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Bekleidungs-Serie: Bodenständiger Begleiter

Füsse tragen uns durchs Leben. Auf 10 bis 20 Quadratzentimetern balancieren sie das gesamte Körpergewicht. Damit sie dauerhaft funktionieren, brauchen sie Unterstützung. Gute Arbeitsschuhe stützen und schützen den Fuss.text Barbara Meixner / bild Alex Buschor

Mit 26 Knochen, 33 Gelenken, 20 Muskeln, 114 Bändern ist der menschliche Fuss ein komplexes und sensibles Konstrukt, das jeden Tag hohen Belastungen ausgesetzt ist.

Betrachtet man den gesamten Bewegungsapparat, schlägt in diesem Abschnitt alles auf: Körpergewicht, Druckgewicht und Federung. Etwa 450 Kilogramm lasten während dem Gehen auf dem Fuss eines Erwachsenen.

Für den Berner Orthopädisten Chris Kohler sind die Füsse das Fundament des Skeletts, das den Körper ausgleichen kann – und muss.

«Es verhält sich ähnlich wie bei einem Haus: Wenn das Fundament nicht sauber gemacht wurde, dann leidet der Rest darunter und es treten immer wieder Schäden auf.» Bei durchschnittlich 10 000 Schritten pro Tag weiss der Experte um die Belastungen seiner 10-Zehen-Klientel.

Dabei ist Bewegung nicht unbedingt die grösste Belastung für unser menschliches Fundament: «Nicht nur beim Gehen oder während dem Sport lastet viel Druck auf dem Fuss. Oft wird unterschätzt, wie gravierend dauerhaftes Stehen oder das Tragen von viel Gewicht sein kann.»

Langwierige Reparaturen an Maschinen oder das Schleppen von Futtersäcken – typische Arbeiten im Alltag eines Landwirts. Durch den Druck während dem langem Stehen wird an der Sohle der Abstand zwischen dem Fersenbein und den Köpfchen der Mittelfussknochen durch dauerhafte Muskelanspannung verringert.

Sprich: Beim Laufen werden die Muskeln in stetem Wechsel an- und wieder entspannt; beim Stehen sind sie durchgehend gespannt und belastet.

Was das zur Folge haben kann, das weiss Kohler aus langjähriger Erfahrung. Die Muskulatur verändert sich im sich im Laufe der Lebenszeit. Sie kann die dauerhafte Belastung nicht mehr entsprechend ausgleichen: der Fuss entgleitet.

Wirkt man nicht mit passendem Schuhwerk oder individuellen Einlagen dagegen, führt das oft zu Deformitäten wie Knick- oder Spreizfüssen und einem gekippten Becken. Das hat wiederum Auswirkungen auf die gesamte Körperhaltung.

«Immer wieder kommen Menschen mit Rückenbeschwerden in meine Praxis. Die Ursache der Schmerzen liegt oft ganz unten, in den Füssen. Ständiges Barfusslaufen wäre eine gute Möglichkeit, die Muskulatur im Längs- und Quergewölbe zu festigen und so das gesamte Fundament zu stärken», so Kohler.

Dass das im Alltag eines Landwirts kaum möglich ist, weiss auch der Orthopädist. Daher rät der Experte dazu, sich vor dem Arbeitsschuhkauf ausgiebig mit den persönlichen Bedürfnissen und der eigenen Fussform auseinanderzusetzen.

Ein Schuh ist ein Meisterwerk, das aus vielen Teilen besteht – je nach Hersteller ändert die Grösse

Was richtig ist, das kommt also stark auf den Einsatzbereich und die individuelle Fussform an. Passform-Grundlage ist dabei immer der Leisten, ein Formstück aus Holz oder Plastik.

Während bei massgefertigten Schuhen der Leisten auf die persönliche Fussform angepasst wird, greifen die Hersteller bei industriell gefertigten Schuhen auf Durchschnittswerte (Form, Grösse, Breite, usw.) zurück.

Je nach Hersteller können die Ergebnisse also recht unterschiedlich ausfallen. Daher empfiehlt sich immer eine Anprobe, um zu prüfen, inwieweit der während der Produktion eingesetzte Leisten zum eigenen Fuss passt.

Die Basis für fast jeden Schuh ist die Innensohle, die sogenannte Brandsohle. Um die Brandsohle sammelt sich der Rest: Oben wird der Schaft befestigt und unten die Laufsohle mit unterschiedlichen Gummi-Mischungen und Profilen. Die Brandsohle ist im täglichen Gebrauch durch Reibung, Druck und Feuchtigkeit stark belastet. Deshalb ist sie bei hochwertigen Modellen meist aus festem Leder, das Feuchtigkeit aufsaugen und weiterleiten kann.

Fassungen aus der mittleren Preiskategorie sind dagegen oft mit einem imprägnierten und versteiften Karton ausgestattet, der – je nach Ausführung – bei längerem Einsatz seine stabilisierende Form verlieren kann oder Feuchtigkeit nicht gut absorbiert.

Die Art und Weise, wie diese Teile zusammengefügt werden, ist entscheidend, wie passformstabil und haltbar der Schuh ist.

In der industriellen Fertigung ist heute weitgehend das sogenannte Verkleben üblich. Dabei werden Brandsohlen-Unterfläche und der anzuklebende Schaftrand zunächst miteinander verbunden. Anschliessend wird die Laufsohle mit hitzeaktivierbarem Klebstoff eingestrichen und unter die Innensohle geklebt.

