Lya hört auf zu fressen, streckt die Ohren nach hinten, schliesst halb die Augen und steht ganz still. Die 13-jährige Milchkuh wird gerade von Tier-Osteopathin Andrea Stark behandelt und scheint es zu geniessen, zumindest ist sie ruhig und lässt es mit sich geschehen. «Die Tiere spüren, dass innerlich etwas mit ihnen geschieht», sagt Stark, die auch Tierärztin ist.
Sie steht neben der Kuh und hat die eine Hand an der Schulter und die andere im Brustbeinbereich der Kuh. Sie hat nebst ihrer Tätigkeit als Tierärztin vor etwa fünf Jahren eine Ausbildung zur Tier-Osteopathin absolviert und war damals im ersten Jahrgang dieser Zusatz-Ausbildung für Tierärzte und Tierärztinnen. Doch wie funktioniert Osteopathie eigentlich?
Wie Brot im Plastiksack
«Ich schaue mir unter anderem die Faszien genauer an. Das sind Gewebe, welche Knochen und Muskeln, aber auch Organe umhüllen und miteinander verbinden», sagt Andrea Stark. Man könne sich die Faszien vorstellen wie ein Plastiksack, in dem ein Brot eingepackt ist. Wenn nun der Plastiksack verdreht sei und dadurch das Brot einschnüre, dann bewege sich darin nichts mehr. Wenn man sich einen Muskel anstelle des Brotes vorstelle, sei dieser völlig komprimiert und könne nicht richtig arbeiten. «Das ist, was ich bei der Behandlung mache: Ich drehe das Ganze auf, sodass der Muskel wieder frei wird, sich regenerieren und arbeiten kann», sagt sie. Oft gehe es um ganz kleine Bewegungen, die man von aussen nicht sehe.

Bei einer Behandlung schaut sie sich zunächst die Wirbelsäule an, gibt Druck auf jeden Wirbel und schaut, wie die Kuh reagiert oder wie der Wirbel nachgibt, ob er fest ist oder ob es irgendwo wärmer ist als sonst. Dabei beachtet sie auch kleine Signale, die ihr die Kuh gibt. «Ich finde, Kühe reden sehr klar mit uns», sagt sie. Genau wie Lya, die jetzt vom einen Bein zum anderen wechselt. «Man sieht, jetzt wird sie schon wieder etwas unruhig. Am Anfang denkt man, sie belastet einfach das andere Bein, aber mit der Zeit kann man es etwas besser lesen.»
«Ich finde, Kühe reden sehr klar mit uns.»
Andrea Stark, Tierärztin und Tier-Osteopathin.
Nachdem Andrea Stark die Problemstellen identifiziert hat, beginnt sie mit der Behandlung. «Ich probiere, alles zu lösen, was den Wirbel oder das Organ aus seiner Balance zieht, damit deren Funktion wieder hergestellt ist und keine Schmerzen mehr vorhanden sind», erklärt sie. Zum Lösen des Fasziengewebes folgt sie diesem in eine bestimmte Richtung, so dass es sich entspannen und danach wieder normal arbeiten kann. Das sei aber eine ganz andere Bewegung als bei einer Massage und es gebe verschiedene Methoden, um Faszien zu lösen. Das Gewebe, das zieht, wird so entspannt. «Im Moment der Normalisierung des Gewebes sind die Tiere meist sehr entspannt, geben einen tiefen Seufzer von sich oder schlafen sogar ein.»

