Die Türe zum Alpstall öffnet sich. Heraus tritt Karl Brander. Soeben hat der Älpler der Alp Rotstein einige Rinder in den kühlen Schatten gelassen. Kaum ein Bimbeln ist zu vernehmen, was erahnen lässt, dass sich die Tiere hingelegt haben und ihr Futter wiederkauen. «Dort im Stall sind sie vor Fliegen und Brämen geschützt. Wobei nur jene Tiere eingestallt werden, welche von sich aus zum Alpstall kommen», erklärt Marie Brander. Die Älplerin vom Rotstein hat den Besuch schon von Weitem zur Hütte emporsteigen gesehen und geht, freundlich lächelnd, auf die Gäste zu. Das Älplerpaar Marie und Karl Brander wacht in diesem Jahr zum 20. Mal auf der Alp Rotstein ob Ricken über das Vieh.
Ein eingespieltes Team
Das Ehepaar ist den ganzen Sommer über für das Wohl von knapp 90 Rindern zuständig. Auch einige Galtkühe sind mit dabei. Schnell wird klar, Karl und Marie Brander sind ein eingespieltes Team. «Beide sind mit Leib und Seele Älpler», wirft Urs Müller ein. Er ist der Präsident der Alpgenossenschaft Ernetschwil, welche die Eigentümerin der Alp ist. In den 20 Sommern, in denen Karl und Maria Brander bei der Alpgenossenschaft unter Vertrag stehen, haben sie einiges erlebt. «Im Jahr 2006 ist unmittelbar nach der Alpauffahrt der Winter eingebrochen. Sechs Tage galt es Heu zu füttern», erinnert sich Karl Brander. Eine Zeit lang habe man gar gemunkelt, wenn der Rotstein die Alpauffahrt ansagt, ändere sich das Wetter – natürlich nicht zum Guten. Anders war die Situation in den Hitzesommern. Da wurde das Wasser derart knapp, dass es in Tanks mit dem Terra Trac hochgebracht werden musste.
Längst haben die beiden ihre Gäste in die Alphütte geladen. Am grossen Holztisch sitzend tauchen sie immer tiefer in die vergangenen Jahre ein. Das grosse Ziel sei jeden Alpsommer dasselbe: «Wir möchten im Herbst alle Tiere wieder gesund nach Hause schicken», sagt Marie Brander. Ein Vorhaben, das nicht immer gelang. Tiere sind Lebewesen. Sie können erkranken und hin und wieder stürzt auch eines unglücklich.
Einmal fehlte ein Rind
Einmal habe ihm beim Durchzählen ein Rind gefehlt, erzählt der Älpler. Er habe überall gesucht, sei den ganzen Zaun abgelaufen. Doch keine defekte Stelle verriet, wo das Tier hätte abstürzen können. Am Ende sei es 150 Meter weiter unten gelegen. «Es muss bei seinem Sturz irgendwie unter dem Zaun durchgerollt sein, ohne diesen zu beschädigen.» Wie das möglich war, kann sich Karl Brander bis heute nicht erklären. Viele Jahre nach dem Vorfall ist ihm die Sorge um dieses Tier noch immer ins Gesicht geschrieben. Alppräsident Urs Müller betont: «Die beiden sind äusserst zuverlässig. Sie kümmern sich mit grossem Einsatz um das Vieh, tragen gleichzeitig auch Sorge zur Alp.» So entfernen sie regelmässig das Unkraut, damit mehr Gras für die Tiere im Angebot steht.
Ein lachendes und ein weinendes Auge
Bereits jetzt wissen die Alpbesitzer, dass Marie und Karl Brander in diesem Herbst das Vieh zum letzten Mal ins Tal begleiten werden. Es sind die schwindenden Kräfte, die sie zu diesem Schritt zwingen. Beide sind 76-Jährig. «Mit einem lachenden und einem weinenden Auge heisst es Abschied nehmen», versichert Marie Brander. Sie, die bereits als junges Mädchen z Alp ging, dort gar von Hand die Kühe gemolken hatte, genoss die Zeit hoch über dem Alltag jeweils sehr und wird sie entsprechend vermissen. Karl Brander ist ebenfalls ein Älpler durch und durch. Auch er verpflichtete sich bereits in ledigen Zeiten als Rinderhirt. Das Schicksal führte übrigens beide auf Nachbarsalpen, was ihnen das Kennenlernen ermöglichte. Die Heirat und sieben Kinder folgten. So werden Alpgeschichten geschrieben.
Etwas mehr Freizeit
Es liegt auf der Hand, dass Marie und Karl Brander nach ihrem letzten Alpsommer nicht einfach in den Ruhestand wechseln. Sie werden vielmehr daheim in Hoffeld im Neckertal der jüngeren Generation auf dem Landwirtschaftsbetrieb helfen. Etwas mehr Freizeit gehört aber schon dazu. So dass sie vielleicht auch in den künftigen Sommermonaten hin und wieder auf der Alp Rotstein ob Ricken anzutreffen sind. Als Besucher, wohlbemerkt.