Das Profil erhält die Laufsohle durch die Form, in der sie erkaltet. Durch die geklebte Machart entstehen leichte Schuhe, die aufgrund niedriger Produktionskosten meist auch kostengünstiger sind.

Das Material beeinflusst den Tragekomfort – Leder ist für Arbeiten im Stall ungeeignet

Bei genähten Schuhen werden Schaft und Boden dagegen an die Brandsohle genäht. Der Vorteil liegt in der jeweils separaten Verbindung von Laufsohle und Schaft: Das garantiert Passformstabilität über lange Zeit und erleichtert eine Reparatur der Einzelteile.

Zudem lassen sich viele Schuhe in der genähten Machart wieder besohlen – so lässt sich eine abgelaufene Aussensohle einzeln austauschen und der eingelaufene Rest erhalten.

Robuste und stützende Arbeitsschuhe minimieren das Verletzungsrisiko und fördern gleichzeitig die Fussgesundheit. Unterschieden wird zwischen Sicherheits- und Arbeitsschuh.

Wo genau liegt der Unterschied? Während ein normgerechter Arbeitsschuh ohne Zehenschutz auskommt, muss der Sicherheits- oder Schutzschuh mit einen Zehenschutz aufweisen sein. Je nach Normbereich gibt es zusätzliche Eigenschaften, die der Schuh erfüllen muss, um für eine bestimmte Sicherheitsklasse zugelassen zu sein (siehe Tabelle).

Bei der Entscheidung spielt neben dem Einsatzbereich auch das verarbeitete Aussen- und Futtermaterial eine Rolle. Neben Robustheit und Langlebigkeit sind es vor allem die klimatisierenden Eigenschaften, die Leder als Obermaterial für Arbeitsschuhe so essenziell machen.

Leder kann Schweiss und Wasserdampf bis zu einem bestimmten Grad aufnehmen und wieder abgeben. Das Resultat: ein angenehmes Fussklima, kaum Schweissfüsse und stabilisierender Komfort selbst nach stundenlanger Arbeit.

Jedoch hat Leder auch Nachteile: Obwohl ein Grossteil des zu Schuhen verarbeiteten Leders bereits in der Gerberei wasserabweisend gemacht wird, gerät es nach längerer Einwirkung von Wasser oder Feuchtigkeit an seine Grenzen. Für extrem nasse Einsätze empfiehlt sich daher ein Modell, in dem eine wasserdichte und atmungsaktive Membran, wie zum Beispiel Gore Tex, verbaut wurde. So kann der Schweiss in Wasserdampfform nach aussen entweichen und der Fuss bleibt im Inneren weitgehend trocken.

Vorsicht ist jedoch in Wiesen geboten: Der morgendliche Rundgang durch das nasse Gras kann feuchte Folgen haben. Obwohl der Schuh von unten wasserdicht und -abweisend wäre, gelangt die Feuchtigkeit von oben durch das «Einfallstor» Schaftfutter herein und lässt den Eindruck entstehen, der Schuh sei nicht mehr dicht.

Die Lösung: Ein besonders hoher Arbeitsschuh, der über das Gras hinausreicht. Oder besser: ein Gummistiefel.Denn auch für Melkstand oder Stallreinigung sind weder reines Leder noch die Mischung aus Leder und atmungsaktiver Membran, die beste Wahl.

Denn die basische Wirkung von Ammoniak aus tierischem Urin greift das Material von herkömmlichen Schuhen an, macht Leder spröde und zersetzt langfristig auch textile Nähte. Aufgrund der Beständigkeit gegen Gülle, Urin und Dünger sind daher in der Landwirtschaft meist Gummistiefel aus Polyurethan (Kunststoff/ Kunstharz) oder PVC (thermoplastisches Polymer) im Einsatz. Neben absoluter Wasserdichtigkeit und elastisch, robuster Oberfläche liegt der grosse Vorteil von Gummistiefeln in der leichten Reinigung. Schmutz lässt sich nach getaner Arbeit einfach mit einem Schlauch abspritzen. Das reduziert die Ansammlung und Übertragung von Bakterien im Stallbereich.

Wo kein Wasser eindringen kann, kann jedoch auch kein Wasser oder Wasserdampf entweichen. Vor allem bei Gummistiefeln erkennt Orthopädist Chris Kohler eine Schwachstelle: «Eingewachsene Nägel führen oft zu kleinen Verletzungen an den Zehen. In den Gummistiefeln sind die Füsse meistens feucht – so kann die Nagelfalz nicht mehr heilen. «Im schlimmsten Fall dringen Bakterien von aussen ein und lösen eine Blutvergiftung aus.»

Neben einem schlechten Klima kann auch das oft nur spärlich vorhandene Fussbett bei Gummistiefeln langfristig zu Problemen führen. Häufig sind einfache Stiefel nicht passend beschichtet und bieten nur ungenügend Halt.

Die Lösung: Die Verwendung einer individuell angepassten Einlagesohle. Anatomisch geformte Einlegesohlen nehmen Feuchtigkeit auf, bieten zusätzliche Dämpfung und können ausgewechselt werden. Sie entlasten die Füsse dort, wo nötig, und stimulieren an einer anderen Stelle die Muskulatur.

Auch ein regelmässiger Wechsel des Schuhs, je nach Arbeitsbereich, bringt dem Fuss und der Muskulatur wohltuende Abwechslung. Auch wenn es Zeit kostet – immerhin sind diese Knochen, Gelenke, Muskeln und Bänder das Fundament, auf dem unser Arbeitsleben ruht.