Wer Chabis isst, ist alles andere als dumm

Ernährung sollte regional und saisonal sein. Um das herauszufinden, braucht es doch keine umfangreichen Ernährungsstudien, findet unsere Autorin.

Vor dem Schreiben dieser Zeilen hat es bei uns auf dem Blomberg Blutwurst, Sauerkraut und Öpfelmues zum Zmittag gegeben. Die Blutwurst habe ich weggelassen, dafür aber eine doppelte Portion Sauerkraut vertilgt, herrlich. Das kann ich aber nur machen, wenn ich anschlies­send keine öffentlichen Verpflichtungen habe, denn das Konzertieren meiner Därme möchte ich niemandem zumuten. Hauptsache gesund, sage ich mir, denn Sauerkraut ist ein ausgezeichneter regionaler Vitamin-C-Lieferant.

Sauerkraut verschonte vor Skorbut

In meiner Häfelischülerzeit gabs in fast jedem Haushalt einen mit Sauerkraut gefüllten Steinguttopf. Aufgetischt wurde das Kraut mindestens einmal wöchentlich während der Winterzeit. Chabis und Chöhl gabs damals in jedem Hausgarten, es war das 3-G-Gemüse der Babyboomerzeit: «gsund, guet, günstig». Von Grossmutters Erzählungen weiss man auch, dass Sauerkraut die Seefahrer vor Skorbut verschont hat. Da fragt man sich schon, woher die Ausdrücke «So en Chabis» oder «Isch das en Chabis­chopf» stammen. Denn, wer Chabis isst, ist alles andere als dumm. Doch andersrum gefragt, weiss denn die heutige Gesellschaft überhaupt noch, was gesunde, regionale und saisonale Ernährung ist?

Als es im Frühjahr hiess, dass hundert per Los ausgewählte Personen ab Mitte Juni darüber diskutieren, wie die Ernährungspolitik der Schweiz nachhaltiger und krisenresistenter werden kann, habe ich gesagt: «So en Chabis.» Da hiess es nämlich, dass von den Gesamtprojektkosten in Höhe von rund 1,3 Millionen Franken knapp 400'000 Franken Staatsgelder sind. Im Wissen, dass die ETH bereits 2014/2015 eine SES-Studie (Schweizer Ernährungssystem) unter Einbezug verschiedenster Interessengruppen entlang der Wertschöpfungskette gemacht hat, ist das «So en Chabis» irgendwie schon gerechtfertigt.

Kommt als nächstens eine neue Ernährungs-Initiative?

Chabis hin oder her, der sogenannte Bürgerinnenrat für Ernährungspolitik hat diesen Montag zur Medienkonferenz eingeladen und einige Projektteilnehmer(innen) haben aus dem Nähkästchen geplaudert. Die 71-jährige Bergbäuerin Nadja hat es auf den Punkt gebracht: Man muss sich regional und saisonal ernähren. Die 23-jährige Studentin Tamara hatte sich vor dieser Projektarbeit nicht näher mit Ernährung befasst und war vom Lernausflug zu einem Gemüsebauern tief beeindruckt. Weitere Voten gingen in die gleiche Richtung. Die Journalisten erhielten eine 160-seitige dreisprachige Liste mit Ansätzen auf allen Stufen der Wertschöpfungskette. Die Begeisterung ob dem vielen Papier hielt sich beim schreibenden Volk verständlicherweise in Grenzen. Am 2. März 2023 findet dazu der erste Schweizer Ernährungssystem-Gipfel statt, an welchem die Empfehlungen an Verwaltung, Politik und Praxis übergeben werden.

Was darauf folgt, das wissen die Götter. Vermutlich eine neue Ernährungs-Initiative oder sonst «en Chabis». Dabei wäre es doch so einfach, so einfach, wie Chabis-Setzlinge zu setzen und zu pflegen. Wieder Schulgärten anzulegen und mehr Schul- und Erziehungszeit zu investieren in die Themen Natur, Ernährung und (restlose) Lebensmittelverarbeitung. Denn «was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr».

Zur Person

Virginia Stoll ist Sekretärin des Schaffhauser Bauernverbands. Sie schreibt regelmässig für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.