Wildschweinplage: Im Kanton Bern schon über 100 000 Franken ausbezahlt

Seit einem Jahr haben Ruedi und sein Sohn Christian Balmer aus Rosshäusern auf ihrem Betrieb vermehrt mit Wildschweinschäden zu tun. Viele Felder müssen sie in der Zwischenzeit einzäunen.

Die Wildschweinpopulation wächst nicht nur schweizweit, sondern auch im Kanton Bern rasant an. Für viele Landwirtinnen und Landwirte ist die Wildschweinplage mittlerweile zum grossen Problem geworden. So auch bei der Familie Ruedi und Renate Balmer in Rosshäusern BE: «Wir haben in den vergangenen Tagen sicher schon mehr als zehn Kilometer Draht montiert», sagt Sohn Christian Balmer.

«Dreilitschig» müsse dieser sein, mit festen Pfählen und starkem Strom. «Die Weiden, den Mais oder auch die Gerste – alles müssen wir einzäunen. Sonst haben wir Schäden, die ins Geld gehen», sagt Ruedi Balmer.

Viel Arbeit mit dem Ausmähen

Der unterste Draht müsse ca. 20 cm über dem Boden befestigt werden, der zweite 40 cm und der dritte 60 cm, erklärt der Landwirt. Ideal sei, wenn der Zaun einen Winkel von 45 Grad habe, damit die Sau nicht nur mit der Schnauze, sondern auch dem Kopf und der Stirn den Draht mit Strom berühren würde.

Doch das Ausmähen des untersten Drahtes sei bei diesem Winkel noch schwieriger, als es ohnehin schon ist: «Den untersten Draht gilt es, je nach Vegetation, alle zwei Wochen von Gras und Unkraut zu befreien, sonst verliert der Viehhüter, oder besser gesagt der Strom, seine Wirkung», stellt Balmer fest. Die richtige Technik habe er dabei noch nicht gefunden: «Ob es mit der Sense, einem Fadenmäher oder mit Traktor und Mäher am besten geht, müssen wir noch ausprobieren», sagt der Junior-Chef. Auf jeden Fall gebe das Ausmähen enorm viel zu tun.

Woher kommen die Wildtiere?

Erst seit dem letzten Jahr hat sich die Wildschweinproblematik auf ihren Feldern massiv verschärft. «Vorher hatten wir nur kleine Schäden zu beklagen», sagt der Betriebsleiter. Wo die Wildschweine plötzlich hergekommen seien, könne er nicht genau sagen: «Die vermehrten Wildübergänge und die strengen Jagdzeiten verschärfen das Problem», ist Christian Balmer überzeugt.

Auch das Berner Jagdinspektorat stellt einen drastischen Anstieg der Wildschweinschäden fest. Man sehe es nicht nur anhand der Zunahme der Wildschadengesuche (im Jahr 2025 waren es 218 Gesuche), sondern auch der Frankenbetrag bei den Entschädigungen habe sich vergrössert. Dieser belaufe sich mittlerweile auf ungefähr 163 000 Franken pro Jahr im Kanton. 

Auf diesem Feld haben die Wildschweine ganze Arbeit geleistet. Balmers mussten einige Wiesen neu ansäen.(Bild: Ruedi Balmer)

Wo Mist geführt wurde, gibt es grosse Schäden

Die Borstentiere verstecken sich tagsüber im Wald und im unzugänglichen Unterholz gut. In der Nacht gehen sie dann auf Futtersuche und beschädigen dabei die Felder und die Äcker. «Diesen Frühling haben sie einen Teil unserer Wiesen richtig umgepflügt», sagt Ruedi Balmer.

Die Wildschweine waren vor allem dort aktiv, wo der Landwirt im Februar/März die Wiesen mit Mist überführte. «Der Mist fördert natürlich nicht nur den Humus, sondern auch die Würmer und die Insekten, die der Wildsau als Nahrung dienen», so der Landwirt.