Als Tier-Osteopathin behandelt Andrea Stark alle Tiere, von Hunden über Katzen bis zu Pferden. Auch sie muss sich stark konzentrieren, um genau zu spüren, was unter ihren Händen geschieht. Oft schaut sie dabei in die Ferne, um sich innerlich fokussieren zu können. «Ich könnte auch die Augen schliessen, aber das macht es immer so esoterisch», sagt sie und schmunzelt.
Extremer Unterschied
Landwirt Christian Schuwey vom Betrieb Gastlosen Holsteins aus Jaun FR und Besitzer von Lya bewirtschaftet im Berggebiet einen reinen Milchwirtschaftsbetrieb mit etwa 20 Milchkühen. Bei Bedarf lässt er seine Kühe von Andrea Stark behandeln. Seine Frau ist eine Arbeitskollegin von ihr und berichtete ab und zu von ihren Erfolgen, so probierten sie es aus. «Die Resultate haben für sie gesprochen, wir haben bei den Kühen eine deutliche Besserung gesehen», sagt er.
Auf einen Blick
Unter Osteopathie werden verschiedene Techniken verstanden, die darauf abzielen, Verspannungen und Bewegungseinschränkungen zu ertasten und Muskeln und Gelenke zu mobilisieren. Laut Andrea Stark reichen bei Kühenin den meisten Fällen ein bis drei Behandlungenim Abstand von einigen Wochen. Die Preise unterscheiden sich je nach Osteopath. Bei Andrea Stark z. B.kostet die erste Behandlung 120 Franken und jede weitere fürs gleiche Tier ist 100 Franken. In der Schweiz gibt es zur Zeit nur eine Osteopathie-Ausbildung für Tierärzte. Es gäbe aber viele gute Osteopathen, die nicht Tierärzte sind und eine Ausbildung im Ausland gemacht haben, findet Stark. Für ein fundiertes osteopathisches Grundwissen seien auf jeden Fall mehr als ein paar Wochenendkurse nötig.
Die häufigsten Gründe für eine Behandlung durch die Tier-Osteopathin seien bei ihm kleinere Unfälle wie Misstritte auf der Weide oder im Stall. Ausserdem habe er relativ alte Kühe, die zum Beispiel wegen Arthrose eine Behandlung brauchen. So auch Lya, die gerade behandelt wird. «Sie hat sich vermutlich das Knie verletzt, als sie in ein Loch getreten ist, zudem hat sie auch etwas Arthrose», sagt Schuwey. Und wie findet er heraus, ob eine Kuh eine Behandlung braucht? «Ich und meine Frau haben eine enge Beziehung zu den Kühen, so erkennen wir schnell, wenn es ihnen unwohl ist oder sie Schmerzen haben.» So hätten sie zunächst bei Kuh Lya Klauenprobleme vermutet, die sich aber nicht bestätigten, folglich liessen sie Lya von Andrea Stark genauer anschauen.
Merken, wenn etwas nicht stimmt
Christian Schuwey geht mit seinen Red-Holstein- und Holstein-Kühen oft an Ausstellungen. «Durch die Vorbereitungen lerne ich die Kühe noch besser kennen, so dass ich schnell merke, wenn etwas nicht in Ordnung ist», sagt er. «Das Tierwohl liegt mir sehr am Herzen, darum bin ich auch bereit, etwas mehr zu investieren», sagt er.
Wichtig sei, sagt Andrea Stark, dass Tierarzt, Landwirt(in) und Osteopath gut zusammen kommunizieren. Sie ist zwar selber Tierärztin, behandelt aber auch Kühe nur als Osteopathin, wenn sie nicht die behandelnde Tierärztin ist. «Das muss man trennen», sagt sie. Sie wolle nicht anderen Tierärzten Kunden abwerben. Ausserdem könne man mit Osteopathie nicht alles heilen: «Wenn ein Bein gebrochen ist oder bei einem Muskelriss kann man mit Osteopathie nicht helfen», da müsse man klar kommunizieren, sagt sie.
Osteopathie kann unter Umständen bei Festliegen helfen
Stark nennt als häufigste Gründe für eine Behandlung Festliegen und Lahmheit. Auch Organe können mit Osteopathie behandelt werden, weiss die Expertin. Die Wirksamkeit hängt unter anderem von den Selbstheilungskräften der Kuh ab: «Ich kann helfen, indem ich dem Körper die Möglichkeit gebe, wieder zu funktionieren, aber regenerieren muss er sich dann selber», sagt Stark. Wenn die Kuh festliegt, die erforderlichen Infusionen gehabt hat, die Blutwerte in der Norm sind und sie Schmerzmittel bekommen hat, aber immer noch nicht aufsteht, können Rückenbeschwerden das Problem sein und Osteopathie helfen, sagt sie.

«Ich finde, die Kühe leisten extrem viel und haben die bestmögliche Behandlung verdient, andererseits ist für mich klar, dass der Landwirt einen Nutzen daraus haben muss. Klar muss er mich bezahlen, aber wenn die Kuh nachher normal laufen kann, sich wohl fühlt, gut frisst und dadurch mehr Milch gibt, hat er einen Gewinn daraus», sagt sie. Das bestätigt auch Christian Schuwey: «Ich merke jeweils einen extremen Unterschied an den Kühen, wenn Andrea dagewesen ist», sagt er. Früher sei er eher skeptisch gewesen, heute sagt er: «Es braucht beides, die Schulmedizin und die Osteopathie.»
Am Schluss der Behandlung schaut sich Andrea Stark die Kuh nochmals an und kontrolliert, ob die Problemstellen gelöst sind. Meist ist der Landwirt nicht die ganze Zeit dabei bei einer Behandlung, die ungefähr drei Viertel Stunden bis eine Stunde geht. Aber sie bespricht mit ihm am Schluss, was die Probleme waren und wie er die Kuh noch weiterbehandeln und massieren kann. «Massage hilft auf jeden Fall, um die Muskulatur locker zu behalten», sagt sie und nimmt Lya das Halfter ab, so dass die Kuh sich wieder dem Fressen widmen kann.

