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Wanzenschäden: 7 Tonnen Birnen gingen weg wie warme Weggli

Weil drei Viertel der Ernte von der marmorierten Baumwanze beschädigt war, hat Manuel Strupler seine Birnen verschenkt. Der Landwirt aus Weinfelden wollte damit auf die Probleme mit dem eingeschleppten Schädling aufmerksam machen. Bei den Obstfachstellen ist man sich bewusst, dass dringender Handlungsbedarf besteht.

In den letzten Tagen und Wochen häuften sich die Meldungen über Schäden der marmorierten Baumwanze in Birnenanlagen. Das musste auch Manuel Strupler erfahren. Drei Viertel seiner Birnenernte, geschätzte sieben Tonnen, kann er nicht verkaufen. Daher hat er auf Facebook einen Aufruf gemacht. Jedermann und -frau konnte letzten Samstag auf Struplers Betrieb gratis Birnen pflücken. Von dem Angebot machten sehr viele Leute Gebrauch. Schon nach dem Mittag war Struplers Birnenanlage abgeerntet.

Die Leute sensibilisieren

Die Idee mit dem Facebook-Post hatte Manuel Struplers Lebensgefährtin, Linda Gehrig. Dass der Post derart viral geht, damit hatten die beiden nicht gerechnet. Sogar die Pendlerzeitung "20 Minuten" berichtete über die Aktion. "Mir ging es nicht darum, möglichst viel Aufmerksamkeit oder gar Mitleid zu erregen", stellt Strupler klar. Er habe den Leuten mit seinem Video erklären wollen, weshalb er die Birnen nicht verkaufen kann und deshalb am Boden liegenlassen muss, was letztes Jahr viele Spaziergänger erstaunt habe.

Besonders Birnenkulturen sind dieses Jahr von Schäden durch die marmorierte Baumwanze betroffen. (Bild Manuel Strupler)
Besonders Birnenkulturen sind dieses Jahr von Schäden durch die marmorierte Baumwanze betroffen. (Bild Manuel Strupler)

"Die Landwirtschaft steht so oft in den Negativschlagzeilen gerade auch rund um den Pflanzenschutz. In diesem Fall können wir Bauern wirklich nichts dafür", sagt Strupler und ergänzt: "Die marmorierte Baumwanze wurde aus Asien eingeschleppt, das muss man den Leuten sagen. Ich bin überzeugt, gerade im Hinblick auf die kommenden Initiativen ist Aufklärung die beste Waffe."

Und genau das tat Strupler auch am vergangenen Samstag. Immer und immer wieder erklärten er und Linda Gehrig den Leuten, die zum Birnenpflücken vorbeikamen, was es mit dieser Wanze auf sich hat und weshalb die Birnen unverkäuflich sind. Die meisten bedankten sich herzlich und waren erstaunt, was die Wanze für einen wirtschaftlichen Schaden verursacht. Für Strupler ist dieser Schaden verkraftbar. "Obstbau ist nur ein kleiner Teil von unserem Betrieb. Aber wenn wir nächstes Jahr wieder so viel Befall haben, müssen wir uns überlegen, die Birnbäume zu fällen."

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Birnen sind sehr stark betroffen

Das Beispiel von Manuel Strupler ist kein Einzelfall. In den Kantonen Zürich und Thurgau gibt es Bauern, die bis zur Hälfte ihrer Birnenernte nicht verkaufen können. Urs Müller, Leiter Obstfachstelle am BBZ Arenenberg, schätzt die Menge auf über 1000 Tonnen. Auch bei den Äpfeln habe man vereinzelt schon Schäden gefunden, sagt er.

David Szalatnay, Fachstelle Obst am Strickhof, berichtet von regional sehr unterschiedlichen Schäden im Kanton Zürich: "Diese reichen von wenigen Prozent befallenen Früchten bis zu Totalausfällen bei einigen Sortenblöcken." Auch im Kanton St. Gallen gibt es dieses Jahr mehr Schäden als noch 2018. Laut Richard Hollenstein, Fachstellenleiter Obst am LZSG, liegen diese im ein- bis zweistelligen Bereich. Erst kürzlich ist er durch den ganzen Kanton gefahren und hat sich ein Bild von der Situation gemacht.