Auch im liegengelassenen Gras findet die Sau beste Voraussetzungen für eine Nahrungsquelle. «Wir haben beobachtet, dass die Wildschweinrotte einen Turnus hat und alle zwei bis drei Wochen auf das gleiche Feld zurückkehrt», sagt Christian Balmer. Sie gehen dabei aber offenbar nicht in alle Felder. «Beim Nachbarn haben sie bis jetzt nur im Mais und wenig im Grünland Schäden angerichtet», hat Balmer beobachtet.

Schäden verursachen grosse Kosten

Am Anfang hätten sie ihre Felder noch von Hand wiederhergerichtet, berichten Balmers. «Auf den Knien kroch ich viele Stunden umher und drehte jede ‹Grasmutte› einzeln wieder zu», erzählt Ruedi Balmer über seine Aktion. Doch die Schäden wurden mit der Zeit grösser und grösser. Eine Neuansaat wurde auf einigen Feldern unausweichlich.

«Bis jetzt haben wir Zaunmaterial im Wert von 4000 Franken installiert. 70 % davon werden vergütet», sagt der Betriebsleiter. Dafür musste er einen Plan und eine Kostenzusammenstellung beim Wildhüter abgeben. Dieser reichte beides dann zusammen an das Jagdinspektorat weiter. Die Schäden an den Kulturen werden so entschädigt wie bei einer Hagelversicherung. «Dafür müssen wir auch ein Gesuch einreichen», sagt Christian Balmer.

Die Arbeitskosten wie auch der Grassamen für die Neuaussaat werden hingegen nicht vergütet. «Wenn wir alles zusammenrechnen würden, kämen schnell 10 000 Franken zusammen», rechnen Vater und Sohn vor. Hinzu kämen bei der Futterente die vielen Löcher und der viele Schmutz, den man wegen der Schäden in Kauf nehmen müsse. «Wie oft ich deswegen vom Traktor steige, das kann man gar nicht mehr mitzählen», sagt der Junior.

Auch das Maisfeld ist vor den Wildschweinen nicht sicher. Ein dreilitschiger Draht mit Strom soll die Tiere abwehren.(Bild: Peter Fankhauser)

Gutes Einvernehmen mit dem Wildhüter

Als die ersten grossen Schäden auf ihrem Betrieb sichtbar wurden, haben sie sofort mit dem zuständigen Wildhüter Kontakt aufgenommen. «Das Einvernehmen mit ihm ist bis heute sehr gut», sagten Ruedi und Christian Balmer anerkennend. Sie werden vom Wildhüter auch unterstützt, wenn es um die Entschädigungen geht. Der Schaden müsse dabei immer mindestens 100 Franken betragen, darunter gebe es nichts.

Aber immer ein Gesuch zu stellen, sei nicht nur frustrierend, sondern auch zeitaufwändig. «Deshalb fordern wir eine stärkere Bejagung der Wildschweine», sagen Vater und Sohn. Doch beide wissen nur zu gut, dass die Schweine wegen ihrer Intelligenz schwer zu jagen sind. «Die Jäger haben uns erzählt, dass sie rund 50 Stunden brauchen, bis sie ein Wildschwein erlegen können», so der Landwirt. Das hänge damit zusammen, dass die Rotte nur nachts zum Fressen auf die Felder komme und tagsüber irgendwo gut versteckt im Dickicht liege. «Es ist sehr schwierig, die Leitbache zu schiessen», weiss der Landwirt. Laut den Wildhütern würde jede kleinste Veränderung die Bache misstrauisch machen. Sei die Lage nicht klar genug, schicke die Bache als Vorhut meistens junge Eber als «Aufklärer» hinaus, bevor dann die ganze Rotte das Feld stürme.

Ein Chat als Lösungsansatz?

«Bei der Jagd würden wir uns sicher mehr Flexibilität wünschen», sagt Ruedi Balmer. Er könne sich auch gut vorstellen, zusammen mit den Bauern und der Jägerschaft einen Chat zu gründen, wie es in ihrer Nachbarschaft schon gemacht werde: «Wenn jemand die Wildschweine sieht, könnte man schneller reagieren und den Wildhüter und die Jägerschaft informieren», sagen Ruedi und Christian Balmer bestimmt. Bis es aber so weit ist, müssen sie mit den Schäden auf ihrem Kulturland weiter klarkommen.