Erst die Abstimmung, dann die Proteste: «Sieg wäre eine Motivation, weiterzumachen»
Bald ist ein halbes Jahr vergangen, seit Landwirt Roman Hodel mit seinem Traktor von Dagmarsellen nach Bern fuhr und ihn vor dem Sitz der Branchenorganisation Milch (BOM) abstellte. Über den Sommer hatte er anderes zu tun. Der Unmut über die schwierige Lage der Landwirtschaft sei während der Ernte aber nicht kleiner geworden, sagt er. Viele Kollegen müssen sich heuer mit bescheidenen Erträgen abfinden. «In den letzten Jahren war die Tierproduktion stark unter Druck, heuer trifft es auch die Ackerbauern», so sein Eindruck. Die Reserve werde immer kleiner. «Damit wird die Lage noch angespannter», sagt er.
«Keinen Dreck an den Stiefeln»
Dass es in der Branche weiterhin gärt, zeigt ein Interview, das der Westschweizer Protestführer Arnaud Rochat der «Sonntagszeitung» gegeben hat. Darin zeichnet er ein düsteres Bild, spricht von entmutigten Landwirten, Suiziden und kritisiert die landwirtschaftlichen Verbände, deren Vertreter zu weit weg seien und «keinen Dreck an den Stiefeln» hätten.
Man sei keineswegs untätig gewesen, sagt dazu der Schweizer Bauernverband (SBV). «Wir haben die Preisverhandlungen in den verschiedenen Branchen eng begleitet und mit den Fachorganisationen koordiniert», so Sprecherin Sandra Helfenstein. Und das nicht ohne Erfolg: «Bei verschiedenen Produkten gelang es, die Richtpreise zu erhöhen.» Sie verweist ausserdem auf die politische Arbeit in Bern. Dort sei es gelungen, in verschiedenen Bereichen Mehrheiten zu finden. «3,5 % BFF auf Ackerland, Weinwirtschaft, Zulassung PSM, Transparenz TVD, Bedingungen RAUS-Programm», zählt Helfenstein auf.
«Die Verbände sind das halbe Jahr mit Abstimmungen beschäftigt»
Dass es trotz bleibendem Unmut stiller geworden ist um die Bauernproteste, hat auch noch einen anderen Grund. Die Branche steht schon wieder im Abstimmungskampf. «Gegenwärtig fokussieren wir uns zu 100 % auf die Biodiversitäts-Initiative», sagt Sandra Helfenstein. Es sei «matchentscheidend», dass am 22. September der gesamte ländliche Raum an die Urne gehe. Denn die zweite Vorlage, über die an diesem Tag abgestimmt wird, betrifft mit der Beruflichen Vorsorge (BVB) ein klassisches Sozialthema – und werde damit «links sehr stark mobilisieren», wie Helfenstein sagt. «Hier ist Engagement auch vonseiten der Betriebe nötig», stellt sie klar.
Statt politischer Erfolge hätte sich Bauer Roman Hodel lieber bessere Preise gewünscht. «Das Problem ist, dass es immer nur um Politik geht», sagt er. «Die Verbände sind das halbe Jahr beschäftigt mit Abstimmungen.» Dabei bleibe kaum noch Zeit und Geld, um die ganze Preispolitik bei den Lebensmitteln zu gestalten, bemängelt er. Dass die politische Mühen notwendig sind, will aber auch Roman Hodel nicht bestreiten. Im Gegenteil: Er sieht den 22. September als eine Art Schicksalstag für die Schweizer Landwirtschaft. «Dann werden wir sehen, ob das Volk noch hinter uns steht», sagt er. Für viele Land-wirte werde das ganz konkrete Folgen haben. «Wenn die Initiative angenommen wird, weiss jeder, dass er in Zukunft nur noch als eine Art Landschaftsgärtner gefragt ist», bringt Hodel die Befürchtung vieler Bauern auf den Punkt. Die Folge wäre eine Art «innerliche Kündigung» vieler Landwirte. «Nichts mehr investieren und einfach nur noch die Direktzahlungen abholen», beschreibt er diese Strategie. Für den von der Politik gewünschten Umbau hin zu einer nachhaltigeren und klimafreundlicheren Landwirtschaft wäre das verheerend, warnt Hodel. «Für all das braucht es Investitionen, und die tätigt nur, wer eine Perspektive hat.»
Ohne Perspektive braucht es keine Proteste mehr
Die Bauernproteste sind für Roman Hodel deshalb viel mehr als ein Ventil für den Frust. Sie seien vielmehr ein Zeichen dafür, dass die Landwirte motiviert seien und für ihre Zukunft kämpfen wollten. «Wenn sie keine Zukunft mehr sehen, müssen sie auch nicht mehr auf die Strasse gehen.» Wie es weitergeht mit den Protesten, hänge deshalb stark vom Ausgang der Abstimmung ab. «Ein Sieg wäre eine Motivation, weiterzumachen.» Dann müsse es wieder um die Preise gehen. Die aktuellen Sparprogramme zeigten, womit die Grossverteiler tatsächlich Geld verdienen: «Sie sparen ja überall ausser bei den Lebensmitteln.» Über Jahre sei dieses Geld statt an die Produzenten ins Marketing geflossen.
Die wichtigste politische Forderung sei im Moment jene nach Stabilität. «Niemand kann wirtschaften, wenn sich die Rahmenbedingungen von Jahr zu Jahr ändern», sagt er. Dies verunmögliche den Einstieg in neue Produktionszweige und die damit verbundenen Investitionen. Die aktuelle Krise der Landmaschinenhersteller sieht Hodel als direkte Folge dieser fehlenden Planungssicherheit.
Ob und wie die Proteste weitergehen, dürfte sich im Oktober zeigen. Dann will der SBV zusammen mit den verschiedenen Gruppierungen eine Bilanz über die Situation auf den Märkten und in der Politik ziehen.

