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Hagenbuchs Randnotizen: Über nicht ausgeschöpftes Potenzial

In seiner Kolumne «Hagenbuchs Randnotizen» erzählt Sebastian Hagenbuch monatlich von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem aus seinem Leben als Landwirt. Dieses Mal denkt er darüber nach, wo es auf seinem Betrieb noch Potenzial gibt.

Ich gebe zu, dass mich nicht ausgeschöpftes Potenzial manchmal etwas nervös macht. Und an Potenzial mangelt es auf einem Bauernhof – zum Glück – nur in den seltensten Fällen: Pferdeställe, die leer oder nicht ganz vollständig belegt sind. Ein alter Schweinestall, der auf eine ideale Nutzung wartet. Wohnungen oder Gästezimmer, die auf passende Mieter warten. Generell Räumlichkeiten, die besser genutzt werden könnten. Rentable Kulturen, deren Fläche noch auszudehnen wäre (besonders in einem so verhältnismässig dankbaren Frühling wie heuer). Auf dem Dach wäre Potenzial für zusätzlichen Solarstrom vorhanden, den ich selbst produzieren oder sogar das Dach vermieten könnte. Man könnte, man könnte, man könnte …

Und wieso macht mich das manchmal nervös? Das liegt einerseits im Bestreben, den Betrieb laufend zu optimieren und somit Potenziale auszuschöpfen (oder neue zu generieren). Und ja, andererseits geht es natürlich auch um Geld: Nicht ausgeschöpftes Potenzial entspricht auch entgangenen Einnahmen, und diese Einnahmen sind sehr willkommen, besonders direkt nach der Hofübernahme mit entsprechender Verschuldung.

Auch Einnahmen haben ihren Preis

Zuletzt bin ich diesbezüglich dennoch etwas ruhiger geworden. Das hat zum einen damit zu tun, dass das erste Jahr gut und finanziell stabil verlaufen ist. Zum anderen aber auch, weil ich gelernt habe, dass es manchmal besser ist, zuerst auf die passende Gelegenheit zu warten, als auf die Schnelle einen folgenreichen Fehlentscheid zu treffen. Bei Geschäftsbeziehungen, insbesondere mit Mietern oder Pensionärinnen, ist es ja so, dass man ein Verhältnis eingeht, das nicht so einfach Knall auf Fall aufgelöst werden kann (oder sollte). Ist also die falsche Person am falschen Ort, kommen zwar monatliche Einnahmen, diese trösten aber nur ungenügend über den damit einhergehenden Ärger hinweg. Jede Einnahme hat schliesslich ihren Preis, und manchmal kann dieser sogar so hoch ausfallen, dass da am Ende lieber ein nicht ausgeschöpftes Potenzial liegt.

Gutes ergibt sich, wenn man an einer Sache seriös dran bleiben kann

Zudem kann ich nicht an allen Fronten zur gleichen Zeit gleich viel Energie investieren. Jetzt, wo der Frühling vom Sommer abgelöst wird, stehen wieder etwas mehr Ressourcen zur Verfügung für alles, was nicht direkt das Tagesgeschäft betrifft. Und ich bin zuversichtlich, dass ich in dieser Zeit noch das eine oder andere Potenzial ausschöpfen kann.

Auf die Gefahr hin, dass das etwas esoterisch klingt: Bis jetzt hat sich sehr oft etwas Gutes ergeben, sobald ich genug Zeit hatte, an einer Sache seriös dranzubleiben und sie entsprechend zu priorisieren. Sollte das auf die Schnelle nicht gelingen, kann ich mich damit trösten, dass an den meisten anderen Orten im Betrieb die richtigen Menschen und Tiere stehen und die unausgeschöpften Potenziale keinen Ärger verursachen.