Die Schweiz ist arm. Nicht an Geld, sondern an Kartoffelvielfalt. Grossverteiler bieten meist nur vier bis fünf Sorten zum Kauf an. Kartoffelzüchter Stefan Griesser aus Weiach ZH findet: «Je mehr Sorten angebaut werden, desto besser.» Dabei denkt er auch an künftig zu erwartenden Wetterextreme, neue Schädlinge und Krankheiten.
Damit künftig mehr Sorten angebaut werden, will Griesser dem Bundesamt für Landwirtschaft BLW 14 eigene Neuzüchtungen zur Bewilligung unterbreiten. Dazu braucht er einen langen Atem.
Griesser (44) ist auf dem Hof in Weiach aufgewachsen, auf dem er heute Kartoffeln anbaut. Gelernt hat er aber nicht Landwirt, sondern Elektroniker. Einige Jahre leitete er Informatikprojekte bei einer Grossbank, bevor er an der ETH Zürich mit dem Studium der Biologie und Umweltnaturwissenschaften begann. Seine Bachelor-Arbeit befasste sich mit der Kreuzung und Artgrenzen-Bestimmung bei Wildtomaten.
Aktuell schreibt er an einer Masterarbeit über Bodenfruchtbarkeit und Klimagase. Pflanzenzüchtung zieht sich wie ein roter Faden durch Griessers Leben. «Ich bin vermutlich genetisch vorbelastet», sagt er lachend, «als Zwölfjähriger habe ich bereits erste Kreuzungen mit kurz- und langstieligen Primeln gemacht.» Später versuchte er sich am Obst. «Aber da dauert es bis zu 25 Jahre, bis man ein Resultat sieht.»
Griessers Leidenschaft fing mit der Maori-Kartoffel an
Mit Kartoffeln kommt Griesser etwas schneller zum Ziel. Vor zwanzig Jahren brachte er von einem Aufenthalt in Neuseeland eine dunkelblaue Kartoffel mit. «Man nannte sie dort einfach Maori-Kartoffel, einen Sortennamen gab es nicht.» Sie ähnelt in vielem der Sorte ‹Vitelotte Noir›. «Aber die Maori-Kartoffel ist wesentlich ertragreicher. Ich nannte sie deshalb Blaue Neuseeländer.»
Griesser hat 250 Sorten als Basismaterial, 250 Sorten in der Selektion. Zusätzlich zieht er jedes Jahr zwischen 1000 und 3000 einzelne Pflanzen aus Samen. Diese wachsen in Töpfen in einem 12×5 Meter grossen Treibhaus. «Deshalb sind es maximal 3000 Pflanzen: irgendwann ist das Treibhaus voll», so Griesser. Die Kartoffeln, welche auf dem Feld wachsen, nehmen 20 bis 25 Aren Fläche ein. Griessers Fundus an Pflanzen ist riesig und wird laufend ausgebaut.
Entsprechend umfangreich ist sein Datenmaterial. Um die vielen Eigenschaften, Kreuzungen und Vererbungswahrscheinlichkeiten statistisch auszuwerten, hat Griesser für sein Unternehmen «Varietas» einen seiner Brüder engagiert. Thomas Griesser hat an der ETH doktoriert und ist jetzt Statistiker von Beruf. Zusätzlich unterstützt Christoph Schiessl, ein doktorierter Mathematiker bei der Zahlenakrobatik, um dem Züchtungsziel näher zu kommen.
Griessers Ziel sind optisch attraktive, geschmacklich gute, gesundheitlich hochwertige und virentolerante Sorten. Der letzte Punkt wird laut Griesser von den grossen Züchtern weniger beachtet. Dabei sind überall, wo Kartoffeln angebaut werden, Viren nicht fern. «Im Talgebiet ist es praktisch
unvermeidbar, dass Kartoffeln Viren bekommen.» Diese Viren werden von Läusen übertragen. «Die alten Sorten wurden fast nur im Berggebiet an-
gebaut, dort hat es keine Läuse und dementsprechend keine Virenprobleme.»
Statt viel Zeit und Energie aufzubringen, um das Pflanzgut virenfrei zu halten, setzt Griesser auf die Zucht virentoleranter Sorten. Dabei hat er festgestellt, dass Sorten, die gegen Viren tolerant sind, oft auch toleranter sind gegenüber Hitze und Wasserstress.
Zur Viren-Befreiung hat Griesser ein ambivalentes Verhältnis: «Das verändert teilweise das altbekannte Sortenbild. Ausserdem sind gar nicht alle Viren problematisch, manche schützen die Kartoffel sogar vor noch gefährlicheren Viren.» Seine Kartoffeln sollen in der Lage sein, ohne grosse Ertragsausfälle mit Viren zu leben. Dass Virustoleranz bei den grossen Zuchtfirmen kein primäres Zuchtziel ist, findet er naheliegend: «So kann man immer wieder neues Pflanzmaterial verkaufen.» Ansonsten liesse sich das Pflanzgut laufend von den eigenen Pflanzen gewinnen.
Griesser will das Sortiment um 14 neue Sorten bereichern
Mit der in-vitro-Vermehrung zur Gewinnung von virenfreiem Material hat Griesser kein Problem. Das ist eine sehr effiziente Methode, um genetisch einheitliche Pflanzen zu vermehren.
