«Das Trinkwasser im Kanton Zürich ist von guter Qualität. Es kann bedenkenlos getrunken werden.» Das sagte die Zürcher Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli (SVP) an einer Medienorientierung vom 15. September. Es ging um die Rückstände von Chlorothalonil-Abbauprodukten in Grund- und Trinkwasser, konkret um den Chlorothalonil-Metaboliten R471811. «Ein grosser Alarm wäre verfehlt. Man muss aber etwas tun.» So urteilte der Zürcher Baudirektor Martin Neukom (Grüne) am gleichen Anlass und fügte an: «Solche Stoffe haben im Wasser nichts verloren.»
Als unbedenklich eingestuft
Anders der Zürcher Bauernverband: Mit Chlorothalonil habe die Landwirtschaft lediglich ein Mittel eingesetzt, dass von den Behörden seit 50 Jahren als absolut unbedenklich eingestuft worden sei, schreibt dieser in einer Pressemitteilung. (siehe Kasten). Es sei bedenklich, dass die verantwortlichen Behörden nicht hinstehen und die Verantwortung übernehmen würden. «Die Schuldigen am scheinbaren Schlamassel sind einzig die Landwirte, die angeblich bewusst Boden und Menschen vergiften wollen», kritisiert der ZBV in seiner Mitteilung.
«Zulassungsbehörde übernimmt Verantwortung»
Pflanzenschutzmittel würden helfen, Food Waste auf dem Feld und am Lager zu vermeiden und würden den Ertrag und die Qualität des Ernteproduktes absichern. Das hält der Zürcher Bauernverband in einer Mitteilung fest und stellt fest: «Chlorothalonil ist ein seit den 70er-Jahren bewilligtes Pflanzenschutzmittel gegen verschiedene Pilzkrankheiten.» Mit der Freigabe eines Mittels übernehme die Zulassungsbehörde die Verantwortung für etwaige Nebenwirkungen. Die Bewilligungsbehörde habe Chlorothalonil aber als absolut unbedenklich für Gesundheit und Umwelt gekennzeichnet.
Derzeit sei es ungeklärt, ob die Abbauprodukte von Chlorothalonil für die Gesundheit überhaupt «relevant» seien, hält der ZBV in seiner Mitteilung fest: «Gemäss dem aktuellen Zwischenbericht eines Gerichts sind sie nicht entscheidend für die menschliche Gesundheit. Die Chancen stehen also gut, dass die Höchstwerte der Metaboliten aufgrund neuer Erkenntnisse wieder auf den ursprünglichen Wert von zehn Mikrogramm pro Liter erhöht werden.»
Weiter kritisiert der Bauernverband die Berichterstattung der Medien. Diese hätten reine Polemik sowie Angstmacherei betrieben und den Landwirten unterstellt, bewusst Boden und Menschen vergiften zu wollen. «Wahr ist das Gegenteil. Unsere Bauernfamilien versuchen tagtäglich, im Stall und auf den Feldern die veränderte Sensibilität der Bevölkerung wahrzunehmen und umzusetzen. Niemand ist daran interessiert, Mittel einzusetzen, welche die Gesundheit der Umwelt beeinträchtigen.» Die Landwirtschaft habe lediglich ein Mittel eingesetzt, das seit 50 Jahren von der Behörde als absolut unbedenklich eingestuft worden sei, betont der Verband in seiner Mitteilung.
Bund setzt Zeitrahmen
An der Medienkonferenz präsentierte der Zürcher Regierungsrat die Resultate einer Taskforce. Diese wurde eingesetzt, um den Zustand des Zürcher Trinkwassers systematisch zu erfassen und zu verbessern. Dies, nachdem Überschreitungen des Chlorothalonil-Grenzwertes von 0,1 Mikrogramm pro Liter in Teilen des Grund- und Trinkwassers für deftige Schlagzeilen gesorgt hatten. Dazu kommt aber auch die Erwartung des Bundes, dass die Grenzwerte für Trinkwasser eingehalten werden müssen. Wenn Sofortmassnahmen nicht genügen, dieses Ziel zu erreichen, müssen weitergehende Massnahmen getroffen werden, um dieses Ziel innert zweier Jahre zu erreichen.
