Zum Einstieg ein Blick über die Landesgrenze: In Deutschland wird auf 5,8 Millionen Hektaren Getreide angebaut. Auf 56 Prozent dieser Fläche säen die Landwirte zugekauftes und zertifiziertes Saatgut – sogenanntes Z-Saatgut – aus. Auf der restlichen Fläche verwenden die Bauern einen Teil der Ernte des Vorjahres als Saatgut: Prinzip Eigennachbau. Das spart Kosten – und wird in der Schweiz fast nicht praktiziert. Warum?
In der Schweiz sind die Anbauflächen zu klein für Skaleneffekte
Unsere Rechenbeispiele (siehe Kästchen) zeigen: Das Einsparpotenzial ist in der Schweiz mit 146 Franken (ÖLN) beziehungsweise 164.60 Franken (Bio) pro Hektare gering, zumal mit dem Z-Saatgut auch eine höhere Sicherheit einhergeht. Hinzu kommt, dass die Getreideanbauflächen in der Schweiz pro Betrieb eher klein sind, so dass sich keine Skaleneffekte erzielen lassen. Der Grund für diese geringe Einsparung liegt im – verglichen mit Deutschland – hohen Produzentenpreis und damit einhergehend der kleinen Differenz zwischen den Saatgutkosten und dem Produzentenpreis. Zum Vergleich: In Deutschland kostet das Z-Saatgut oft mehr als das Dreifache des Produzentenpreises für Brotgetreide.
Die Differenz zwischen Produzentenpreis und Saatgutkosten müsste ausreichen, um den Mehraufwand für die Landwirte zu decken. Darunter fallen verstärkte Feldkontrollen mit Säuberungen, die Lagerung, die Keimprobe und allenfalls die Beizung des Saatgetreides.
Nachbau ist immer auch mit Aufwand verbunden und setzt Fachwissen voraus
Wer seriös Eigennachbau betreiben will, muss dafür einen gewissen Aufwand in Kauf nehmen. Das gilt insbesondere für biologisch produzierende Landwirte: Herbert Völkle, Geschäftsführer der Getreidezüchtung Peter Kunz (GZPK) aus Feldbach ZH, weiss, dass vor allem Steinbrand und Schneeschimmel im Weizen zu Problemen führen können. «Daher empfehlen wir Landwirten grundsätzlich den Kauf von zertifiziertem Saatgut. Wenn sie dennoch ihr eigenes Saatgut nachnehmen wollen, empfehlen wir, vorher eine Sporenuntersuchung in einem Labor durchführen zu lassen», so Völkle. Ebenfalls sind Feldkontrollen wichtig, um beispielsweise von Flugbrand befallene Ähren zu entfernen und den Krankheitsdruck bereits frühzeitig einschätzen zu können.
Aber auch Landwirte, welche nach ÖLN produzieren, können nicht einfach ein paar Säcke Erntegut aus dem Kipper nehmen und diese im Herbst wieder aussäen. Das Wintergetreidesaatgut sollte gereinigt und sortiert werden, damit keine Kümmer-Körner («Hühnerweizen») in den Boden gelangen. Die samenbürtigen Krankheiten wie Steinbrand, Schneeschimmel oder Flugbrand hat man mit einer Beizung des eigenen Saatgetreides relativ sicher Griff.
Die Verwendung von Z-Saatgut ist Voraussetzung für die Vermarktung als Suisse Garantie
In der Schweiz erfüllen fast alle Landwirte den ÖLN, rund 13 Prozent produzieren biologisch. Die allermeisten ÖLN-Landwirte verkaufen ihr Getreide unter dem Label «Suisse Garantie» oder «IP-SUISSE». Hier ist in den Bestimmungen zu lesen, dass folgende Anforderungen zu erfüllen sind:
Verwendung von zertifiziertem Saatgut
Anbau von Sorten der Liste der empfohlenen Sorten von Swiss Granum
Das heisst im Klartext: Wer nicht Bioproduzent ist und sein Getreide selber nachbauen möchte, hat ein Problem mit der Vermarktung. Stephan Scheuner ist Direktor von swiss granum, der schweizerischen Branchenorganisation Getreide, Ölsaaten und Eiweisspflanzen. Er schätzt, dass der Anteil konventionell – also ohne Erfüllung der ÖLN-Auflagen – produziertes Getreide schweizweit im mittleren einstelligen Prozentbereich liegt.
