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Zahlen lügen (fast) nicht

Die jährliche Publikation der «Zentralen Auswertung von Buchhaltungsdaten» der Schweizer Landwirtschaft ist meistens positiv: In zwei von drei Jahren wird verkündet, das Ein- kommen der Landwirte sei gestiegen – auch wenn das nur für wenige zutrifft.

Viele Bauern reiben sich verwundert die Augen, wenn sie in der Zeitung lesen, dass ihr Einkommen wieder gestiegen sei. Denn ihr Konto ist so leer wie nie zuvor.

Auch im Jahr 2017 haben die Schweizer Bauern 5,6 Prozent mehr verdient – zumindest gemäss der Medienmitteilung aus dem Wirtschaftsdepartement des damaligen WBF-Vorstehers Johann Schneider-Ammann. Das tun sie in den meisten Jahren. Denn in der Zentralen Auswertung von Buchhaltungsdaten (siehe Kästchen) finden sich jedes Jahr Gründe für eine positive Berichterstattung.

Entweder fielen die Ernten im Ackerbau gut aus (wie 2017), die Schlachtvieh-Preise stiegen (2016) oder die Mengen und Preise der Milch-Produktion zeigten nach oben (2014).

Wobei steigenden Preise stets relativ zu verstehen sind: Wenn auf ein Jahr mit ausserordentlich schlechten Milchpreisen (2012) ein Jahr mit mässig schlechten Milchpreisen folgt (2013), reicht das schon für eine positive Botschaft.

Die Zentrale Auswertung von Buchhaltungsdaten ist eine kreative Aufgabe

Wenn die Erlöse in allen Betriebszweigen sinken (wie 2012), werden in der Zusammenfassung der Zentralen Auswertung von Buchhaltungsdaten andere Aspekte betont.

2012 erklärte Agroscope zum Beispiel, dass zwar das Einkommen im Jahr 2011 gesunken sei, der Arbeitsverdienst je Vollzeit-Familienarbeitskraft sei aber gestiegen. Von diesem Anstieg spürten die Bauern wenig. Er kam nämlich nur zustande, weil der Zins-Anspruch für das Eigenkapital sank, das in die Berechnung des Arbeitsverdienstes hineinspielt.

Die Devise «mehr Markt und weniger Staat» ergibt weniger Einkommen

Im Jahr zuvor wurde das gesunkene Einkommen relativiert: Die bäuerlichen Einkommen seien zwar gesunken – sie liegen aber immer noch über dem Mittel des Zehnjahres-Vergleiches.

Dass die Zahlen tendenziell etwas gar positiv interpretiert werden, ist menschlich gesehen verständlich. Die Buchhaltungs-Zahlen sind ja so etwas wie ein Gradmesser für den Erfolg – oder Misserfolg – der Agrarpolitik. Und welcher Politiker oder welches Amt gibt schon gerne zu, dass es nicht läuft wie vorgesehen?

Die Agar-Reformen der letzten Jahre standen unter dem Motto «Mehr Ökologie, mehr Markt und weniger Staat». Sie wurden der Öffentlichkeit häufig mit dem Argument verkauft, dass unternehmerische Landwirte mehr Einkommen generieren könnten, wenn sich der Staat zurückzieht.

Die Buchhaltungs-Ergebnisse beweisen das Gegenteil: Ausgerechnet in der Milch-Produktion, die am meisten dem Markt ausgesetzt ist, hat sich das Einkommen in den letzten Jahren deutlich verschlechtert. Die Milch-Bauern haben gegenüber anderen Betriebszweigen an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Und zwar deutlich.

2018 wurde die Milchvieh-Halter einkommensmässig sogar erstmals von den Mutterkuh-Haltern überholt: Schweizweit gesehen lag das Einkommen pro Familien-Arbeitskraft bei den Mutterkuh-Betrieben um 2500 Franken höher als bei den Milch-Produzenten.

Buchhalterisch gesehen ist in der Landwirtschaft ein Jahr noch kein Jahr. Im Grundlagen-Bericht werden deshalb jeweils drei Jahre zusammengefasst. Die Tendenz bleibt gleich: Der Abstand zwischen dem ausser-landwirtschaftlichen Vergleichs-Einkommen der «Normalbevölkerung» und dem landwirtschaftlichen Einkommen ist bei den Milch-Produzenten grösser als bei vielen anderen Betriebszweigen.

Und die Schere zwischen dem Einkommen der «Normalbevölkerung» und dem landwirtschaftlichen Einkommen geht eher auf statt zu. Wie sehr, ist allerdings nicht klar. Nachdem die Eidgenössische Finanzkontrolle vor sieben Jahren bemängelte, dass bei der Auswertung der Buchhaltungs-Daten eher überdurchschnittliche Betriebe bevorzugt werden, hat Agroscope die Daten-Erfassung und Daten-Auswertung vor drei Jahren geändert.

