Gemäss der Schweizer Klauenpflegevereinigung stellen Klauenerkrankungen in der Schweiz die dritthäufigste Abgangsursache beim Rind dar. Die natürliche Abnutzung des Hornes ist bei vermehrter Stallhaltung nicht gewährleistet, was zu veränderten Belastungsverhältnissen und Erkrankungen der Klauen führen kann. Damit sich die Tiere schmerzfrei bewegen und eine gute Leistung erbringen können – vor allem weil sie in der Schweiz mit durchschnittlich zirka vier Laktationen eine viel längere Lebenserwartung haben als bspw. in den USA (2,5 Laktationen) oder in manch anderen europäischen Ländern –, ist eine fachgerechte und regelmässige Klauenpflege umso wichtiger.
In der Regel werden Rinder zur Klauenpflege in den Klauenstand geführt und dort fixiert. Ein Leser machte uns auf das Klauenscheiden in liegender Position aufmerksam, was bisher weniger beobachtet wird. Wir haben Klauenspezialist und Tierarzt Adrian Steiner vom Tierspital Bern darauf angesprochen.
Adrian Steiner, wie häufig kommt es vor, dass das Klauenschneiden in einer liegenden Position des Rindes praktiziert wird?
Adrian Steiner: Immer häufiger. Es braucht zwar etwas Angewöhnungszeit für den Klauenpfleger, und Kippstände sind deutlich teurer als Durchtreibestände, jedoch gibt es Vorteile für die Kuh und den Klauenpfleger, welche vor allem junge Klauenpfleger immer häufiger davon überzeugen, mit einem Kippstand zu arbeiten.
Die da wären?
Für die Klauenpflege im Liegen spricht der geringe Stress für die Kühe, der ergonomische Arbeitsplatz für den Klauenpfleger (Knie, Rücken), da er aufrecht arbeiten kann und die gute Sicht auf die Klauen.
Ist es für Kühe überhaupt bequem, in so einer Position die Klauen geschnitten zu bekommen?
Dazu gibt es wissenschaftliche Untersuchungen, welche klar aufzeigen, dass es für eine Kuh weniger stressig ist, wenn die Klauenpflege im Liegen anstatt im Stehen durchgeführt wird. Bedenken Sie, dass sich Kühe in Durchtreibeständen (Klauenpflege im Stehen) häufig in die Gurten hängen, was je nach Situation für die Kuh sehr unangenehm sein kann. Einmal abgelegt, bleiben Kühe in Kippständen sehr ruhig.
Auch die Genetik spielt eine wichtige Rolle bei Klauenerkrankungen
In der Schweiz gibt es zwei grosse Komplexe von Klauenerkrankungen, sagt Adrian Steiner, Klauenspezialist und Tierarzt vom Tierspital Bern: Infektiös bedingte Erkrankungen: Klauenerdbeerkrankheit (Mortellaro) und Ballenfäule kommen häufiger bei Laufstallhaltungen vor und werden von Tier zu Tier über den gemeinsam genutzten Stall übertragen. Mechanisch-fütterungsbedingte Erkrankungen: Führen zu Klauenhorndefekten wie Geschwüren und Weisse-Linien-Defekte sowie Sohlenblutungen. Bei Ersterem spielen Hygiene und Biosicherheit eine grosse Rolle. Das heisst, stark verschmutzte Laufflächen bei unzureichender Entmistung können zu diesen Klauenerkrankungen führen.«Bei der Klauenerdbeerkrankheit zeigt sich dies zum Beispiel dadurch, dass Betriebe, die viele Tiere zukaufen, mehr Probleme mit der Krankheit haben. Bei den Klauenhorndefekten stehen stallbauliche Probleme, vor allem im Bereich des Bodens, wie Löcher und Kanten, als Ursache im Vordergrund», weiss Steiner. Diese können zu Verletzungen der Klaue führen. Aber auch eine schlechte Durchblutung macht Probleme, wenn die Kühe nicht liegen und mangels Liegekomfort zu viel herumstehen. Weniger empfindliche Tiere züchten Die wichtigsten Massnahmen sind die regelmässige Klauenpflege des ganzen Bestandes sowie die Hygiene, wie zum Beispiel ein häufiges Entmisten des Laufstalls, und die Sicherheit im Stall. Daneben spielt auch die Genetik eine wichtige Rolle, sagt Adrian Steiner. Im Rahmen des Ressourcenprojektes «Gesunde Klauen – das Fundament für die Zukunft» (siehe Link) werde aktuell daran gearbeitet, Zuchtwerte für die wichtigsten Klauenerkrankungen zu berechnen. «Das ermöglicht es dem Tierhalter in Zukunft, in der Zucht auf Tiere zu setzen, welche gegenüber gewissen Klauenkrankheiten weniger ‹empfindlich› sind», so Steiner. Symptome erkennen Eine Kuh, die Probleme mit den Klauen hat, lässt sich daran erkennen, dass sie auf einem oder mehreren Beinen lahmt. «Das bedeutet, dass das Auffussen schmerzt und das Tier das entsprechende Bein weniger belastet», sagt Adrian Steiner. Solche Kühe würden häufiger liegen, gingen langsamer und kämen daher immer als Letzte von der Weide zurück. Der ideale Zeitpunkt, um sich der Klauengesundheit zu widmen, sei im Frühjahr gegen Ende der Stallperiode und im Herbst gegen Ende der Weideperiode. Steiner empfiehlt diese beiden Zeitpunkte wegen der in der Schweiz üblichen Betriebsgrössen und den grossen saisonalen Unterschieden in Haltung und Fütterung. Die Klauenpflege solle durch einen gut ausgebildeten professionell arbeitenden Klauenpfleger geführt werden. Wenn dieser im Klauengesundheitsprojekt mit dabei ist, werde er auch die Klauengesundheitsdaten digital erfassen, so dass diese dem Tierhalter für die Beurteilung der Klauengesundheit auf dem eigenen Betrieb und den Zuchtverbänden für die Zuchtwertschätzung zur Verfügung stehen. Weitere Informationen: www.gesundeklauen.ch

