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Der Misthaufen ein aussterbendes Status-Symbol

Früher galt: Ein Bauer mit einem grossen Misthaufen hat einen grossen Hof und geniesst damit grosses Ansehen. Und heute? Hat Gülle das herkömmliche Düngemittel weitgehend aus der Landwirtschaft verdrängt. Das hat Konsequenzen. Ein Blick auf Bayerns Misthaufen.

Misthaufen ist kein schöner Begriff, deswegen passt er eigentlich so gar nicht zu dem, was Lorenz Niedermeier im oberbayerischen Dorf Sensau hinter seinem Hof hat: ein Misthaufen wie eine Bergkette. Majestätisch liegt er da. Sechzehn Meter lang, fünf Meter breit, zwei Meter hoch. Wie ein Relikt aus einer längst vergessenen Zeit.

Zwei Hühner kommen gerade aus ihrem Stall und trippeln in Richtung Misthaufen. Doch wo der Berg aus Streu und Kuh-Mist anfängt, da bleiben sie abrupt stehen: Respektabstand vor dem vielleicht schönsten Misthaufen im Landkreis Ebersberg rund 50 Kilometer östlich von München.

Gar nicht so einfach, sowas noch zu finden. Zumal in keinem Amt der Welt vermerkt ist, welcher Bauer noch einen Misthaufen hat. Wer einen finden will, muss selbst losziehen und die kleinen Dörfer abfahren. Hinter Ebersberg beginnt die Reise durch Wände von Mais, die unterbrochen werden von monochromen Teppichen aus Getreide, gebürstet wie Landschaften aus Lego – und gedüngt mit Gülle.

Den Bauern, vor allem den Viehhaltern, geht es nicht sonderlich gut, erst recht nicht nach dem trockenen Jahr 2018. Sie haben teils gigantische Ställe, Grossvieh-Einheiten, riesige Maschinen, gewaltigen Subventionsbedarf. Heraus kommt zu viel Milch, zu viel Gülle.

Für trockenen Mist müsste man Kuhfladen von der Jauche trennen, dafür sind die modernen Ställe nicht mehr ausgelegt. So fliesst alles in das Gülleloch – kommt schnell auf die Felder, belastet allerdings auch das Grundwasser.

Und was ist mit Misthaufen? Nach alten Massstäben schneiden die meisten Bauern im Landkreis bei dem Thema heute erbärmlich ab. Wer früher über einen grossen Misthaufen verfügte, der hatte ein hohes Ansehen im Dorf. Über Jahrhunderte hinweg hatte sich der Misthaufen zum Statussymbol entwickelt. Wo junge Landmänner heute mit Sportwagen die Dorfschönheiten beeindrucken, zeigten sie ihren Kandidatinnen früher den Bauernhof. Der Misthaufen war die Visitenkarte. Wer wenig Mist vor dem Haus hatte, konnte auch nicht viele Tiere im Stall haben.

Am Misthaufen erkenne man den Bauern, «die innere Kraft seiner ganzen Wirtschaft zeigt sich in ihm», schrieb der Münchner Agrar-Wissenschaftler Carl Fraas 1865 in einem «Beitrag zur Lehre vom Völkeruntergang durch Bodenerschöpfung». Aber heute haben die meisten Landwirte überhaupt keinen Misthaufen mehr.

So gesehen ist der Misthaufen von Lorenz Niedermeier etwas sehr Besonderes. Unweit der Kreisstadt Ebersberg, in der kleinen Ortschaft Sensau. Hier, «Beim Kille», so heisst Niedermeiers Hof, steht einer der letzten Misthaufen seiner Art. Der klein gewachsene Mann öffnet die Tür, er war gerade im Stall, fürs Foto zieht er sich eine saubere Hose an. «Ich hab noch nie mit Gülle gearbeitet und werde es auch nicht tun», sagt Niedermeier. «Ich mag meine Viecher eingestreut.» Der 71-Jährige führt in seine Stube.

Er lebt hier alleine und ist immer noch der Chef auf dem Hof. An einem Holztisch erzählt er von dem Mist, der ihn gerade beschäftigt. Und der liegt nicht vor der Tür, und nicht auf den Feldern. «Seit 2012 kämpfe ich für meine Rente», sagt er. 40 Jahre lang habe er eingezahlt «Bisher habe ich keinen Cent an Rente bekommen», sagt er. Weil Niedermeier, ohne Frau, ohne Kinder, den Hof nicht übergeben hat, sondern alle Kühe behielt. «Ich hätte meine Viecher verkaufen müssen», sagt er. Aber das stand für ihn nicht zur Debatte, ebenso wenig wie Gülle auf seinen Feldern.

So konsequent wie er ist kaum mehr jemand auf Bayerns Bauernhöfen, das sieht man im Landkreis Ebersberg recht gut.

Von Niedermaier muss man nur über die Strasse gehen, dann landet man bei Roman Mair. Auch er hat einen grösseren Misthaufen, nicht ganz so lang, eher quadratisch. Mair stützt sich auf eine Krücke, der 84-Jährige hat den Hof vor vielen Jahren an seinen Sohn übergeben. «Früher ging der Misthaufen bis hierher», sagt er, und deutet mit der Krücke ein Areal ab, wo jetzt ein grosser Betondeckel eingelassen ist. Da drunter ist jetzt das Gülleloch. Freilich, sagt er, «für die Wiesn wärs besser, nur mit Mist zu düngen», aber das macht halt so viel Arbeit.

Die Landwirtschaft hat sich verändert, vieles ist grösser und effektiver geworden, und dadurch die Misthaufen immer kleiner. In der Ortschaft Traxl gibt es noch zwei Misthaufen, einer davon gehört zu einem Milchkuhbetrieb – allerdings ist der Mist dort nicht mehr relevant.

«Bis 1989 haben wir ausschliesslich eingestreut», sagt der Bauer. Sprich: Kühe und Kälber standen im Stall auf Stroh. Mittlerweile haben sie nackten Beton unter den Hufen, die Ausscheidungen fliessen direkt in das Gülleloch. «Wir mussten das Stroh lagern und pressen», sagt er, «dann im Stall verteilen und vorher das alte Stroh ausmisten.» Jetzt liegen nur noch die Kälber auf Stroh und müssen ausgemistet werden. Der Rest läuft, wie in vielen Betrieben, automatisch.

Ein schwieriges Thema in der Landwirtschaft. Bauern müssen sich viel anhören, weil nicht jede ihre Sitten ökologisch wertvoll ist. Sie haben aber auch zu kämpfen, mit der zunehmenden Trockenheit der Klima-Erwärmung, niedrigen Milchpreisen. Oder mit bürokratischen Hürden.

So wie Lorenz Niedermeier. Er steht vor seinem Misthaufen, der jetzt golden in der Sonne glänzt. Der Bauer lächelt, fast als wäre er stolz. Oder wegen der Meldung, die er in der Zeitung gelesen hat: In Karlsruhe haben Richter ein Urteil gefällt, wonach künftig auch Menschen wie er Rente bekommen. Zwar nicht rückwirkend, «aber immerhin», sagt er.

So, dass er seinen Hof behalten darf. So, dass die Kühe im Stall bleiben können, und der Misthaufen leuchtet.