierischer Proteine. An der Kuh wird viel kritisiert. Aber woher in der Welt nehmen wir die Proteine, wenn wir auf Wiederkäuer verzichten? Grasland kann viel CO2 fixieren und einen hohen Anteil des Methans kompensieren. Wir müssen dieses System verbessern, anstattdie Auslandabhängigkeitvon Tierersatzproteinen zu erhöhen.
Ja, wir brauchen unser Ackerland, und dieses möglichst für menschliche Ernährung. Auf die Dauer werden wir uns weniger Schweine und Geflügel leisten können, denn Monogastrier stehen am direktesten in Konkurrenz zur menschlichen Ernährung, sofern sie vom Acker ernährt werden. Die Ernährung von Monogastriern muss neue Wege suchen, und auch Wiederkäuer sollen noch weniger vom Acker ernährt werden.
Biodiversität und möglichst geschlossene Kreisläufe
Ja, wir brauchen unsere Biodiversität. Eine Anbauschlacht auf Blüemliwiesen würde kurzfristig nur wenig Zusatzernte bringen. Der Verzicht auf Biodiversitätsförderflächen dagegen würde neue Probleme schaffen. Der Lebensraum und die Nahrung für Nützlinge sind wichtig. Sie helfen, Schädlinge zu redu-zieren und machen den Boden fruchtbarer. Vielfältig belebte Böden können zudem mehr Wasser und Nährstoffe speichern. Das wird immer wichtiger, denn speicherfähige Böden und vielfältiges Kulturland helfen, Trockenheit und Starkregen besser zu bewältigen.
Ja, wir brauchen unseren Hofdünger. Knapper und teurer Kunstdünger zeigt uns den ganz praktischen und ökonomischen Wert der betriebseigenen Kreislaufwirtschaft. Das alte Sprichwort «Mist ist des Bauern List» erhält eine aktuelle Bedeutung. Daraus können wir generell das Ziel ablesen, die Autarkie auf einem Landwirtschaftsbetrieb zu stärken; nicht nur mit Nährstoffen, sondern u. a. auch mit einem sparsamen Wassermanagement oder mit Agri-Photovoltaik.
Bevölkerungszuwachs erfordert Schutz des Kulturlands
Ja, wir brauchen unser Kulturland. Schauen wir mal die horrenden Zahlen an: Aufgrund der Zunahme der Siedlungs-, Industrie- und Verkehrsflächen sind gemäss neuesten Erhebungen des Bundesamtes für Statistik zwischen 2009 und 2018 im Schnitt 3355 ha landwirtschaftliche Flächen pro Jahr verloren gegangen, ein bedeutender Anteil davon ist ackerfähiges Land. Die Rechnung «wachsende Bevölkerung und gleichzeitig weniger Kulturland» führt zwangsweise zu weniger Selbstversorgung. Da können wir uns noch so viel Mühe geben mit ökologischer Intensivierung oder der Frage, ob wir Blüemliwiesen erhalten oder pflügen sollen. Von allen wohl die wirkungsvollste Massnahme ist daher ein besserer Schutz unseres Kulturlandes.
Autarkie schaffen wir hierzulande mit unserer Bevölkerung bei weitem nicht. Genauso wenig gehen Weitermachen und weiterwachsen wie bisher, das sind wir auch den ärmeren Ländern der Welt schuldig. Wir müssen Wege finden, wie die kleine Schweiz nachhaltig und zu einem gesunden Anteil für sich selber sorgen kann.

