«Wir konnten bisher nirgends deklarieren, was wir auf unserem Golfplatz schon alles für die Natur gemacht haben», sagt Ian Gibbons. Er ist Geschäftsführer der Golf Lipperswil AG im Kanton Thurgau. Bereits vor zwei Jahren wurde der Golfclub von der international tätigen Non-Profit-Golf-Environment-Organisation «GEO» als siebte Golfanlage in der Schweiz für nachhaltigen Golfbetrieb zertifiziert. Mittlerweile haben 20 der 98 Schweizer Golfanlagen das GEO-Label und 33 Clubs sind bereits für eine Zertifizierung registriert.
Leitplanke für Nachhaltigkeit
Weil man mittlerweile in vielen Bereichen mit dem Thema Nachhaltigkeit konfrontiert wird, war es für Ian Gibbons wichtig, dass der Club früh dabei war. Das Zertifikat sei sicher ein Image-Gewinn und es entstehe auch ein Mehrwert. Dieser sei allerdings nicht messbar. «Das GEO-Label ist bei fast jeder unserer Entscheidungen auch eine gedankliche Leitplanke bezüglich der Nachhaltigkeit», erklärt er.
Die Vergabe des Labels umfasst die Bereiche Natur, Ressourcen und Gemeinschaft. Bei der Begutachtung werden das Ökosystem der Tier- und Pflanzenwelt, wie auch die Bewirtschaftung und Betriebsführung des Platzes genau unter die Lupe genommen. Die Zertifizierung ist ein fortlaufender Prozess, wobei jedes Jahr drei neue Highlights realisiert werden sollten. Eine Naturschutzkommission, in der auch die Naturschutzverbände WWF und Pro Natura vertreten sind, beschliesst jährlich gewisse Ökomassnahmen, die im Folgejahr umgesetzt werden.
Zurzeit wird auch eine GEO-Kommission mit verantwortlichen Mitarbeitern und jeweils einem Club- und Vorstandsmitglied gegründet, damit die Kommunikation verbessert wird. Gibbons bemerkt, dass die Mitglieder die Zertifizierung nur punktuell wahrnehmen und einige das Label durchaus auch kritisch bewerten. «Insbesondere, wenn ein Ball in der Prärie landet, die nicht mehr gemäht wird», sagt der Geschäftsführer.

Bio-Golfplatz bleibt Vision
Adrian Schwarz war schon vor der Zertifizierung bemüht, Pflanzenschutz- und Stärkungsmittel so weit wie möglich zu reduzieren. Der Head-Greenkeeper erklärt, dass vor 20 Jahren pro «Green» noch eine Jahresmenge von bis 40 g Rein-Stickstoff aufgebracht wurde. Mittlerweile konnte die Stickstoffzugabe mit 12 g pro Jahr auf über die Hälfte reduziert werden.
Von der Gesamtfläche werden nur etwa ein Viertel gedüngt und rund zwei Hektaren intensiv mit Pflanzenschutzmittel behandelt. Unkraut wird teilweise ausgehackt. Für Schwarz sind die Pilzerkrankungen das grösste Problem. Das Gras ist umso anfälliger, je tiefer es geschnitten wird. Auf neun Spielbahnen verzichtete er 1,5 Jahre lang auf Pflanzenschutzmittel und arbeitete mit organischen und mineralischen Produkten wie Brennnessel- und Algenpräparaten.
«Wir gingen so weit, bis wir an die Grenzen kamen und etwas anderes machen mussten», sagt Schwarz und bemerkt, dass biologische Mittel eine gewisse Zeit für die Umsetzung brauchen. Es fehlen aber auch noch Alternativen an biologischen Mitteln, die wirklich funktionieren. «Wenn die Golfer erwarten, dass die Greens auf zweieinhalb Millimeter geschnitten werden und die Bälle so laufen wie im Fernsehen, dann ist es ohne chemische Pflanzenschutzmittel nicht machbar», ergänzt Ian Gibbons.
Sparsamer Umgang mit Wasser
Einen weiteren Schwerpunkt legt der Platzchef auf die Einsparung der Wasserressourcen. Obwohl der gesamte Spielparcours mit einer automatischen Bewässerung ausgerüstet ist und der Golfclub überschüssiges Wasser aus den umliegenden Bächen entnehmen darf, wird auf die Bewässerung der Spielbahnen (Fairways) grösstenteils verzichtet. «In trockenen Jahren müssen wir das Wasser über die Wasseruhr der Gemeinde beziehen», sagt der Geschäftsführer, der einen vernünftigen Umgang mit allen Ressourcen fordert.
Eigenes Apfelsaft-Projekt
Auf der 100 Hektaren grossen Anlage wird jeweils ein Drittel der Fläche intensiv und extensiv bewirtschaftet sowie ein Drittel naturnah belassen. Die naturnahen Flächen werden von den hiesigen Bauern maximal zweimal jährlich gemäht. «Das ist für beide Seiten eine Win-Win-Situation», sagt Ian Gibbons. Die Bauern bekommen das Schnittgut zur Tierfütterung und der Golfclub profitiert von den Magerwiesen, die dadurch entstehen. «Das fördert die Biodiversität und der Platz wird bunter», sagt der Präsident.
Als Lebensräume für Klein- und Kleinstlebewesen wurden Biotope, Trockenmauern und Kleinstrukturen angelegt. Zusammen mit der Naturschutzkommission wurde eine Biodiversitäts-Analyse mit periodischen Erfolgskontrollen erstellt. Die Artenvielfalt von Fauna und Flora hat seit dem Bau der Anlage kontinuierlich zugenommen, bis sie irgendwann abgeflacht ist. Von Anfang an wurden etwa 400 einheimische Bäume gepflanzt, wovon ein Grossteil Apfelbäume sind.
Seit 2017 läuft zusammen mit der Firma Gartengold und der Institution Valida St. Gallen ein spezielles Apfelbaum-Projekt. Dabei werden die Äpfel von Menschen mit Handicap gesammelt und Apfelsaft daraus gemacht, den der Golfclub abkauft und im Restaurant vertreibt. Im Winter 2023 sollen mit Unterstützung der Stiftung Pro Specie Rara 15 Obstsorten gepflanzt werden, die auf der Roten Liste der bedrohten Sorten stehen.
Greenkeeper mit fundierter Ausbildung
Adrian Schwarz bemerkt, dass die Pflege vom Golfplatz nicht von den Bauern übernommen werden kann. Der Greenkeeper braucht eine fundierte Ausbildung und spezielle Platzpflegemaschinen, um den Anforderungen der Golfer gerecht zu werden. Die Rasenmäher für die Spezialflächen sind bereits Hybridmäher und die Caddycars haben alle einen Elektroantrieb.
Sobald die Technik ausgereift ist, will der Club sukzessive auf Elektromaschinen umstellen. Als erste elektrisch betriebene Arbeitsmaschine wird in diesem Jahr ein «Green-Bügler» angeschafft. Obwohl die Bauern auf dem Golfplatz keine Lohnarbeit verrichten können, kommen sie durch die Golfpacht in den Genuss von einer gesicherten Einnahmequelle, die unabhängig von Wetter und gesetzlichen Entscheidungen ist.