Nebst den Birnen und vereinzelt den Äpfeln haben auch Gemüseproduzenten Einbussen wegen der marmorierten Baumwanze zu beklagen. Szalatnay sagt: "Am stärksten betroffen sind Gewächshauskulturen wie Gurken oder Peperoni." Einige Gemüseproduzenten mussten bereits die Produktion von Gewächshauskulturen frühzeitig beenden. Dort sind die finanziellen Einbussen enorm.

Mehr Wanzen in Siedlungsnähe

Während die marmorierte Baumwanze letztes Jahr höchstens vereinzelt gefunden wurde, sind die Zahlen dieses Jahr förmlich explodiert. David Szalatnay erklärt sich das so: "2018 konnte die marmorierte Baumwanze zwei komplette Generationen bilden. Dadurch haben sehr viele adulte Tiere überwintert. Diese konnten sich dieses Jahr ebenfalls gut entwickeln."

Auffallend ist – und das bestätigen die drei Obstbauexperten unabhängig voneinander – dass der Druck in Anlagen in Siedlungsnähe deutlich höher ist. "Die Wanzen beginnen sich zuerst in und um die Städte auszubreiten, jetzt erobern sie auch die ländlichen Gebiete", stellt Szalatnay fest.

Keine direkte Bekämpfung möglich

Das Schlimmste für die Bauern ist, dass sie die marmorierte Baumwanze nicht direkt bekämpfen können. Der Schädling hat zwar einen natürlichen Feind, die Samurai-Schlupfwespe, und die hat man auch schon in der Schweiz gefunden. Allerdings darf die Samurai-Schlupfwespe Stand heute nicht ausgesetzt werden, da sie – wie die marmorierte Baumwanze – eine gebietsfremde Art ist.

Beim BBZ Arenenberg konzentriert man sich deshalb auf einen Mix von Massnahmen. Mit dem Einnetzen kann man schon viel erreichen, allerdings muss das erfolgen, bevor die Wanze in der Anlage ist. Im Rahmen eines Monitorings hat man beim BBZ Arenenberg auch schon Versuche mit Fallen gemacht. "Die Wanzen wurden zwar vom Duftstoff angelockt, kletterten aber wieder aus der Falle", schildert Urs Müller. Im nächsten Frühling werde man daher Versuche mit Klebefallen machen.

Rasches Handeln erforderlich

Die explosionsartige Ausbreitung der Wanzen innerhalb eines Jahres und die schwierige Bekämpfung erfordern ein rasches Handeln. Richard Hollenstein stellt klar: "Wir müssen die Forschung jetzt rasch hochfahren und die nötigen Ressourcen zur Verfügung stellen." Damit meint er das erforderliche Personal und Geld, das die Politik für die Forschung sprechen müsse.

Diskutieren müsse man auch über eine künftige Freilassung für die Samurai-Schlupfwespe durch die Bundesbehörden, bekräftigen David Szalatnay und Urs Müller. "Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass die Samurai-Schlupfwespe eine wichtige Hilfe zur Dezimierung der marmorierten Baumwanze leisten wird", sagt Szalatnay. Auf lange Sicht werde sich die Samurai-Schlupfwespe ohnehin in der Schweiz ausbreiten und all ihre positiven und potenziell negativen Auswirkungen entfalten.

Ein invasiver Schädling

Die marmorierte Baumwanze stammt ursprünglich aus Ostasien. Sie ist in der Grundfarbe ockerfarben, mit zahlreichen dichtsitzenden schwarzen Punkten. An landwirtschaftlichen Kulturen wie Obst und Gemüse verursacht sie Schäden durch das Besaugen der Früchte und Fruchtanlagen. Die Früchte und Gemüse werden deformiert und verfärben sich. Die Ware kann zwar noch problemlos gegessen, jedoch nicht mehr verkauft werden.

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