Wie lange dauert der Martinisommer in diesem Jahr?

Jedes Jahr gibt es Anfang November um den Martinstag herum eine milde Periode. Wie entwickelt sich dieses Phänomen 2022?

Zum Martinstag, dem 11. November, herrscht dieses Jahr hochdruckbestimmtes Wetter in der Schweiz. So ganz zufällig ist dies nicht, denn stabile Hochdruckphasen um den Martinstag herum sind verhältnismässig häufig zu beobachten und werden allgemein als Martinisommer bezeichnet. Der Martinisommer ist also dieses Jahr ein Volltreffer – doch ist es nur ein Sömmerchen von einigen wenigen Tagen oder eine weitere lang andauernde Hochdruckphase? Was sagen die mittelfristigen Prognosen und wie zuverlässig sind sie?

Oben ist's schön, unten gibt's Nebel

Der Martinisommer ist eine sogenannte meteorologische Singularität, also ein Wetterphänomen, das zu bestimmten Tagen mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit auftritt. Dabei war die Trefferquote dieser Schönwetterphase um den Martinstag in den letzten Jahren sehr hoch, die Jahre 2020, 2021 und nun 2022 wiesen alle trockenes und relativ mildes Wetter um den Martinstag herum auf. Da wir uns bereits im November befinden, muss Hochdruckeinfluss jedoch nicht zwangsläufig überall sonniges und warmes Wetter bedeuten, im Gegenteil. In der Regel profitieren vom Martinisommer vor allem die höher gelegenen Regionen, während im Mittelland Nebel oder Hochnebel dominieren können.

Auch der diesjährige Martinisommer macht seinem Namen primär in den höheren Lagen ab etwa 1000 Metern alle Ehre: Die Nullgradgrenze befindet sich am Martinstag auf knapp 4000 Metern, dazu herrscht in der Höhe sehr sonniges Wetter, während es im Mittelland mit Hochnebel und knapp 10 Grad ungewohnt grau und eher kühl bleibt – zumindest im Vergleich zu den letzten Wochen.

Heuer wohl nur ein Sömmerchen

Doch der Martinisommer betrifft vielfach nicht nur den Martinstag. In den letzten Jahren zeigte sich der Martinisommer teilweise auch als lang andauernde Hochdruckphase. Dieses Jahr scheint das jedoch etwas anders zu sein. Denn das Hochdruckgebiet, das den aktuellen Martinisommer verantwortet, verlagert sich relativ bald in den Balkan. Dies löst über dem Alpenkamm eine latente Tendenz zu Südföhn aus, während sich zu Beginn der nächsten Woche wieder neue Tiefdruckgebiete über dem Atlantik und Westeuropa formieren können.

Auch über dem Mittelmeer bewegt sich ein Tiefdruckgebiet um das Balkanhoch herum und könnte somit die Schweiz zumindest kurzfristig ebenfalls beeinflussen; mit dieser Ausgangslage scheint es eher unwahrscheinlich, dass sich der Martinisommer hartnäckig über der Schweiz festsetzt. Die Bezeichnung Martinisömmerchen ist also wohl dieses Jahr etwas zutreffender.

Mittelfristig wohl Südföhn

Doch was kann man sonst zur Monatsmitte und darüber hinaus vom Wetter erwarten? Mit der beschriebenen Ausgangslage scheint die mittel- und langfristige Prognose für die Schweiz auf der Kippe zu stehen. Denn es gibt verschiedene Anzeichen in der Modellwelt, dass das Balkanhoch, das sich nach dem Martinstag etabliert, durchaus hartnäckig ist und über weite Strecken des Novembers über Osteuropa ortsfest bleibt. Über dem Atlantik hingegen scheint die Tiefdruckaktivität zumindest zur Monatsmitte erhöht zu sein.

Doch beim Zug vom Atlantik nach Europa werden diese Tiefdruckgebiete, die für die typischen Herbst- und Winterstürme verantwortlich sind, spätestens über Mitteleuropa vom Hoch im Osten blockiert und müssen nach Norden oder Süden ausweichen. Die Schweiz liegt damit am Grenzbereich zwischen dem blockierenden Hoch im Osten und den Tiefdruckgebieten, die aus Westen aufziehen und dann abgelenkt werden. Dies bedeutet, dass eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für Südföhnlagen besteht.

Ein warmer November?

Auch die Frontalzonen, die sich mit den Tiefdruckgebieten bewegen, werden durch das blockierende Hoch abgelenkt und sind damit in der Schweiz weniger wetteraktiv; die kalte Luft aus Nordwesten kann nicht recht in den Alpenraum vordringen.Dieses Muster mit einem Wechsel aus Föhnlagen mit trockenem und lokal mildem Wetter und streifenden Frontalzonen, die mal mehr, mal weniger Niederschlag bringen, scheint dementsprechend das wahrscheinlichste Szenario für die zweite Novemberhälfte zu sein. Die Modellrechnungen gehen daher von einer überdurchschnittlich warmen und eher trockenen Witterung für den restlichen November aus.

Die Unsicherheiten, die mit dieser Grosswetterlage verbunden sind, sind jedoch nicht zu unterschätzen. Verschiebt sich das blockierende Hoch im Osten nur wenig weiter nach Norden oder Süden, so kann dies die Zugbahn der atlantischen Tiefdruckgebiete massiv beeinflussen; nur kleine Änderungen im Osten können somit grosse Auswirkungen für das Wetter in der Schweiz haben – es bleibt also spannend.

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