Als mein Mitstudent Antoine Manteau und ich auf dem Feld eintreffen, ist Pascal Gosselin aus Morsan schon mitten in der Leinernte. Die Zeit drängt! Nachdem das Stroh fast zwei Monate zur Röste auf der Erde gelegen hat, bedeutet jetzt jeder zusätzliche Tag eine Abnahme der Faserqualität. Trotzdem nimmt sich Gosselin die Zeit, uns in die Kunst des Leinanbaus einzuführen.
Prädestiniert für Lein
Auf den tiefgründigen Lössböden der Normandie wächst der Lein besonders gut. Das gemässigte Klima der Küstenregion mit Temperaturen, die selten über 25°C steigen, der regelmässige leichte Niederschlag und die sommerliche Taunässe tragen ihren Teil zur Produktion einer qualitativ hochstehenden Naturfaser bei.
Pascal Gosselins Felder sind topfeben, eine gute Voraussetzung für eine Kultur, die Erosion fördert. Nur wenig Niederschlag reicht, um den feinen offenliegenden Schluff wegzuspülen. «Wir haben Probleme mit Erosion», gibt Gosselin zu. «C’est comme ça», meint er aber stoisch «es ist so, wie es ist».
Die Leinproduktion ist mit viel Risiko verbunden und die Erosion ist nur eines davon. Er ist anfällig auf Echten Mehltau und «Brûlure» – weitere Pilzkrankheiten. Viele Kandidaten der Familie der Blattkäfer mögen die Blätter des Leins gerne und Thripse verköstigen sich an dessen Blüten. Für Unkraut herrscht Nulltoleranz, da dieses die Ernte oder aber die Weiterverarbeitung verunmöglichen könnte. Dagegen kämpft Gosselin mit einer Fruchtfolge von sechs Jahren und – wie 99 % der normannischen Leinproduzenten – mit synthetischen Pestiziden.
Regen: erst Fluch dann Segen
Was Pascal Gosselin jedoch nicht beeinflussen kann, ist das Wetter, und dieses ist ausschlaggebend für eine gute Ernte. Lein steht auf Stängeln mit einem Durchmesser von durchschnittlich 2 mm, muss aber, damit er zu Fasern verarbeitet werden kann, eine Höhe von mindestens 60 cm erreichen. Je höher er wächst, desto grösser wird das Risiko der Lagerung. Ein leichtes Gewitter kann so innerhalb von Minuten die ganze Ernte zerstören.
Die Leinproduktion Schritt für Schritt
Saat bis Raufen: Frühlingslein wird Mitte März bis anfangs April gesät und im Juli gerauft. Dabei wird er mitsamt einem Teil der Wurzeln aus dem Boden gezogen. Beim Raufen ist es wichtig, dass der Lein in geraden Reihen abgelegt wird und die Samenkapseln alle auf die gleiche Seite zu liegen kommenRöste: Nach dem Raufen liegt das Stroh bis zu zwei Monate auf dem Feld. Während dieser Zeit werden die Pektine in den Stängeln aufgelöst und die Pflanzenfasern mit den festen Holzbestandteilen verbunden. So bilden sich lange Fasern. Für diesen Prozess ist Feuchtigkeit in Form von Tau oder leichtem Regen nötigt. Zuviel Regen führt hingegen dazu, dass das Stroh auf dem Feld verfault. Der ausgelegte Lein wird einmal gewendet, so erfolgt die Röste gleichmässig.
Ernte: Ende August wird geerntet. Auch hier ist eine präzise Arbeit nötig. Das Stroh muss exakt zu Ballen gepresst werden, damit eine Weiterverarbeitung möglich ist.
Brechen, Schwingeln, Hecheln: Zur Weiterverarbeitung werden die holzigen Bestandteile zuerst gebrochen bzw. mit einer Walze zerquetscht. In einem weiteren Schritt werden sie entfernt indem auf die Fasern geschlagen wird (Schwingeln). Schliesslich werden die Fasern mit einer Art Kamm in dünnere Fasern aufgeteilt, Kurzfasern und die verbliebenen verholzten Teile entfernt (Hecheln).
Weiterverarbeitung: Langfasern (mindestens 60 cm) werden hauptsächlich in China gesponnen, verwoben oder verstrickt. Kurzfasern werden z.B. in der deutschen Autoindustrie für Polster, Teppich oder Isolation eingesetzt.
Hat der Flachs die sensible Phase bis zur Blüte überstanden und ist er gerauft (siehe Kasten), liegt er zur Röste für Wochen ungeschützt auf dem Feld. Diese Zeit ist entscheidend für die Qualität der Fasern. Für den Prozess des mikrobiellen Pektinabbaus, braucht es eine gewisse Feuchtigkeit. «Im 2019 hat es den ganzen Sommer lang nie geregnet und es gab keinen Tau», erklärt Gosselin, «die Röste konnte nie ganz abgeschlossen werden und die eigentlich gute Ernte erreichte später nur eine mittelmässige Faserqualität». Während dieser Zeit ist auch der starke Wind, der manchmal vom Meer her weht, ein Problem. Die trockenen, leichten Halme werden schnell einmal weggetragen. «Einmal hat der Wind eine ganzes Feld verweht», erzählt eine Landwirtin. «Das ganze Stroh wurde auf einen Haufen geblasen. Er war grösser als unser Haus. Die Ernte unmöglich.»
Eine lukrative Faser
Weshalb produzieren Pascal Gosselin und weitere 3400 normannische Bauern also trotz all der Risiken Lein? Es ist lukrativ. Auf seinem – für die Region eher kleinen – 150-ha-Betrieb produziert Gosselin auf 20 ha Lein. «Es ist bei weitem der wichtigste Wirtschaftszweig». Nachdem er in 2001 zusammen mit seinen zwei Brüdern den Betrieb übernommen hatte, ersetzte er die Milchkühe mit Mutterkühen und begann mit der Leinproduktion. Die Mutterkühe hält Gosselin noch seiner Mutter zuliebe. «Ihr sind die Tiere wichtig», meint er.