Auch Toni Küng, Geschäftsführer des Getreidecenters Freiamt, bestätigt dies: Er nimmt jährlich 60 bis 80 Tonnen konventionelles Getreide an, meist von pensionierten Landwirten, welche nicht mehr direktzahlungsberechtigt sind. Küng weiss: «Es besteht praktisch keine Nachfrage nach diesem Getreide, da es dem Import gleichgestellt ist. Seit diesem Jahr müssen wir den Produzenten von konventionellem Getreide gut 5 Franken pro Dezitonne abziehen.»
Die Vorschrift bezüglich der Verwendung von Z-Saatgut sei keine Schikane der Landwirte, sondern in Übereinstimmung der gesamten Branche zustande gekommen: «Es ist ein wichtiges Element der Qualitätsstrategie der Branche und trägt zur Sicherung einer qualitativ und quantitativ guten Ernte bei», so Scheuner.
Andreas Miesch hat auch aus idealistischen Gründen auf Eigennachbau gesetzt
Anders sieht die Regelung im Biolandbau aus: Die Verwendung von Z-Saatgut wird hier zwar empfohlen, ist jedoch keine Pflicht. Eigennachbau ist somit für die Landwirte erlaubt. Jahrelange Erfahrung damit hat Andreas Miesch aus Wittingsburg BL. Auf seinem Betrieb baut er Weizen, Dinkel, Roggen und Gerste an. Wie bereits sein Vater hat er bei der Ernte eigenes Saatgut nachgenommen, gereinigt und im Herbst wieder ausgesät. Heute kauft er alle 2 bis 3 Jahre neues Saatgut zu, um die Qualität halten zu können. Für ihn hat sich diese Strategie bewährt. «Es ist allerdings nötig, die Felder zu säubern und genau zu kontrollieren», mahnt Miesch. Er hatte nur einmal ein Problem mit Steinbrand, ansonsten war er mit dem Eigennachbau stets zufrieden.
Für Miesch ist der Entscheid für den Eigennachbau nicht zuletzt eine idealistische Frage. Ihm gefällt die Idee, als Landwirt möglichst unabhängig produzieren und die Wertschöpfung auf dem Betrieb behalten zu können.
Die Lizenzgebühr soll beim Eigennachbau von Getreide freiwillig bezahlt werden
Wenn die Landwirte Eigennachbau betreiben, kann der Züchter einer Sorte kein Saatgut verkaufen. Ein Problem? Herbert Völkle von der Getreidezüchtung Peter Kunz präzisiert: «Die Lizenzgebühr von gut 20 Franken pro Hektare fehlt uns als Züchter. In der Schweiz ist der Eigennachbau aber auf tiefem Niveau, und wir ersuchen die Landwirte, die Flächen mit unseren Sorten freiwillig zu melden und die Lizenzgebühr zu bezahlen. Das klappt hierzulande recht gut», so Völkle. So deklariert auch Landwirt Andreas Miesch seine Flächen aus freien Stücken: «Ich finde die Arbeit der Getreidezüchtung sehr wichtig. Sie verdient die Unterstützung von uns Bauern», so Miesch.
Etwas anders sieht die Situation in Deutschland aus, wo viele Biolandwirte auf Sorten der Getreidezüchtung Peter Kunz setzen und der Eigennachbau weit verbreitet ist. «Vielleicht waren wir hier etwas zu idealistisch, dass wir ganz auf Freiwilligkeit gesetzt haben. Die Aufklärung über die Arbeit unserer Züchtung ist aber in jedem Fall wichtig und hilft für die Sensibilierung», sagt Herbert Völkle. In Zukunft werde man aber das Geschäftsmodell in Deutschland überdenken müssen.