Was macht für Sie die
Faszination Braunvieh aus?
Willy Schmid: Die braune Kuh ist sehr vielfältig. Sie kann sowohl im Berg wie auch im Tal problemlos eingesetzt werden. Auch in ihrer Leistung ist sie vielfältig. Ihre eiweisshaltige Milch mit den hohen Kappa-Kasein-Gehalten ist einzigartig.
Paul Caduff: Ich bin mit dem Braunvieh aufgewachsen. Bereits als kleiner Junge durfte ich mit Kälbern an Wettbewerben teilnehmen. Da hat mich das Braunviehvirus gepackt. Das Braunvieh hat mich immer überzeugt, weil es auf allen Betrieben gut funktioniert.
Was für eine Entwicklung haben Sie in Ihrer Arbeit angestrebt?
Schmid: Es gab verschiedene Ziele. Eines davon war, die Milchleistung zu verbessern. Wir wollten nie mit Holstein konkurrenzieren. Unser besonderes Augenmerk galt den Inhaltsstoffen der Milch. Ich finde es schade, dass wir es nicht früher geschafft haben, eine Gehaltsbezahlung einzuführen, damit die gute Braunviehmilch entsprechend honoriert werden konnte.
Die braune Kuh hat eine grosse Entwicklung hinter sich. Gibt es Nebeneffekte, Stichwort Grösse?
Schmid: Wir haben sicherlich stark zugelegt. Klar muss man dabei die Grösse im Auge behalten. Aber was bedeutet überhaupt, «zu grosse Tiere»? Wenn ein Bergbauer das Gefühl hat, eine Kuh sei ihm zu gross, kann er diese problemlos ins Tal verkaufen. Eine gewisse Zeit wurde sicher stark auf die Grösse fokussiert. Heute muss eine Kuh harmonisch sein, und das ist unabhängig von der Grösse.
Caduff: Vor allem im Schauwesen ist Grösse sicher nach wie vor ein wichtiges Merkmal. Vor zehn Jahren hatte man eher die Tendenz, grosse Kühe vorne einzustellen. Das ist heute nicht mehr so. Für die vorderen Ränge muss eine Kuh ausgeglichen sein. Wenn ein Betriebsleiter eine eher kleinere möchte, hat er die Möglichkeit, dementsprechend anzupaaren. Aber eine gewisse Kapazität und Grösse braucht eine Kuh dennoch, um ihre Leistungen erbringen zu können.
Wo muss das Braunvieh noch besser werden?
Caduff: Gerade im Exterieur haben wir in den letzten Jahren einen enormen Schritt nach vorne gemacht. Wir sind international führend, das belegen auch diverse Schauen. Mir ist die Leistungssicherheit ein wichtiges Anliegen. Wir brauchen keine Kühe, die gleich viel Milch geben wie die schwarze Kuh, aber wir haben noch zu viele Rinder, die in der Leistung etwas knapp sind.
Schmid: Wir dürfen nicht stillstehen. Stillstand ist Rückstand. Ich glaube, auf das Fundament müssen wir aufpassen. Ich spreche nicht von einer Schwäche, aber einem guten Fundament muss man Beachtung schenken, genauso wie der Leistungssicherheit.
In den 70er-Jahren wurden Stiere aus Amerika importiert. Wie haben Sie das erlebt?
Schmid: Ich durfte sogar selbst mit. Es war wichtig, dass wir von Amerika Genetik importiert haben. Unterdessen läuft der Weg umgekehrt, unsere Genetik hat in Amerika Erfolg. Das zeigt, dass wir auf das Erreichte stolz sein können. Heute können wir den Landwirten eine breite Palette an verschiedensten Stieren anbieten. Das ist wichtig. Jeder Landwirt muss sein Zuchtziel selbst definieren.
Wäre der Import im grossen Stil von Amerika heute auch denkbar?
Caduff: Wir sollten den Kontakt zu Amerika aufrechterhalten und uns auch bewusst sein, was sie für eine Genetik haben. Auch heute gibt es immer wieder ausländische Stiere, die für unseren Fortschritt hilfreich sein können.
Schmid: Wenn wir unsere Zucht verbessern wollen, dann müssen wir das beste weltweit vorhandene Potenzial an Braunvieh ausfindig machen.
Was halten Sie von der genomischen Selektion?
Caduff: Die genomische Selektion ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Zucht. Aber ich finde es wichtig, dass genomische Stiere nicht im Übermass eingesetzt werden, da das Risiko, dass sie versagen, grösser ist. Auf der anderen Seite braucht dieses neue Hilfsmittel auch etwas Zeit, damit die Züchter Vertrauen aufbauen können.
Schmid: Moderne Zuchtmethoden sind enorm wichtig. Es braucht solche wie z. B. auch das Samensexing, um die Zucht nach vorne zu bringen.
Wie sehen Sie die Braunviehzucht in zehn Jahren?
Caduff: Die braune Kuh hat eine gute Zukunft, wenn wir zu ihren Stärken Sorge tragen und uns gleichzeitig weiterentwickeln. Gute, problemlos funktionierende Kühe werden in Zukunft noch mehr gefragt sein, und da hat die robuste braune Kuh gute Voraussetzungen.
Schmid: Ich bin genau gleicher Meinung. Die braune Kuh hat Zukunftspotenzial, aber wir müssen auch
etwas dafür tun und das Potenzial auch ausnutzen.
Interview Julia Schwery