Der Lein und Covid-19
Frankreichs wichtigster Abnehmer der Rohfasern ist China. Über 70 % der Ernte wird dort weiterverarbeitet. Ab März dieses Jahres standen die Textilfabriken in China still und damit auch die Herstellung der Rohfasern in der Normandie. Einige Verarbeitungsbetriebe wurden ganz eingestellt, andere reduzierten auf 50 %.
Zwar läuft die Verarbeitung seit Juli wieder voll, doch viele Landwirte konnten ihre Ernte von 2019 noch nicht abliefern und mussten zusätzlichen Lagerplatz für die diesjährige Ernte schaffen. Der Preis pro kg Lein, der seit 2008 von 1.08 € um auf das über dreifache auf 3.50 € gestiegen ist, ist innerhalb von wenigen Monaten auf 2.50 € gefallen. Wann sich der Leinhandel wieder erholen wird, ist unklar.
Gosselin scheint zufrieden mit der jetzigen Situation. Zwar würde er den Betrieb gerne vergrössern, um nur noch von der Landwirtschaft leben zu können. Doch die wertvollen Böden sind in der Normandie Mangelware. So arbeiten er und seine Brüder weiter Teilzeit ausserhalb des Betriebs. Doch «c’est comme ça», meint er noch einmal. Und er teilt damit den unerschütterlichen Gleichmut, der vielen normannischen Landwirt zu eigen scheint.
Doch jetzt muss Gosselin zurück an die Arbeit. Die diesjährige Ernte war sehr gut, und Gosselin hat nur noch wenige Stunden, um den Lein zu ballen und unter Dach und Fach zu bringen, bevor die Luft zu feucht wird. Und auch wir fahren weiter durch die schier endlosen, ebenen Felder und die kleinen, pittoresken Dörfchen der Normandie.
Flüssiges Gold
Die Leinernte ist fast überall abgeschlossen. Doch die Ernte der zweiten typischen Kultur der Normandie beginnt dieser Tage, die der Cidre-Äpfel. Auf dem Betrieb von Nicolas Deschamps in Berthouville, bekommen wir einen Einblick in seine Apfelanlagen. Auf rund 32 ha des 300 ha grossen Betriebs stehen Niederstammapfelbäume für die Produktion von Saft, saurem, süssem und rosé Cidre sowie Calvados. Die Ernte erfolgt vollautomatisch und wird von nur einem Arbeiter in zehn Wochen erledigt.
Lein in Zahlen
Auf 222’137 ha wird in Europa Lein produziert.
105’709 ha werden in Frankreich für die Leinproduktion genutzt, das ergibt 115'000 t Langfasern.
74'494 ha werden in der Normandie mit Lein bebaut, davon 0,3 bis 0,4 % Bio.
6 ha umfasst die Leinproduktion in der Schweiz.
7,5 t Stroh werden pro Hektar produziert, das entspricht 900 kg Leinenfaden oder 4000 Leinenhemden.
22 % des Strohs kann zu Langfasern verarbeitet werden, 15 % zu Kurzfasern.
0.3 % aller weltweit produzierten Textilien bestehen aus Lein.
Auf 8'500 ha werden in Frankreich Äpfel für die Cidre produziert, davon 39 % in der Normandie.
75 % der aller Leinfasern werden in Frankreich produziert.
35 % mehr Fläche wird seit 2008 in den Leinanbau investiert.
Die wichtigsten Schädlinge, Apfelwickler und Apfelschorf, bekämpft Deschamps chemisch. Seit vier Jahren beteiligt er sich aber an einem Bio-Versuch seiner Kooperative. Statt Insektiziden setzt er auf vier Hektaren Pheromone ein, statt Fungiziden Kupfer und Schwefel. Ein Markt für Bio-Cidre bestehe bis jetzt aber noch nicht, so Deschamps. Und sowieso scheint er – wie viele Landwirte in der Region – nicht besonders überzeugt von der Bioproduktion. Für den Versuch hat er aber trotzdem die Anlage ausgesucht, die direkt an das Wohnhaus angrenzt. «Schaden kann es sicher nicht und die Nachbarn freuen sich auch darüber», meint er.
Cidre-Äpfel: Markt gesättigt
Der Cidre-Apfel-Markt sei gesättigt, meint Deschamps und fügt hinzu: «Ich musste auch schon einen Teil meiner Ernte entsorgen». Überschuss wird unter anderem zu Apfelessig weiterverarbeitet, der in die USA verkauft wird. Dort würde er für Hygieneprodukte eingesetzt, erzählt er.
Hungrig von der Hofbesichtigung und inspiriert von Deschamps’ Apfelanlagen, bestellen wir uns gleich neben der Abtei von Bec-Hellouin süssen und sauren Cidre und Galettes – bretonische Crèpes aus Buchweizen – wir schlemmen wie Gott in Frankreich!
Zahlen zu den besuchten Betrieben
Betrieb Pascal Gosselin, Morsan
LN 150 ha (60 Weizen, 20 Raps, 20 Zuckerrüben, 20 Lein, 10 Mais, 20 Dauerweide)
Viehbestand Mutterkühe (40 GVE)
Betrieb Nicolas Deschamps, Berthouville
LN 300 ha (130 Weizen, 35 Raps, 40 Zuckerrüben, 35 Lein, 28 Hülsenfrüchte (Ackerbohne, Erbse, Kichererbse), 32 Äpfel)