Stefan Griesser hat für diesen Zweck 14 Neuzüchtungen nach Changins zu Agroscope gebracht. Danach sollen die Plantlets oder Mikroknollen von der St. Galler Saatzuchtgenossenschaft vermehrt werden.
Auf der Schweizer Kartoffelsortenliste stehen 40 Sorten, 15 davon werden ausschliesslich für die Verarbeitungsindustrie angebaut. Griessers Neuzüchtungen sind somit ein grosser Schritt in Richtung mehr Vielfalt. Es ist allerdings kein billiger Schritt. Griesser hält den Daumen peilend in die Höhe. Die Zucht einer einzigen neuen Sorte hat ihn rund 15 00 Franken gekostet – bei der grossen Anzahl an Sorten kommt da einiges zusammen.
Mit der Züchtung ist es aber noch nicht getan. Für den Vertrieb einer Kartoffelsorte braucht es zudem einen Eintrag in den nationalen Sortenkatalog.
Um den Sprung in diesen Sortenkatalog zu schaffen, müssen zahlreiche Bedingungen erfüllt sein. Eine Sorte muss bis vier Jahre lang unter Aufsicht angebaut und auf Unterscheidbarkeit, Homogenität und Stabilität sowie Anbau- und Verwendungseignung getestet werden.
Das Zulassungsprozedere dauert bis zu sieben Jahre und ist mit 20 00 Franken ebenfalls nicht gerade billig.
Griesser schätzt den Kapitalbedarf für einen Eintrag in den Sortenkatalog summa-summarum auf 150 00 Franken. Ohne Zulassung darf Saat- und Pflanzgut einer Sorte nicht in den Verkehr gebracht werden. Es sei denn, es handelt sich um eine Nischensorte.
Landwirte dürfen Nischensorten in kleinem Massstab anbauen
Als Nischensorte gilt eine Landsorte, eine alte oder eine sonstige Sorte, die die Anforderungen für die Aufnahme in den Sortenkatalog nicht erfüllt. Bei Kartoffeln sind das zum Beispiel alte Sorten wie «Parli», «Blaue Schweden» oder «Weisse Lötschentaler».
Die Bewilligung als Nischensorte ermöglicht es, diese Sorten wenigstens in kleinem Massstab kommerziell anzubauen. Sie gilt allerdings nur in der Schweiz. Das Bundesamt für Landwirtschaft BLW kann eine Höchstmenge festlegen. Bei Kartoffelsorten sind es meistens 25 Tonnen Pflanzgut jährlich.
Nicht nur alte Sorten können als Nischensorte aufgenommen werden. Die Sorte «Blue Eyes» war die erste Kartoffel-Neuzüchtung, die in der Schweiz als Nischensorte bewilligt wurde. Sie stammt aus Griessers Züchtung.
Dass es diese Sorte auf die Nischensortenliste geschafft hat, war keineswegs eine Selbstverständlichkeit. «Blue Eyes» gehört nämlich zur Kartoffel-
art Solanum phureja. Diese Art ist in der Schweizer Sortenverordnung gar nicht vorgesehen, bei den üblicherweise angebauten Kartoffeln handelt es sich um Solanum tuberosum. Das für die Sortenzulassung zuständige BLW war deshalb erst einmal unschlüssig, ob die von Griesser gezüchtete Kartoffel hierzulande überhaupt als Kartoffel durchgeht. Am Ende fällte das BLW einen pragmatischen Entscheid: Was zur selben Gattung gehört, wie eine Kartoffel aussieht, schmeckt, angebaut und verarbeitet werden kann, soll auch zulassungstechnisch wie eine Kartoffel behandelt werden.
Dies wird auch in der EU so gehandhabt. Dort erhielt unter anderem die Sorte ‹Mayan Gold›, die ebenfalls eine Solanum phureja ist, eine Zulassung. Noch ist «Blue Eyes» nicht im Handel. Die Kartoffelsorte wird derzeit von Agroscope in-vitro vermehrt, damit anschliessend von der St. Galler Saatgutgenossenschaft Basissaatgut erzeugt werden kann. Darauf wartet Stefan Griesser seit 2016 – seine eigene Sorte bringt also im Moment noch keinen Ertrag.
Bis die Züchtungen rentieren, dauert es noch lange
Griesser ist ein Idealist. Bis jetzt wirft seine Züchterei wenig Gewinn ab. «Als ich bei der Bank gearbeitet habe, habe ich noch richtig gut verdient.» Griesser lacht und verzieht dann das Gesicht. So weit ist er mit seinem kleinen Unternehmen noch lange nicht. «Für die In-vitro-Vermehrung, die Produktion von Basissaatgut usw. muss man mit 25 00 Franken rechnen. Da kann man ausrechnen, wieviel man verdient, wenn man maximal 25 Tonnen Basissaatgut in den Verkehr bringen darf.»
Für ihn ist klar: «Wenn man für die Allgemeinheit züchtet, geht man pleite.» Doch er züchtet ja nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern bietet auch Hofsorten an, verkauft Kartoffeln und bietet über Pro Specie Rara Kurse an. «Zur Finanzierung meines Studiums hat es immerhin gereicht.»
Nach Abschluss der Masterarbeit sollte es endlich rentieren. Mit 14 Neuzüchtungen am Start stehen die Chancen dazu gar nicht mal so schlecht.