Erste Massnahmen
Rund 850 Proben im Trinkwassernetz des Kantons haben folgendes Resultat erbracht: In 80 Prozent der Trinkwasserverteilnetze liegen die Werte der Chlorothalonil-Abbauprodukte unter dem Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter. In keiner Gemeinde liegt der gemessene Wert über 1 Mikrogramm pro Liter. Um diese Werte zu erreichen, musste in einzelnen Netzen die Trinkwasserqualität durch das Zuführen von zusätzlichem und unbelasteten Wasser erhöht werden. Teilweise wurden auch Quellfassungen still gelegt. Am geringsten ist die Belastung des Trinkwassers durch Chlorothalonil-Abbauprodukte in Trinkwassernetzen, die mit Zürichsee-Wasser versorgt werden.
«Eindeutig zu hoch»
Anders sieht die Bilanz bei Untersuchungen des Grundwassers aus. Dieses wird teilweise auch ins Trinkwassernetz eingespeist. Proben zwischen März und Juli 2020 in einer repräsentativen Auswahl von 100 Stellen in den wichtigsten Grundwasservorkommen des Kantons ergaben folgenden Befund: Bei rund 60 Prozent der Messstellen wurde der Höchstwert von 0,1 Mikrogramm pro Liter überschritten. Für Martin Neukom sind diese Werte «bedenklich und eindeutig zu hoch». Neukomm hielt denn auch fest, der Regierungsrat begrüsse den Aktionsplan Pflanzenschutzmittel des Bundes sowie eine parlamentarische Initiative des Ständerats. Diese sieht bis 2027 eine verbindliche Halbierung der Risiken durch Pflanzenschutzmittel vor.
«Keine toxische Relevanz»
Der Bund hatte den Grenzwert von Chlorotahlonil von 10 auf 0,1 Mikrogramm pro Liter reduziert, nachdem die Europäische Gesundheitsbehörde den Wirkstoff Anfang 2019 als «möglicherweise krebserregend» eingestuft hatte. In der Schweiz ist die Ausbringung von Chlorothalonil seit Anfang 2020 verboten. Natalie Rickli betonte an der Medienorientierung, dass der für Chlorothalonil festgesetzte Grenzwert mit einem Zehnmillionstel Gramm pro Liter sehr streng angesetzt sei und gerade dem noch Messbaren entspreche. Sie stellte folgenden Vergleich an: Die Konzentration entspreche einem Würfelzucker in zwölf olympischen Schwimmbecken und habe keine toxische Relevanz. Rickli stellte aber auch fest, dass es das Ziel des Kantons sei, die Grenzwerte einzuhalten und fügte an, dass es sehr lange dauere, bis die Abbaustoffe von Chlorothalonil wieder verschwinden würden. Martin Neukom illustrierte diese Persistenz in seinen Ausführungen am Beispiel des Wirkstoffes Chloridazon, der seit 2013 nicht mehr eingesetzt wird. Die gemessenen Konzentrationen haben sich seither bis heute aber kaum verändert, wie eine wissenschaftlich angelegte Messreihe zeigt.
Hoher Anteil
Natalie Rickli wie Martin Neukom stellten fest, dass das Fungizid Chlorothalonil nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch im Gartenbau und der Holzwirtschaft eingesetzt werde. Der Anteil der Landwirtschaft sei jedoch hoch. Neukomm betonte, im Bereich der Landwirtschaft müsse der Eintrag von Pflanzenschutzmitteln in Gewässer reduziert werden. Er wies dabei auf das Projekt Pflopf hin, das 2019 in den Kantonen Aargau, Thurgau und Zürich angelaufen ist. Das Ziel dieses Projekts zur «Optimierung und Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes mit Precision-Farming-Technologien» besteht darin, mit der Umsetzung von technologiebasierten Massnahmen Pflanzenschutzmitteleinsparungen in Höhe von mindestens 25 Prozent zu erreichen. Neukom wies dabei auf die Rolle der Punkteinträge hin. Über den Einsatz von Drohnen ist es beispielsweise aber auch möglich, Stellen zu erkennen, an denen das Risiko für den Eintrag von Pflanzenschutzmitteln in Gewässer besonders hoch ist.
Zusätzliche Reinigungsstufe
Als weiteren Schritt zur Reduktion der Belastung durch Pflanzenschutzmittel schlägt Neukom vor, nur noch Pflanzenschutzmittel einsetzen, die sich in kurzer Zeit abbauen. Auf der ganz sicheren Seite sei man aber nur bei einem Verzicht. Neukom führte weiter aus, die Revitalisierung von Gewässern sei auch ein Beitrag, um die Selbstreinigung des Wassers zu erhöhen. Der Regierungsrat kündigte ausserdem ein Programm an, die Abwasserreinigungsanlagen mit einer zusätzlichen Reinigungsstufe aufzurüsten.

