Kleider machen Ziegen: Die Pullover-Geissen von Varanasi

In Indien tragen die Ziegen teilweise Menschenkleider. Der Künstler Filip Haag hat sie fotografiert und versuchte die Gründe für den vierbeinigen Modetrend zu eruieren.

Der Berner Künstler Filip Haag (61) ist ein bekannter Landschaftsmaler. Die Landschaften zeichnet er aber nicht einfach ab, nein, er erfindet sie. Aber auch realen Landschaften ist er keineswegs abgeneigt, sei es in der Heimat oder in der Ferne. Just vor dem ersten Corona-Lockdown weilte er in Indien in einem 21/2-monatigen Atelierstipendium. Hier pflegte er auch andere Stärken, sei es die Herstellung von Skulpturen oder die Fotografie.

Die toten Kühe im heiligen Fluss

In Varanasi, wo er direkt am Ganges, dem heiligen Fluss der Hindus, wohnte, entstanden einige Fotoserien. Zu den Sujets gehörten etwa die vorbeischwimmenden Kühe. Diese sterben hier, weil sie ebenfalls heilig sind, eines natürlichen Todes und werden anschliessend dem Fluss übergeben sowie innerhalb eines Tages von den Fischen gefressen, wie Haag berichtet.

Angetan haben es ihm auch die Ziegen, denen er im Quartier täglich begegnete. Diese sind ihm aufgefallen, weil sie häufig bekleidet waren, sei es mit Pullovern, wie das Exemplar in diesem Bild, mit T-Shirts oder teilweise schlicht mit Jutesäcken. Diese Bilder hat Haag zu einem kleinen unterhaltsamen Bildband zusammengestellt.

Ist es die Hygiene oder die Kälte

Über die Gründe für die Bekleidung der Tiere hat sich Haag in der Umgebung allenthalben erkundigt, aber wirklich schlüssige Antworten erhielt er nicht. Jemand habe ihm gesagt, das habe hygienische Gründe. Allerdings wirkten die zerfetzten Kleider eher so, als hätten sie gegenteilige Wirkung, sagt Haag. Ein anderer Informant vermutete, das habe mit den kalten Nächten zu tun, wie sie im Winter am Ganges vorherrschen.

Wie dem auch sei, unbestritten ist der grosse Wert der Ziegen: «So eine Geiss ist für den Eigentümer ein Vermögen», hat Haag beobachtet. Spätestens bei der Schlachtung zahlt sich dieses aus. Deshalb werden die Tiere etwa mit Rüstabfällen gut gefüttert, wie Haag beobachtet hat. Oder sie bedienen sich gleich selber. Beliebt seidiesbezüglich der Strandabschnitt, wo täglich 300 Leichen verbrannt würden.

Trauerflor als bevorzugte Verpflegung

Der reichhaltige Trauerflor sei das bevorzugte Festmahl vieler Ziegen, berichtet Haag: «Viele fressen nur Blumen», sagt er, «hauptsächlich Tagetes».
Das Büchlein kann für Fr. 14.–(inkl. Porto) beim Autor bestellt werden.

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