«Unser Trinkwasser – wir bringen die Fakten auf den Tisch». Unter diesem Titel haben vergangene Wochen angehende Agrotechniker HF des Strickhof zu einem Podium zur Trinkwasser-Initiative eingeladen. Und das war die Übungsanlage: Der St. Galler SVP-Ständerat Mike Egger vertrat in seinem Referat den gegnerischen Standpunkt zur Initiative. Während der anschliessenden Podiumsdiskussion wurde er von Hans Frei unterstützt, dem Präsidenten des Zürcher und Vizepräsidenten des Schweizer Bauernverbands.
Franziska Herren, die Initiantin des Volksbegehrens, legte in ihrem Kurzreferat dar, weshalb aus ihrer Sicht die Initiative angenommen werden muss. In der Podiumsdiskussion assistierte sie Roger Gündel. Der Landwirt und Direktvermarkter führt den Birchhof in Obewil Lieli AG auf biodynamischer Basis.
Professor als «Schiedsrichter»
Sozusagen als «Schiedsrichter», der die Fakten einordnete, die da auf den Tisch gebracht wurden, amtete Robert Finger, Professor für Agarökonomie und Agrarpolitik an der ETH Zürich. Er stützte seine Argumentation auf aktuelle Untersuchungen zu diesem Thema. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Agronomin und Journalistin Fausta Borsani.
Die Initiantin und der Gegner der Initiative traten bei ihrer Präsentation mit den Argumenten auf, die in landwirtschaftlichen Kreisen inzwischen bekannt sein dürfte.
Massive Mindererträge
Ein vollständiger Verzicht auf Pflanzenschutzmitteln würde zu einer massiven Mindererträgen führen, legte Mike Egger in seiner Schlussforderung dar. Die Auflage, mit hofeigenem Futter auskommen zu müssen, erschwere die Produktion von Eiern und Fleisch massiv und führe zu mehr Importen. Die Initiative gefährde den Selbstversorgungsgrad der Schweiz. Mike Egger wie Hans Frei betonten, die Schweizer Landwirtschaft habe den Handlungsbedarf erkannt und bereits viel unternommen. Beispiele seien der Aktionsplan Pflanzenschutz, der Aktionsplan Biodiversität, die Strategie Antibiotikaresistenz. Hans Frei kritisierte, dass ausschliesslich die Landwirtschaft auf der Anklagebank sitze. Es würde nur auf die Spuren geschaut, welche die Landwirtschaft hinterlässt. Nicht aber aus Spuren die Private hinterlassen und auf Spuren mit einem wesentlich höheren Gefahrenpotential aus anderen Bereichen der Wirtschaft. So werde etwa bei den Landwirten der Einsatz von Antibiotika registriert, was bei der Humanmedizin nicht der Fall sei.
Umweltziele nicht erreicht
Die Landwirtschaft wird mit Milliarden von Steuergeldern unterstützt, sagte Franziska Herren. Diese Zahlungen würden aber nicht dazu führen, dass die gesetzlichen Umweltziele der Landwirtschaft erfüllt werden. «Die Landwirtschaftspolitik ist verantwortlich dafür, dass die Umweltziele verfehlt werden», sagte sie. Die Biodiversität bilde unsere Lebensgrundlage. Pestizide würden diese Grundlage belasten. Franziska Herren hat Angst, dass die Biodiversität kollabiert. Die Schweiz sei das Wasserschloss Europas und produziere Schmutzwasser, das ganz Europa belaste. Roger Gündel sagte, ein Ja zur Trinkwasser-Initiative würde keine Auswirkungen auf seinen Betrieb zeitigen. Probleme mit dem Trinkwasser seien da. Jetzt sei es Zeit für Änderungen. Dabei müssten Produzenten, Handel und Konsumenten zusammenarbeiten. Niemand könne damit zufrieden sein, wenn zu viel Milch für einen zu tiefen Preisen produziert werde.
Eine Vielzahl von Massnahmen
Robert Finger hob in seinen Ausführungen hervor, dass zum Pflanzenschutz nicht nur das Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln gehört, sondern in einer Vielzahl von Massnahmen besteht wie etwa: tiefes Pflügen, Hacken, Jäten, Einsatz von Netzen, Folientunnels etc. Die Erfahrungen würden aber zeigen, dass auch solche Formen des Pflanzenschutzes unerwünschte Nebenwirkungen zeitigten: Mehrkosten, Erosion, Emissionen durch zusätzliche Überfahrten, Bodenverdichtung oder Auswirkungen auf das Landschaftsbild.
Pflanzenschutzmittel haben negative Auswirkungen auf Umwelt, Gesundheit und Gewässer, hielt Finger fest. Das gelte auch für nicht synthetische, die im Bio-Landbau eingesetzt würden, etwa für Kupfer. Man könne sehr wohl über die Höhe der geltenden Grenzwerte diskutieren sowie über die Frage, ob diese zu streng angesetzt seien, sagte Finger. In der Praxis sei aber der im Gesetz verankerte Wert massgebend.
Viele würden aus dem ÖLN aussteigen
Bei der Beurteilung der Folgen der Annahme der Initiative stützte sich Finger auf eine Agroscope-Studie vom Juni 2019, die verschiedene Szenarien durchgerechnet hat. Diese kommt zum Schluss, dass bei einer Annahme vor allem Veredelungsbetriebe (33 bis 63 Prozent) und Spezialkulturbetriebe (51 bis 93 Prozent) aus dem ÖLN aussteigen würden und somit auf Direktzahlungen verzichten würden. Massgebend für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wären für diese Betriebe die Bestimmungen des Umweltrechtes. Gemäss Studie würde bei einer Annahme der Initiative der Brutto-Selbstversorgungsgrad um 11 bis 20 Prozent sinken, was zusätzliche Umwelteffekte im Ausland zur Folge haben könnte.
Fussabdruck im Ausland
«Die Schweiz hinterlässt zwangsweise einen ökologischen Fussabdruck im Ausland», sagt Robert Finger. Sie ist nicht in der Lage sich selbst zu ernähren. Und von geographischen Gegebenheit her ist die Landwirtschaftliche Produktion in der Schweiz zwangsweise teurer als im benachbarten Ausland. Bei diesen Voraussetzung ist Finger der Meinung, die Schweiz müsse Lebensmittel mit einem Mehrwert produzieren.
Ein Abbild der Stimmung
Die vielen aufgegleisten Initiativen, welche die Landwirtschaft betreffen, seien das Abbild der Stimmung in der Bevölkerung, sagte Finger. Volksinitiativen würden zwar zumeist abgelehnt, zeitigten in der Praxis aber doch politische Folgen. Deshalb ist Finger der Meinung, die Umwelteinwirkungen der Schweizer Landwirtschaft müssten reduziert werden und die Landwirtschaftlichen Produkte müssten gegenüber der Konkurrenz aus dem Ausland mit einem ökologischen Mehrwert positioniert werden. Dieses Ziel sei nicht alleine mit Verboten zu erreichen. Es brauche eine umfassende Weiterentwicklung der Agrarpolitik und Anstrengungen aller Akteure.
Emotionales Thema
Vor allem im offenen Teil des Abends, an dem das Mikrofon für das zahlreich erschienene Publikums geöffnet wurde, zeigte sich eines: Das Thema ist hochemotional und weckt Emotionen. Die Organisatoren wollten mit diesem Abend den Umgang mit verschiedenen Anspruchsgruppen üben, das Zuhören, das Eingehen auf Argumente. Zumindest im letzten Teil des Abends war es schwierig, dieses Ziel in einem einigermassen gesitteten Rahmen zu erreichen.

