Wie haben Sie die ersten 100 Tage erlebt?
Martin Angehrn: Sehr spannend und erlebnisreich, so wie ich mir das vorgestellt habe, wenn auch etwas komplexer. Ein Glücksfall ist das Team. Allerorts finde ich motivierte Mitarbeiter(innen), die sich für die Thurgauer Landwirtschaft einsetzen. Sie sind kompetent und beherrschen ihr Tagesgeschäft.
Im Kanton Thurgau geht Ende Woche die Strukturdatenerhebung zu Ende, was für viele Bauernfamilien mit Unsicherheiten und Unmut verbunden war. Wie ist es in Ihrem Amt gelaufen?
Neben den üblichen Fragen zu Flächenanpassungen im GIS gab es vor allem viele Detailfragen zu den neuen Programmen, welche im Rahmen der Parlamentarischen Initiative 19.475 lanciert wurden. Die Direktzahlungsprogramme werden immer komplexer und anspruchsvoller. Es bestehen zudem viele Sonderregelungen und Ausnahmen. Die Einführung der 3,5 %-Acker-BFF ab 2024 führt einerseits zu vielen Spezialfragen und andererseits zu Unmut und Unverständnis seitens der Thurgauer Landwirte. Dennoch versuchen die Thurgauer Landwirte, die Vorgaben bestmöglich umzusetzen. Positiv zu erwähnen ist die grosse Hilfsbereitschaft der Mitarbeitenden des Bundesamts für Landwirtschaft (BLW) auf unsere Rückfragen.
Was sollte anders laufen?
Das BLW müsste in Detailfragen mehr Pragmatismus walten lassen und auf Detailbestimmungen verzichten. Die Komplexität der Direktzahlungen hat ein übermässiges Ausmass angenommen, das in der Praxis kaum mehr seriös umsetzbar oder kontrollierbar ist. Bei der Ausgestaltung der Direktzahlungs-programme müsste die administrative Entlastung und Vereinfachung endlich realisiert werden. Leider wird darauf vergeblich gewartet. Weh tut uns im Kanton Thurgau die Kürzung des Versorgungssicherheitsbeitrags auf Fr. 700.–/ha. Ich hoffe sehr, dass dieser nicht noch weiter gesenkt wird. Das wäre sehr schmerzhaft für unsere Betriebe.
Als Mitglied der Konferenz der kantonalen Landwirtschaftsdirektoren (Kolas) könnten Sie jetzt Einfluss nehmen.
Das machen wir auch. So einigten wir uns in der Kolas Ost darauf, dass im Vollzug Massnahmen und Kontrollen in den Kantonen Thurgau, St. Gallen, Schaffhausen, Zürich, Glarus, Graubünden, Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden sowie in Liechtenstein einheitlich kontrolliert und umgesetzt werden sollen. Um zu verhindern, dass es nicht zu noch mehr Wildwuchs kommt. In der Kolas selbst steht das Verordnungspaket 2023 an. Die Vernehmlassung dauert bis zum 2. Mai 2023. Unsere Rückmeldungen arbeiten wir hier im Amt aus, da sind wir mittendrin. Diese fliessen auch in Kolas ein.
Im Kanton Thurgau laufen viele Projekte, die die Bauernfamilien im Guten wie im Negativen bewegen. Wo setzen Sie den Schwerpunkt?
2023 steht der Massnahmenplan zur Klimastrategie auf der Agenda. Bis 2050 will der Kanton Thurgau bei den Treibhausgasemissionen das Netto-Null-Ziel erreichen. Wir sind dabei, die Massnahmen für die Landwirtschaft auszuarbeiten, sodass die Umsetzungsphase im Verlaufe 2024 beginnen kann.
Von welchen Massnahmen sprechen Sie? Bewässerungssysteme, Erosionsminderung, Stallkonzepte, Humusaufbau, erneuerbare Energie?
Wir sind diesbezüglich noch in der Findungsphase. Ich werde mich davor hüten, vorzupreschen, da andere Amtsstellen auch beteiligt sind. Zudem werden wir den Verband Thurgauer Landwirtschaft involvieren sowie die vor- und nachgelagerten Organisationen der Ernährungswirtschaft. [REL 2]
Wie ist Klimaschutz messbar?
Dafür braucht es die Forschung, die messbar die Leistung festhält. Ich weiss, dass die Waadtländer Landwirtschaftskammer Prométerre zusammen mit der Universität Genf auf zwanzig Pilotbetrieben Messinstrumente und -methoden testet, um möglichst genau den CO2-Fussabdruck auf Parzellen festzuhalten. So etwas müssten wir auch bei uns einfliessen lassen, so sieht jeder Landwirt, wie er im Vergleich zum Nachbarn dasteht. So hat man einen Benchmark, wie er im Bereich Betriebswirtschaft schon besteht. [IMG 2]
Wenn man von der Forschung etwas will, muss immer zuerst eine Projektfinanzierung her. Die Versuchsstationen dienten Agroscope dazu, die Finanzierung breiter abzustützen und um zusätzliche Gelder zu akquirieren.
