Ein bewegtes Jahr neigt sich dem Ende zu. Es brachte einen ziemlich unheimlichen Mix aus nicht beeinflussbaren äusseren Faktoren und hausgemachten politischen Auseinandersetzungen mit sich, der die Bauernfamilien auf Trab hielt. Den Auftakt machte die russische Invasion in die benachbarte Ukraine. Diese beeinflusste die Zeitläufte auch in unseren Breitengraden stärker, als man sich das je hätte vorstellen können. Es folgte ein Sommer, der sich manchmal wie eine Dürre anfühlte, doch wer von uns hat schon jemals eine Dürre erlebt? Im Herbst folgte eine Abstimmung, die viele Kräfte absorbierte, aber inklusive Kampagne glimpflich verlief. Im vierten Quartal sorgten Niederschläge und das Parlament für Entspannung in den Futterlagern und in der Politik.
Mildes Herbstwetter im Winter
Ich schreibe diese Zeilen am kürzesten Tag des Jahres. Und der späte Nachmittag fühlt sich an, als wäre er ein milder Herbstabend. Der Winterzauber hat sich über Nacht verflüchtigt, ähnlich wie die Vorfreude auf stiebende Pisten. Klar, das ist nur eine Wetterkapriole und noch nicht Klima. Aber so gut wie sicher wird der aktuelle Dezember als einer der wärmsten, wenn nicht der wärmste in die Geschichte eingehen. An diese Meldungen haben wir uns längst gewöhnt. Wir nehmen sie in den Nachrichten ziemlich gleichgültig zur Kenntnis, ähnlich wie die Staumeldungen oder wild schwankende Börsennotierungen.
Nur gibt es einen kleinen Unterschied. Während Verkehrslage und Aktienkurse nur diejenigen wirklich zu interessieren brauchen, die selber in der Schlange sitzen oder füriges Geld investiert haben, betrifft der greifbare Klimawandel uns alle und ganz besonders die Landwirtschaft. «Wasserschmöcker» haben Hochkonjunktur und die Suche nach trockenheitsresistenteren Sorten oder gar Kulturen ist in vollem Gang.
Werkeln an den Stellschrauben
Politisch wird derweil an den Stellschrauben gewerkelt. Hier verläuft der Prozess meist wie folgt: Umweltlobbyisten animieren ihre Verbündeten im Parlament und wenn möglich auch gleich noch im Bundesrat zu zwei Schraubendrehungen. Dann kommen die Landwirtschaftsvertreter(innen) auf den Plan und drehen – neu in Allianz mit den stärksten Wirtschaftsverbänden – eine Drehung zurück. Resultat ist mittlere Unzufriedenheit, so wie man sie jetzt in Sachen Pa. Iv. 19.475 feststellen kann. Der Nationalrat hat den Absenkpfad für Nährstoffe etwas ausgeebnet, hält aber an den 3,5 Prozent Biodiversität im Acker und an der bisher geplanten Umsetzung des Schleppschlauchgebots fest.
Allzu stark grämen muss man sich in der Landwirtschaft ob diesen Schritten nicht. Man kann den Bären nicht waschen, ohne das Fell nass zu machen. Es ist wichtig, dass ab und zu Konzessionen in umweltpolitischen Fragen gemacht werden. Natürlich haben viele der klimabewegten urbanen Kreise komplett absurde Vorstellungen von der Landwirtschaft und ihren Möglichkeiten. Hier gibt es wie bisher viel Erklärungsbedarf und ebenso zahlreiche Gelegenheiten, sich aufzuregen.
Aber es gibt eben auch Potenziale, gerade weil der Klimawandel handfest ist und die Landwirtschaft über Flächen, Dächer und Gülle verfügt, die beispielsweise (Agro-)Fotovoltaik und Biogas-Produktion ermöglichen. Innert eines Jahres ist hier auch aufgrund der kriegsbedingten Energiekrise eine unglaubliche Dynamik entstanden, die es zu nutzen gilt. Raumplanerische Korsetts sind plötzlich weniger eng, es gibt neue Fördermittel und der Markt ist bereit, kostendeckende Preise für Energie vom Dach zu bezahlen.
Fokus auf die Märkte legen
Aber nicht jede/r muss ihr/sein Dach mit Solarzellen eindecken oder einen Biogas-Reaktor vors Haus stellen. Es gibt – Stichwort Markt – auch andere Möglichkeiten, von den direkten und den indirekten Auswirkungen des Klimawandels zu profitieren. Nur ein Beispiel: Händeringend suchen Start-ups nach heimischen pflanzlichen Proteinen. Die Bauernfamilien sollten alles daran setzen, diese Nachfrage zu befriedigen. Aber auch – vor dem Anbau – den korrekten Preis dafür verlangen.
Dass Krise Chance bedeutet, ist eine abgenutzte Weisheit. Aber wenn es die Branche schafft, die aktuell nicht schlechten politischen Bedingungen – unangetastetes Direktzahlungsvolumen, einigermassen praxisverträgliche Regulierungspläne, drittes grosses Volksmehr innert Jahresfrist – zu nutzen und gleichzeitig den Fokus auf die Märkte zu legen, kann sie ein wichtiger Teil der Problemlösung werden. Auf diesem Weg wünsche ich Ihnen viel Glück und unterzwischen einige erholsame Festtage!

