Auch wenn der Blick aus dem Fenster meines Büros verschneite Berge zeigt, ist die Ackerbausaison doch schon längst im Gange. In die Gänge kommen ist das Stichwort – genau das dauert bei mir zu Beginn des Jahres ein Weilchen.
Der Arbeitsalltag unterscheidet sich ab Ende Februar und dem Erwachen der Vegetation recht deutlich von jenem im Winter. Der Hauptunterschied: Es sind wieder viele Entscheidungen zu treffen, was wann wie zu tun ist. Im Gegensatz zur Winterarbeit gibt es für den Ackerbau optimale Zeitfenster, die ich nicht ungenutzt verstreichen lassen will.
Pflügen oder zuwarten, bis direkt danach die Kartoffeln gepflanzt und die Maisfelder gesät werden können? Im idealen Stadium das Getreide verkürzen oder warten, bis das Wetter wüchsiger ist? Die Düngergabe schon etwas zu früh verabreichen, weil die Bedingungen perfekt sind, oder auf gutes Wetter in zwei Wochen hoffen?
Zu Jahresbeginn braucht es viele kleine Entscheidungen
Es ist die Summe der vielen kleinen Entscheidungen, die für mich zu Beginn des Jahres etwas anstrengend ist. Zumal noch andere Dinge zu berücksichtigen sind: Wie viel Personal ist gerade verfügbar? Werden gerade neue Kälber eingestallt? Traue ich dem Langzeit-Wetterbericht?
Erschwerend kommt hinzu, dass es selten ein Richtig oder Falsch gibt. Die Medaille hat immer zwei Seiten (mindestens), und jeder Entscheid für etwas ist auch ein Entscheid gegen etwas anderes.
Auch die Erfahrungswerte helfen nur bedingt: Was in einem Jahr richtig war, muss im nächsten nicht unbedingt zutreffen.
Mehr Arbeit bedeutet weniger Zeit zum Rumhirnen
Was die Erfahrung aber zum Glück recht eindeutig zeigt: Je älter das Jahr wird, desto einfacher wird das mit den Entscheidungen. Zu Beginn habe ich noch relativ viel Zeit, um an den noch nicht so zahlreichen Arbeiten herumzustudieren. Spätestens im April ändert sich das: Die Arbeiten nehmen überhand, die Zeit zum Rumhirnen schwindet, und man macht einfach. Das ist dann der Moment, wo das System Ackerbau bei mir langsam geschmeidig zu laufen beginnt. Denn wenn es eine Faustregel gibt, die sich für mich in den letzten Jahren als richtig erwiesen hat, dann diese: Besser getan und bereut als nicht getan und bereut (sofern die Bedingungen optimal waren). Eine Tat zu bereuen, ist für mich einfacher als das Nichtstun.
So, das Warm-up mit Andüngen, Güllen und ersten Pflanzenschutzmassnahmen ist vorbei. Jetzt wird wieder Boden bewegt, bearbeitet und bepflanzt. Das ist schön und macht Spass, besonders in so einem Frühling, der uns bisher jeweils mehrere Optionen gelassen hat, und keine davon war schlecht. So darf es gerne weitergehen.
Hagenbuchs Randnotizen
Sebastian Hagenbuch ist Landwirt und Agronom. Er führt einen Betrieb mit zwei Standorten in Rottenschwil und Unterlunkhofen im Kanton Aargau. Hagenbuch erzählt in seiner Kolumne von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem, wechselt ab zwischen Innen- und Aussensicht, immer mit kritischem Blick und einem Augenzwinkern.

