Gruyère AOP ist mit Abstand die wichtigste Käsesorte auf dem Schweizer Markt und im Export. Im Gespräch äussert sich der langjährige Direktor der Interprofession du Gruyère (IPG), Philippe Bardet über Erfolge und Herausforderungen.
Herr Bardet, im Export gab es ein Plus von knapp 7 Prozent 2021; wo konnten Sie zulegen?
Philippe Bardet: Erfreulicherweise konnten wir in den USA stark zulegen, das zeigt, dass man auch dort bereit war, in Covid-Zeiten mehr Geld für guten Käse im Privatkonsum auszugeben, denn Gruyère ist nicht günstig in den USA. Geholfen hat uns auch die gute Distribution unserer Exporteure. Wir ernten die Früchte der Arbeit der letzten 10 Jahre.[IMG 2]
Wie lief es auf den europäischen Märkten?
In Deutschland haben wir auf hohem Niveau leicht verloren. In Frankreich konnten wir nach rückläufigen Jahren wieder zulegen, das ist ein gutes Zeichen. Sehr gut lief es auch in Benelux und Grossbritannien. Der Brexit hatte keine negativen Auswirkungen. Auch in Skandinavien konnten wir besser abschliessen.
Gab es auch Probleme?
Probleme würde ich nicht sagen, eher ist es so, dass langjährig schwierige Märkte wie Italien etwas besser gelaufen sind. In Asien sehen wir, dass das Potenzial mit Ausnahme von Japan beschränkt ist. Wir hätten allgemein teilweise mehr verkaufen können, wenn wir mehr Ware an Lager gehabt hätten. Das liegt nicht an der Logistik, sondern an der Produktionsmenge. Wir hatten oft zu wenig reife Ware im Bereich zwischen 10 und 15 Monaten.
Gilt das auch für das Inland?
Hier ging der Absatz nach einem sehr guten Jahr 2020 im letzten Jahr wieder etwas zurück. Wir hatten aber auch im Inland teilweise knapp Ware, deshalb haben z. B. Migros und Coop weniger Aktionen gemacht.
Soll die Produktion weiter gesteigert werden?
Wir haben die Produktionsmenge seit dem Jahr 2000 um 8 Prozent gesteigert und stehen heute bei rund 34 000 Tonnen. Aber ich bin nicht sicher, ob das Wachstum im gleichen Ausmass weitergeht. Wir haben deshalb die geplante Produktionsmenge für 2022 vorläufig um fix 3 Prozent erhöht, bis Mitte des Jahres entscheiden wir, ob es 5 Prozent sein werden.
Vacherin Fribourgeois hat vor Kurzem den Melkroboter aktiv zugelassen, ist das für Gruyère ein Nachteil?
Der Vacherin Fribourgeois ist ein guter Mischungspartner für Gruyère im Fondue, aber es ist ein anderer Käse – thermisiert und grossteils für eine Lagerdauer von nur 2–3 Monaten vorgesehen. Deshalb ist die Situation nicht vergleichbar. Untersuchungen von Agroscope zeigen, dass die Problematik mit der Ranzigkeit unverändert besteht. Der Entscheid für das Roboterverbot, den wir vor 10 Jahren gefällt haben, bleibt richtig.
Sind jetzt alle Gruyère-Milchbetriebe Roboter-frei?
Nein, noch nicht ganz. Die Frist läuft noch bis Mitte Jahr. Es sind noch etwa acht Betriebe, die entweder die Sorte oder ihr Melksystem wechseln. Es gibt deshalb immer noch einige Diskussionen und auch Lobbying von den Melktechnik-Anbietern. Mit einem Melkroboter hat man auch viele Alarme auf dem Telefon.
Wo stehen Sie mit den Diskussionen um weitere Verschärfungen, z. B. Grössenbegrenzung der Milchbetriebe?
Wir haben Ende November aufgrund eines DV-Beschlusses festgelegt, dass pro Betrieb eine Gesamtmenge von maximal 1,3 Mio kg Milch produziert werden darf. Der Durchschnitt liegt derzeit bei etwa 300 000 kg pro Betrieb. Es gibt Mitglieder, die sagen, dass diese Limite nicht akzeptierbar ist. Aber wir stehen dazu. Weitere Artikel im Pflichtenheft besagen, dass pro Käserei maximal 4 Mio kg verarbeitet werden dürfen und dass kein Produzent mehr als einen Drittel der Menge liefern darf, deshalb ist die Mengenbegrenzung auf diesem Niveau folgerichtig.
Sind die Gruyère-Produzenten zufrieden mit dem Milchpreis?
Wir stehen derzeit bei 88,48 Rp./kg. Bei Bio haben wir den Käsepreis so angepasst, dass es etwa 5 Rp. Steigerung pro kg Milch ausmacht. Bei Bio sind die Bauern meiner Meinung nach zufrieden. Aber die konventionellen Produzenten sind teilweise unzufrieden, auch wegen der Vorschriften im Pflichtenheft.
Sorgt das bei ihnen für Verstimmung?
Manchmal ist das für mich tatsächlich ein Problem, wir haben gute Preise, und ich denke, unsere Anstrengungen werden nicht immer honoriert.
Sie werden ja noch drei Jahre Geschäftsführer bleiben, ist die Nachfolge schon geregelt?
Nein, das wird die Aufgabe des neuen Präsidenten sein. Allenfalls braucht es auch eine Neuorganisation der Interproféssion.
Neuer Präsident für die Sortenorganisation
Mitte Jahr übernimmt Pierre-Ivan Guyot (63) vorbehaltlich der Wahl durch die DV das Präsidium der Interprofession du Gruyère (IPG). Guyot war bis 2012 Direktor der Käsehandelsfirma Fromco und gleichzeitig im Vorstand der IPG. Seit 2013 ist der ETH-Agronom Chef des neuenburgischen Landwirtschaftsamts. Er folgt als IPG-Präsident auf den früheren Elsa-Mifroma-Direktor Oswald Kessler.