Das sehe ich nicht so negativ. Durch unsere Beteiligung haben wir auch Einfluss. Es gibt unterschiedliche Formen der Zusammenarbeit. Es ist ein Geben und Nehmen. An der Versuchs-station Smarte Technologien in Tänikon sind neben dem Kanton Thurgau auch der Kanton Schaffhausen sowie Agroscope undAgridea beteiligt.
Wo bleiben die Bauern?
Im Beirat der Versuchsstation Smarte Technologien sind der Schaffhauser Bauernverband, der Verband Thurgauer Landwirtschaft und die Swiss Future Farm vertreten. Zudem gibt es Technologiepartnerschaften mit Firmen. Sehr dankbar sind wir, dass die Bauernfamilien in vielen Fällen Versuchsflächen zur Verfügung stellen und aktiv an diesen Projekten mitarbeiten, damit man die Kinderkrankheiten beispielsweise von neuen Technologien und Anbauverfahren ausmerzen kann. Diesbezüglich kann auch die Wissenschaft vom Erfahrungsschatz der Landwirtschaft profitieren.
Gibt es Entschädigungen, wenn die Ertragskraft der Betriebe eingeschränkt wird?
Wir sprechen von Anreizen. Unser Ziel ist, dass wir verträgliche Massnahmen schaffen, die trotzdem effizient, wirkungsvoll und ressourcenschonend sind. Dabei soll Mehrwert entstehen, dass die Bauernfamilien auf freiwilliger Basis mitmachen. Förderbeiträge gibt es schon jetzt in der Biodiversitätsstrategie. So erhöhten wir den Beitrag für Q II. Auch wird regionales Saatgut für die Neuansaat von artenreichen Heuwiesen durch einen Beitrag unterstützt.
Viele Ihrer Massnahmen sind also noch nicht bekannt, hingegen jene beim Massnahmenplan Ammoniak schon – was nicht gerade zur Freude vieler Bauern ist.
Der Massnahmenplan steht und ist zusammen mit dem Amt für Umwelt seit 2021 in der Umsetzung. Diese acht durch die landwirtschaftlichen Betriebe umzusetzenden Massnahmen werden durch vier weiterführende Massnahmen ergänzt. Einzelne überschneiden sich mit der Idealvorstellung des Tierwohls oder den Klima- und Biodiversitätsmassnahmen, das muss in Übereinstimmung gebracht werden. Alle unsere Projekte müssen in die gleiche Richtung fahren. Diesbezüglich braucht es eine Koordination mit den Ressourcenprojekten Aquasan und Pflopf, aber auch mit Landschaftsqualität und Vernetzung.
Wie geht es weiter mit dem Hochwasser- und Revitalisierungskonzept Thur+?
Man versucht, eine Einigung zu finden, zudem ist ein Entwicklungsprozess ländlicher Raum (ELR) geplant. So wollen wir mit den am meisten betroffenen Grundeigentümern Lösungen finden, sodass deren Betriebe nicht existenziell bedroht sind. Realersatz spielt dabei nur eine Rolle der Lösungsfindung. Wegweisend wird der vorgezogene Abschnitt Weinfelden–Bürglen sein, wo zurzeit Einsprachen sowohl der Grundeigentümer als auch der Umweltschutzverbände hängig sind. Das ist ein politischer Prozess. Im Grundsatz versuchen wir aber immer, einen Konsens mit den Betroffenen zu finden und dass möglichst wenig landwirtschaftliche Nutzflächen verloren gehen.
Heftig umstritten ist auch die Bodensee-Thurtalstrasse (BTS). Lässt sich dort eine Lösung finden?
Da nun der Bund den Korridor nochmals überprüfen will, sind wir hier zurückhaltend unterwegs. Wo es sich anbietet, kauft der Kanton das Land rund um ein künftiges Trasse, sodass auch hier bei der Realisierung Realersatz angeboten werden kann.
Der vergangene Hitzesommer führte zu Wasserknappheit. Laut gewissen Wetterpropheten drohen nach dem milden Winter Hitzewellen im Sommer. Ist der Kanton Thurgau darauf vorbereitet?
Wir sind dran und machen eine Brauchwasserplanung, wo Klimaszenarien mitberücksichtigt werden. Die Wasserversorgung mit Trinkwasser ist für die Landwirtschaft teuer. Wenn es zu Wasserknappheit kommt, darf die Landwirtschaft immer als Erstes kein Wasser mehr beziehen. Es liegen einige Projekte und Anträge vor für die Erschliessung von Quellen und die Nutzung von Grundwasser. Wichtig ist uns, dass keine Insellösungen entstehen, sondern dass überbetrieblich und regional geplant wird. Das können wir über Strukturverbesserungsbeiträge unterstützen.