Ein Jahr nach Einführung der AP14–17 wurde auf eine repräsentativere Zufalls-Stichprobe umgestellt. Das Niveau der ermittelten Einkommen sank danach deutlich. Man kann die aktuellen Daten deshalb nur bedingt mit früheren Jahren vergleichen. Wenn man aber die Werte der Jahre 2012/2014 in die Betrachtung mit einbezieht, lassen sich die Trends trotzdem erkennen.

Obwohl Milchvieh-Betriebe heute mehr Vieh und Fläche haben, brauchen sie mehr Direktzahlungen

Fest steht: Milch-Bauern stehen heute finanziell schlechter da als früher. Dabei sind die Direktzahlungen in den meisten Regionen nicht nur absolut gestiegen, sondern auch relativ zum landwirtschaftlichen Ertrag.

Das liegt zum einen daran, dass Direktzahlungen mehrheitlich grössenabhängig sind und die Milchvieh-Betriebe heute mehr Vieh und mehr Fläche haben. Theoretisch sollte proportional zur Fläche und zum Viehbestand auch der Markterlös steigen. Das tat er bei der Milch aber kaum. Im Gegenteil: Der Stellenwert der Direktzahlungen auf der Ertrags-Seite ist wichtiger geworden.

Diesen Effekt kann man bei anderen Betriebszweigen ebenfalls beobachten. Nur bei den Mutterkuh-Betrieben ist er noch ausgeprägter als bei den Milch-Produzenten. Bei den Spezialkulturen hat sich der Anteil Direktzahlungen am Erlös in den letzten zehn Jahren dagegen verringert.

Die Bauern brauchen dort mehr staatliche Unterstützung, wo der Markt spielen solle

Obwohl das agrarpolitische Motto «Mehr Markt, weniger Staat» lautete, sind die Bauern offenbar genau in jenen Bereichen verstärkt auf staatliche Unterstützung angewiesen, in denen der Markt spielen sollte.

Nicht viel besser sieht es bei der Ökologie aus. Die AP14–17 wurde Parlament und Volk mit dem Argument verkauft, dass nach Abschaffung der Raufutterverzehrer-Beiträge die Tier-Dichte sinke und die Landwirtschaft dadurch umweltfreundlicher werde.

Das Gegenteil ist eingetreten: Pro Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche werden heute mehr Grossvieheinheiten gehalten als vor der AP14–17. Auch die Milchvieh-Betriebe haben in Sachen Tier-Dichte in den letzten zehn Jahren zugelegt. Allen Beiträgen für die Grasland-basierte Milch- und Fleischproduktion zum Trotz ist die Haupt-Futterfläche pro Rinder-Grossvieheinheit gesunken.

Offenbar wird weniger heimisches Gras verfüttert als früher. Vor dem Hintergrund steigender Arbeitsbelastung und sinkender Einkommen erstaunt das nicht: Zugekaufte Futtermittel machen weniger Arbeit und Biodiversitäts-Förderflächen bringen mehr Geld. Das Ergebnis ist eine höhere Abhängigkeit von Staat und Importen.

Das Einkommen würde vielleicht steigen, wenn der Markt-Erlös wächst. Doch höhere Milch-Preise sind in absehbarer Zeit nicht in Sicht. Und wenn, dann höchstens verknüpft mit höheren Anforderungen.

Die Nachfolge-Lösung für das Schoggigesetz dürfte den Druck auf den Milch-Preis noch verstärken. Weil die Butter-Exporteure unbedingt auch Geld für ein Kässeli zur Überschuss-Verwertung abzwacken wollten, stehen der Lebensmittel-Industrie für den Rohstoff-Ausgleich künftig 23 Mio Franken weniger zur Verfügung als bisher. Dass die Lebensmittel-Industrie das einfach als Mehraufwand verbucht, ist unwahrscheinlich. Zumal sie mit dem erleichterten Veredelungs-Verkehr neu ein starkes Druckmittel in der Hand hat.

Es ist nicht zu erwarten, dass die künftige Agrarpolitik den Bauern zu mehr Marktmacht und damit höherem Einkommen am Markt verhilft. Stattdessen werden die neuen Zulagen, die als Ersatz für das Schoggigesetz ausbezahlt und dann wieder einkassiert werden, den Betriebs-Ertrag künstlich in die Höhe treiben. Das ist wieder ein Grund mehr für eine positive Berichterstattung über die Buchhaltungs-Ergebnisse.