Für viele Viehzüchter ist der Tag der Beurteilung ihrer Kühe das Grösste. Sei es bei der kantonalen Punktierung oder bei der linearen Beschreibung (LBE). Die «BauernZeitung» begleitete Thomas Ender, Chefeinstufer bei der Linear AG, bei seiner Arbeit und schaute ihm über die Schulter. Dabei stellte er schon am Anfang klar: «Wir sind keine Konkurrenz gegenüber den Beständeschauen. Unser System ist ganz anders aufgebaut.» Und in der Tat, es werden nicht nur vier, sondern mehr als 20 Merkmale auf einer Skala von 1 bis 9 objektiv erfasst. So werden pro Jahr zwischen 70'000 und 75'000 Tiere von 20 Einstufern beschrieben. «Diese Anzahl ist seit Beginn der LBE mit der Linear AG stabil und dies trotz anhaltendem Strukturwandel in der Milchwirtschaft», sagt Ender.
Es wird nach internationalen Vorgaben gearbeitet
Seit 2011 übernimmt die Linear AG die Einstufung der Tiere aller Rassen, welche bei Swiss-
herdbook und dem Schweizerischen Holsteinzuchtverband eingetragen sind. Die Klassifizierer arbeiten nach internationalen Vorgaben und werden regelmässig geschult und überprüft. Die erfassten Exterieurdaten werden anschliessend ausgewertet und bilden die Basis der Zuchtwertschätzung für die Morphologie.
Heute geht die Reise in den Kanton Aargau. Genauer gesagt zum bekannten Zuchtbetrieb von Marcel Belser in Wölfinswil. Hier ist keine geringere als die bekannte Ausstellungskuh Wolfhead Salto Black Kelly, die 2011 die RH-Night in Bern gewonnen hat, zu Hause. Um 8.15 Uhr fahren wir vor, und Black Kelly steht mit den anderen sechs Kühen, welche beschrieben werden sollen, sauber vor dem Stall bereit. Zum Erstaunen sind die Euter leer und nicht wie erwartet prall gefüllt.
«Treffen wir um diese Uhrzeit volle Euter an oder sind die Euter generell überladen, werden die Kühe nicht beschrieben», sagt Thomas Ender klar und deutlich.
Jetzt geht es los: Black Kelly wird von Marcel Belser vorgeführt. «Sie ist aktuell mit EX-92 beschrieben und ich hoffe, dass sie EX-93 wird», sagt der Züchter. Jetzt nimmt der Einstufer den Meter und das Messband hervor und überall wird gemessen: die Grösse, die Beckenbreite, die Euterbreite, die Euterhöhe usw. Die Daten werden in den Computer eingegeben und dieser berechnet daraus die Noten. Thomas Ender inspiziert die Kuh genau, ist das Zentralband auch wirklich markant genug, ist die Rippe flach oder doch eher rund.
Nun gibt er den Befehl, mit der Kuh zu laufen, so kann er beurteilen, ob das Gangwerk «excellent würdig» ist oder nicht. Alles geht recht schnell. «Pro Kuh haben wir zusammen mit dem Kommentar sieben Minuten zu Verfügung», sagt er. Sind alle Daten eingegeben, drückt er auf eine Taste, und die Endpunktzahl wird bekannt gegeben. Erst jetzt kann der Experte sehen, was für einen Vater das Tier hat. «EX-93 ist für Black Kelly vorgeschlagen.» Ein Lächeln macht sich bei Marcel Belser breit. «Vorgeschlagen heisst aber nicht definitiv. Innherhalb eines Monats werden sich zwei weitere Einstufer bei dir melden, um zu beurteilen, ob sie wirklich EX-93 verdient», so Ender.
Durchschnitt der Erstlingskühe liegt bei 79 Punkten
Weiter geht es zur BZG Ackle und Birri in Herznach AG. Bei diesem Betrieb gilt es sechs Erstlingskühe zu beschreiben. «Wir sind ein Prüfbetrieb, darum sind wir verpflichtet, alle Erstlaktierende zu beurteilen», sagt der Landwirt Martin Ackle. Von der Swiss Fleckvieh-, über die Red-Holstein- bis hin zur Holsteinkuh «kämpft» sich Thomas Ender durch. Die Kühe erhalten zwischen 76 und 82 Punkte. «Dieser Betrieb liegt so im schweizerischen Mittelmass», sagt Thomas Ender. Denn: «Der Punktedurchschnitt der Erstlingskühe beläuft sich immer bei 79 Punkten, und dieser wird auch nicht, trotz Zuchtfortschritt, angehoben», so der Fachmann.
Das heisst, die Kühe werden jedes Jahr ein wenig «strenger» beurteilt, damit man trotz Zuchtfortschritt auf den 79 Punkten bleibe. Ender weiter: «Dies ist wichtig, damit wir eine gute Streuung der Noten haben, was wiederum von zentraler Bedeutung für die Berechnung der Zuchtwerte ist und zudem für genügend Differenzen zwischen der durchschnittlichen und der besten Kuh der Rasse sorgt.» Die Fahrt geht weiter auf Nebenstrassen durch den Kanton Aargau. Da müssen die Einstufer manchmal schon gute geografische Kenntnisse haben, damit sie die Betriebe finden.
Der nächste ist aber ein Klacks, denn hier gehen die Einstufer mehrmals pro Jahr vorbei. Wir befinden uns auf dem bekannten Holsteinzuchtbetrieb Bächlihof von Stefan Käser in Oberflachs AG. Elf Kühe gilt es hier zu beschreiben. Eine schöner als die andere. Für Stefan Käser ist es wichtig, die Tiere über mehrere Laktationen immer wieder zu zeigen. «Ich finde nicht nur für das züchterische, sondern auch für den Viehverkauf profitiert eine Kuh, wenn sie eine sehr gute lineare Beschreibung vorweisen kann», sagt Käser. Seine Rinder bekommen heute zwischen 81 und 83 Punkte und eine Savard-Tochter wird sogar mit EX-91 beschrieben.
Eine Champion-Tochter bekommt trotz ihrer Kapazität «nur» VG 88. Ist das Schweizer System nicht zu streng? «Wir haben eines der strengsten Systeme weltweit, insbesondere für junge Kühe», gibt Thomas Ender offen zu. «Aber wir legen in der Schweiz viel Wert auf Langlebigkeit und da sollen sich die Kühe zuerst beweisen. Und schliesslich heisst die Klasse VG ja ‹sehr gut› und das soll die Kuh auch sein, um so eingestuft zu werden. Und nur die allerbesten sollen das Prädikat ‹excellent› also ‹aussergewöhnlich› erhalten.»
Peter Fankhauser

