Peter Küchler, gibt es wirklich einen Graben zwischen Stadt und Land?
Peter Küchler: Nicht unbedingt. Mein Eindruck ist, dass Städter die Landwirtschaft zwar kritisieren, etwa beim Pestizideinsatz. Gleichzeitig sind sie dann verliebt in die Berglandwirtschaft und idealisieren diese.
Was machen die Landwirtschaftsschulen, um diese Bilder gerade zu rücken?
Alle Schulen engagieren sich stark in der Öffentlichkeitsarbeit. Das ist stets eine Gratwanderung zwischen Idealisierung und Realität, etwa bei der Nutztierhaltung.
Am Plantahof führen wir Tage der offenen Tür durch oder bieten Ferienpass-Angebote an. Aber nicht nur das Bild der Öffentlichkeit ist verklärt. Unsere Schülerinnen und Schülern müssen teilweise lernen, sich zu öffnen und kritischen Stimmen zu begegnen. In den kleineren Dörfern gibt es sicher weniger Konflikte um Raum und Boden als etwa im Rheinland, wo sich Landwirtschaft und Industrie eher in die Quere kommen.
Sie sind seit rund 30 Jahren an landwirtschaftlichen Schulen tätig. Haben sich die Schülerinnen und Schüler verändert?
Stark sogar. Sie sind offener geworden, grenzen sich weniger ab. Natürlich haben sie nach wie vor ein grosses Interesse an ihrem Beruf, aber sie sind näher an den Konsumenten. Und während früher die Tiere zwar wichtig waren, diskutieren wir heute in den Schulen selbstverständlich über Tierwohl und ethische Fragen.
Woran liegt das?
Zum einen sicher an den grossen Veränderungen in der Agrarpolitik. Zudem hat der gesellschaftliche Druck dazu geführt, dass die junge Generation ökologischer arbeitet und ganzheitlicher denkt.
Auch heute ist der Druck auf die Landwirtschaft wieder hoch.
Ja, und deshalb müssen wir in den Schulen die jungen Leute nicht nur mit Wissen versorgen. Sondern in ihnen eine Geisteshaltung wecken, dass sie sich diesen Herausforderungen stellen können.
Die Landwirtschafts-Branche hat sich dynamisiert, ist viel kreativer geworden. Die Konsumentinnen und Konusmenten entscheiden ja jeden Tag, welche Produkte sie kaufen wollen. Regionale Produkte kommen an, die Branche wird immer vielfältiger. Ich denke da etwa an die Produzenten von Beeren, Quinoa oder Hanf-Nüsschen.
Zu der veränderten Geisteshaltung gehören auch Zusammenarbeits-Modelle, die über den reinen Familienbetrieb hinausgehen.
Glauben Sie an die Zukunft der Landwirtschaft?
Natürlich. Ohne Landwirtschaft geht es nicht. Die Studie von Avenir Suisse kritisiert die Landwirtschaftspolitik und die Verbände heftig, setzt auf Wirtschaftlichkeit, will mehr Nahrungsmittel importieren. Doch über Wirtschaftlichkeit lässt sich diskutieren und alles lässt sich nicht importieren. Landwirtschaft erhält auch die Kulturlandschaft und hält Handwerk am Leben, etwa bei der Verarbeitung der Produkte.
Ist das nicht etwas nostalgisch?
Flächen lassen sich am einfachsten mit Nutztieren offen halten – und diese brauchen fachgerechte Pflege. Ich wünsche mir durchaus auch eine produzierende, nicht eine nostalgische Landwirtschaft.
Wie wirken sich die gesellschaftlichen Veränderungen auf die Ausbildung aus?
Alle fünf Jahre müssen die Lernin-halte geprüft werden. Diese Rahmenbedingungen gibt das Berufsbildungsgesetz des Bundes vor. In der landwirtschaftlichen Ausbildung arbeiten Praktiker und Ausbildner eng zusammen. Dieses Jahr haben an einem Workshop rund 70 Leute diskutiert, welche Inhalte wir überarbeiten, welche wir anpassen und was wegfällt.
Welche Inhalte kommen in der Ausbildung neu dazu?
Sicher der ganze Bereich Digitalisierung und Smart Farming, aber auch der schonende Umgang mit Ressourcen. Das wird mit dem Begriff Agrocleantech zusammengefasst. Interessant ist, dass altes Wissen durchaus gefragt ist. Am Plantahof bieten wir zum Beispiel Homöopathie als Wahlfach an. In diesem Kurs befassen sich die Lernenden auch mit Heilkräutern. Das Wahlfach ist sehr gefragt. Und ganz selbstverständlich unterrichten wir heute Biolandbau – in meiner Anfangszeit am Rheinhof haben wir versucht, den Lernenden die integrierte Produktion näher zu bringen.
Täuscht der Eindruck, dass die Landwirte im Kanton Graubünden privilegiert sind?
Der Druck auf die Flächen ist schon deutlich geringer als in anderen Kantonen. Zudem haben die Landwirte früh auf Trends wie Biolandbau gesetzt und sich etabliert. Ziel des Kantons ist es, den Strukturwandel in den nächsten Jahren abzuschliessen. Aktuell gibt es rund 2300 Betriebe. Die Regierung ist überzeugt, dass es mindestens 2000 Betriebe braucht.
Also finden alle Ihre Absolventen eine Stelle?
Wir bilden in der landwirtschaftlichen Grundbildung (Lehre) jedes Jahr rund 90 junge Menschen aus. Mindestens 20 stammen nicht aus dem Kanton Graubünden – allein für den Generationenwechsel gehen wir davon aus, dass es in Graubünden aber jährlich 70 neue Betriebsleiter braucht.
Das Interesse ist da, die Schülerzahlen stabil. Auch das Lehrstellenangebot und die Höfe sind vorhanden. Wer bei uns eine Ausbildung macht, will danach den elterlichen Hof übernehmen oder sich einen Hof suchen. Wenige wechseln später den Beruf. Aber wir haben auch viele, die Landwirtschaft als zweiten Beruf wählen.