pv_die-grune-online

Verbrauch von kritischen Antibiotika bei Schweinen sinkt

Betriebe erheben die Behandlung ihrer Schweine elektronisch. Die Daten unterstützen die TierärztInnen in der Beratung zum Antibiotika-Einsatz – und sie liefern Informationen für Forscher. Aktuelle Resultate stimmen optimistisch.

Seit 2018 steht dem Schweinegesundheitsdienst SGD ein neues Beratungswerkzeug zur Verfügung: Daten zu verabreichten Antibiotika sowie Leistungsdaten, welche die SchweinehalterInnen im elektronischen Behandlungsjournal EBJ erfassen. Das EBJ ist Kernstück des Gesundheitsprogramms SuisSano: «Das Ziel ist die Reduktion und Optimierung des Antibiotika-Einsatzes in der Schweinehaltung», erklärt Stefanie Klausmann, Tierärztin beim SGD.

Aufgrund der Behandlungsdaten wird ein Tierbehandlungsindex TBI pro Betrieb und Tierkategorie berechnet. Je tiefer dieser TBI, desto besser. Berücksichtigt werden:

  • Anzahl behandelter Tiere.
  • Anzahl Applikationen, verrechnet mit einem Gewichtungsfaktor – wobei kritische Antibiotikaeinen höheren Faktor haben.
  • Anzahl total gehaltener Tiereauf dem Betrieb.

Keine Bestrafung, sondern Beratung und Begleitung

«Ist ein Betrieb im TBI im Vergleich zum Durchschnitt der anderen Betriebe zu hoch, liegt er also über einem definierten Grenzwert, kommt es zu einer sogenannten Intervention», erklärt Klausmann.

Dabei geht es keinesfalls um eine Bestrafung, sondern vielmehr um eine Beratung und Begleitung. «Der Vertragstierarzt des SGD oder ein SGD-Tierarzt erstellt einen Massnahmenplan, welcher vom Betriebsleiter umgesetzt werden sollte. Der Tierarzt begleitet ihn dabei», so Klausmann.

Am TBI können sich auch die LandwirtInnen selbst orientieren. Quartalsweise wird der TBI sowie der Durchschnitt der letzten vier Quartale gerechnet und grafisch dargestellt, erklärt Klausmann. Der Durchschnitt der letzten vier Quartale des Betriebes kann der Landwirt mit dem aller Betriebe vergleichen.

«Im internationalen Vergleich stehen wir gut da»

SuisSano dient also als Werkzeug für die tierärztliche Beratung und die Sensibilisierung auf den Schweinebetrieben. Abgesehen davon liefert SuisSano auch wertvolle Daten. Dolf Kümmerlen von der Universität Zürich analysiert diese Daten seit Beginn des Programms. «Es sorgt für Transparenz und zeigt den Landwirten, TierärztInnen und Forschenden, was in der Schweiz betreffend Antibiotika-Einsatz bei den Schweinen überhaupt passiert», erklärt Kümmerlen.

Die aktuellen Resultate stimmten ihn optimistisch: «Wir haben seit Beginn des Projekts eine Reduktion des Verbrauchs der kritischen Antibiotika gesehen.» Kritische Antibiotika sind für die Humanmedizin von besonderer Bedeutung und müssen daher in der Veterinärmedizin besonders umsichtig eingesetzt werden.

Verbrauch von kritischen Antibiotika bei Schweinen sinkt
Kritische Antibiotika konnten bei allen Altersgruppen gesenkt werden. Bei Mastschweinen sanken beispielsweise die Makrolide auf 1 %, während Penicilline – alte, soweit unbedenkliche Wirkstoffe – konstant bleiben. Quelle: Suisag-SGD/Dolf Kümmerlen, Universität Zürich

Allerdings relativiert Kümmerlen: Da laufend neue Betriebe zum Projekt dazustossen – mittlerweile sind über 3000 Betriebe dabei – verändern sich die Stichprobengrösse und somit auch die Resultate. Daher sei man bei den jetzigen Resultaten noch nicht zu 100 Prozent sicher. Das werde aber auf Dauer immer verlässlicher.

Der Antibiotika-Verbrauch – zumindest derjenige von kritischen Wirkstoffen – entwickelt sich in eine gute Richtung. Was sind die nächsten Schritte? Das sei keine einfache Frage, meint Kümmerlen. «Wir können und wollen den Antibiotikaverbrauch nicht überall auf null senken. Denn kranke Tiere wird es immer geben und die müssen wir behandeln.» Wichtig sei, nicht nur den Antibiotika-Einsatz, sondern auch die Gesundheit der Schweine im Auge zu behalten.

Da kommt wieder der SGD ins Spiel. Seine Anrufe und Besuche bei LandwirtInnen klären, ob ein Betrieb einen Krankheitseinbruch hatte und zu Recht Antibiotika einsetzte oder ob systematisch Antibiotika eingesetzt wird, obwohl es gar nicht unbedingt nötig wäre. In jedem Fall wird besprochen und beraten.

Am Ende geht es um die Antibiotika-Resistenzen

Stefanie Klausmann erklärt ihre Arbeit so: «Behandlungsgründe und Abgangsursachen bei den jeweiligen Tierkategorien sind für mich wichtige Parameter, die ich aus dem EBJ ziehen kann. Dies bedeutet aber nicht, dass ich nur darauf fokussiert bin, man muss trotzdem mit offenen Augen durch den Stall gehen.»

Am Ende geht es nicht um den Antibiotika-Verbrauch, sondern um Antibiotika-Resistenzen. Die Bildung von Resistenzen soll möglichst verhindert oder reduziert werden, um Antibiotika auch künftig wirksam einsetzen zu können.

Nicht nur in behandelten, sondern auch in unbehandelten Schweinen wurden resistente Keime nachgewiesen, sagt Dolf Kümmerlen. Wann, wie und weshalb diese entstehen, müsse nun genau geklärt werden – damit anschliessend den TierärztInnen und LandwirtInnen Ratschläge gegeben werden können.

Antibiotika im Einsatz

Antibiotika und deren Einsatz bei den Nutztieren sind ein viel diskutiertes Thema. In der «BauernZeitung» sind etliche Artikel dazu erschienen. Hier eine kleine Auswahl: - Bei den Milchkühen ist das Trockenstellen ein Zeitpunkt, an dem oft Antibiotika eingesetzt wird. Alternativ gibt es Zitzenversiegler – die aber auch in der Kritik stehen. Zum Artikel. - Aus verschiedenen Gründen könnten Tierarzneimittel – darunter auch Antibiotika – in der Schweiz knapp werden. Zum Artikel. - Um den Antibiotika-Verbrauch zu senken, kann zu alternativer Medizin gegriffen werden. Diese bietet Chancen – sei aber nicht nur unproblematisch, sagt Swissmedic, die Schweizerische Zulassungs- und Aufsichtsbehörde für Arzneimittel und Medizinprodukte, in diesem Artikel.