Im Mai hat die BauernZeitung über Phosphor in der Rinderfütterung berichtet. Der Befund von Agroscope-Forscher Patrick Schlegel war eindeutig: Schweizer Milchviehbetriebe verfüttern zu viel Phosphor, die Rationen sind auf vielen Betrieben längst im Plus, und trotzdem rollen jedes Jahr 800 bis 900 Lastwagen Mineralphosphat aus dem Ausland in die Schweiz.
Das ist die eine Seite des Problems. Die andere: Gleichzeitig landet Phosphor jährlich in riesigen Mengen im Schweizer Klärschlamm und geht verloren. Seit 2006 ist die direkte Ausbringung von Klärschlamm auf Landwirtschaftsflächen verboten, wegen Schadstoffen. Der ausgefaulte und eingedickte Klärschlamm wird seither verbrannt. Der Phosphor steckt danach in der Verbrennungsasche — und könnte theoretisch von dort zurückgewonnen werden, sofern die Asche in der Schweiz deponiert wurde. Genutzt wird diese Möglichkeit kaum. Damit bleibt ein Nährstoffkreislauf unterbrochen, der nie ersetzt wurde.
Phosphor ist ein endlicher Rohstoff. Er lässt sich nicht synthetisch herstellen. Wer ihn verbraucht, muss ihn importieren oder zurückgewinnen. Die Schweiz hat sich für das Recycling entschieden: Die gesetzliche Pflicht zur Phosphorrückgewinnung aus Klärschlamm gilt seit Januar 2026. Die BauernZeitung hat beim Bundesamt für Umwelt (BAFU) und bei der Konferenz der Umweltämter der Schweiz (KVU) nachgefragt, wie weit die Umsetzung ist. Die Antworten sind ernüchternd.
Zwei bis drei Anlagen für die ganze Schweiz
In der Schweiz werde es voraussichtlich zwei bis drei Phosphor-Rückgewinnungsanlagen geben, schreibt das BAFU auf Anfrage. Heute ist eine einzige im Bau. Sie könnte frühestens 2028 oder 2029 in Betrieb gehen. Die Planung und der Bau solcher Anlagen seien aufwändig und dauerten mehrere Jahre. Das ändert aber nichts daran, dass zwischen gesetzlichem Anspruch und Realität eine erhebliche Lücke klafft.
Die KVU bestätigt: «Um den inländischen Bedarf an Phosphor zu decken, sind zwei bis drei Phosphor-Rückgewinnungsanlagen notwendig.» Da es nur zwei bis drei Anlagen geben wird, wird voraussichtlich eine kantonsübergreifende Koordination notwendig sein.
Wer bezahlt und wer entscheidet noch nicht klar
Wenn der Verkauf des zurückgewonnenen Phosphors die Kosten nicht deckt, tragen die Abwassergebühren die Differenz. Das hat das Parlament im Umweltschutzgesetz festgelegt (Art. 30d, Abs. 5, USG). Soweit ist die Grundlage klar.
Nicht geklärt ist, wie die Kosten zwischen den Kantonen aufgeteilt werden. Die Bau-, Planungs- und Umweltdirektorenkonferenz (BPUK) und die KVU prüfen aktuell den Aufbau eines Finanzierungssystems. Das Ziel sei, Investitionssicherheit für den Bau und den Betrieb durch die Anlagebetreiber zu schaffen und die finanziellen Aufwendungen für die Klärschlammentsorgung und die aufwändigere Phosphorrückgewinnung im laufenden Betrieb fair auszugleichen. Die Arbeiten sollten voraussichtlich bis Herbst 2027 abgeschlossen sein.
Wer trägt das finanzielle Risiko, wenn eine Anlage in Betrieb geht, bevor das Modell steht? KVU-Geschäftsführerin Nadine Kammermann schreibt: «Aus heutiger Sicht würde das finanzielle Risiko durch den Anlagebetreiber getragen werden.» Wer heute baut, trägt das Risiko allein. Ein Anreiz, rasch zu investieren, ist das nicht.
Der Bauer zahlt mit und wartet
Abwassergebühren zahlt, wer an die Kanalisation angeschlossen ist. Landwirte sind das, über ihre Gemeinderechnung. Sie beteiligen sich also bereits heute an der Finanzierung eines Recycling-Systems, das ihnen als Düngerkäufer noch nichts bringt.
Wann Recycling-Phosphor in relevantem Umfang als Dünger auf den Markt kommt, kann die KVU nicht sagen. Das BAFU nennt immerhin einen qualitativen Vorteil: Im Gegensatz zu importierten Mineraldüngern werde der Schweizer Recycling-Phosphor keine Belastungen mit Cadmium oder Uran aufweisen. Einen Preisvorteil für den Bauern gibt es nicht, Recycling-Phosphordünger solle zu marktüblichen Preisen verkauft werden.
Importphosphat enthält je nach Herkunft erhebliche Schwermetallgehalte. Die Schweiz hat deshalb strenge Grenzwerte und bezog Phosphat lange bevorzugt aus Russland, was spätestens seit dem Ukrainekrieg zur Abhängigkeitsfrage wurde. Ein sauberes Schweizer Produkt hätte also seinen Wert. Nur: Es existiert noch nicht. Und wann es in relevanten Mengen verfügbar sein wird, bleibt offen.
Das Paradox bleibt vorerst bestehen
Die Schweizer Landwirtschaft weist jährlich einen Phosphorüberschuss von rund 5000 Tonnen aus. Bis 2030 muss dieser Überschuss um 15 Prozent sinken. Gleichzeitig importiert die Branche weiter Mineralphosphat für die Fütterung, obwohl es dort vielerorts nicht nötig wäre, wie Patrick Schlegel von Agroscope an der Tierärztetagung in Bern gezeigt hat. Und der Phosphor, der im Klärschlamm steckt und zurückgewonnen werden könnte, wird noch jahrelang verbrannt, bevor das Recycling in relevantem Massstab funktioniert.
Das Gesetz ist da. Die Finanzierungslogik ist im Grundsatz geregelt. Die Anlagen fehlen noch. Und der Bauer steht am Ende der Kette: Er zahlt mit und profitiert zuletzt.

