Karin Oesch geniesst die gestalterische Freiheit im Wallis

Die ehemalige Geschäftsführerin der Berner Bauern ist definitiv im Wallis angekommen. Sie hat einige Pläne für die Walliser Landwirtschaft.

Schon bald jährt sich der Abgang von Karin Oesch beim Berner Bauernverband (BEBV). Der Austritt der ehemaligen Geschäftsführerin wurde auf Meinungsverschiedenheiten mit der Verbandsspitze zurückgeführt, «die zu gross sind, um die nötige Gesamtleistung für eine so wichtige Organisation erbringen zu können», hiess es damals in einer Medienmitteilung. Zuerst wurde Oeschs Kündigung bekanntgegeben, zehn Tage später folgte dann die Freistellung durch den Vorstand.

Auf eine weiterführende Kommunikation wurde verzichtet. Während sich der BEBV auf die Suche nach einer neuen Lösung machte – und diese schliesslich in einem dreiköpfigen Gremium fand – informierte der Kanton Wallis bereits im April 2024, dass Karin Oesch die Nachfolge von Moritz Schwery als Direktorin des Landwirtschaftszentrums Visp (LZV) antreten werde, das der Landwirtschaftsschule Wallis angegliedert ist. Im August startete Oesch schliesslich. Wir wollten von ihr wissen, wie es ihr seit dem Abgang beim BEBV ergangen ist und was sie im Wallis so aufzugleisen gedenkt.

Karin Oesch, Ihr Abgang beim Berner Bauernverband kam sehr plötzlich. Haben Sie diesen Wechsel gut verdaut?

Karin Oesch: Ja, sehr sogar. Das Schicksal meinte es gut mit mir und machte 2024 zu einem der besten Jahre für mich.

«Die nicht sehr geliebte Medienpräsenz hat auch Vorteile.»

Welche Lehren oder Erkenntnisse nehmen Sie aus dieser Zeit mit?

Das eigene Wohlbefinden und somit das Wohlbefinden der eigenen Familie an erste Stelle zu setzen ist immer richtig – der Job hat eine geringere Priorität. Weiter habe ich erfahren, dass die von mir oft nicht sehr geliebte Medienpräsenz auch Vorteile hat. Mir wurden Jobs angeboten, ich musste keinen suchen.

Wie haben Sie Ihren Start im Wallis erlebt?

Rasant, herzlich und sehr vielfältig.

Was hat Sie hier besonders beeindruckt oder überrascht?

Ich wurde als Bernerin sofort «adoptiert» und durfte von Anfang an ein Familienmitglied sein.

Sie haben vor der Geschäftsführungsposition zwölf Jahre lang für die Berufsbildung beim Berner Bauernverband gearbeitet. Welche Erfahrungen aus dieser Zeit helfen Ihnen nun in Visp?

Alles Wissen und Können, das ich mir in dieser Zeit angeeignet habe, kann ich hier verwenden. Die Herausforderungen sind betreffend Lehraufsicht, Qualitätssicherung etc. dieselben wie im Kanton Bern.

«Im Kanton Bern ist es gelungen, die Berufsbildner als Einheit zu stärken.»

Gibt es Ansätze, die Sie aus dieser Tätigkeit ins Oberwallis übertragen möchten?

Im Kanton Bern ist es gelungen, die Berufsbildnerinnen und Berufsbildner als Einheit zu stärken. So konnte die Ausbildungsqualität auf den Betrieben, aber auch in der Schule und den überbetrieblichen Kursen gesteigert werden. Das möchte ich auch hier erreichen.

Wie wollen Sie das konkret angehen? Können Sie uns ein Beispiel geben?

Die gemeinsame Definition einer hohen Ausbildungsqualität und der Massnahmen dazu sind der erste Schritt. Anschliessend braucht es jemanden, der dafür sorgt, dass die Massnahmen umgesetzt und die Leistungen kontrolliert und korrigiert werden. Das ist vor allem meine Aufgabe. Wichtig dabei ist, dass alle Involvierten die Fixpunkte kennen und die Motivation behalten. Das wird am besten durch aktive Kommunikation, Wertschätzung und Verlässlichkeit erreicht.

Was unterscheidet Ihre neue Aufgabe im Wallis von Ihrer bisherigen Tätigkeit?

Der Hauptunterschied findet sich in der Tatsache, dass ich nun ein Teil der Verwaltung bin und nicht mehr in der Privatwirtschaft arbeite. Weiter ist mein Job weniger politisch als vorher und ich geniesse inhaltlich viel mehr gestalterische Freiheit.

Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen und Chancen?

Herausfordernd ist der grosse Apparat, der oft nur langsam vorankommt. Die grössten Chancen sind die Leute, die am LZV, aber auch an den vorgesetzten Stellen arbeiten. Wir vertreten ähnliche Werte und haben dieselben Visionen.

Welche Ziele haben Sie sich für das Landwirtschaftliche Zentrum Visp gesetzt?

Den positiven «Groove» untereinander, der auch von meinem Vorgänger geprägt und gelebt wurde, den will ich unbedingt weiterpflegen. In den nächsten Jahren werden wir am Angebot und der Ausstrahlung arbeiten.

Was möchten Sie hier anders machen oder neu aufbauen?

Die Ausbildung im Bereich Hauswirtschaft und Ernährung möchte ich gerne fördern. Wenn wir die Landwirtschaft im Oberwallis langfristig erhalten wollen, gehört dieser Bereich unbedingt dazu.

Können Sie dazu etwas Konkretes sagen?

Es ist ein Ziel von mir, dass wir Kurse bzw. Module im Bereich Hauswirtschaft und Betriebswirtschaft auf verschiedenen Stufen anbieten können. Ich denke da an Teile der Bäuerinnenausbildung, aber auch an Kurse wie etwa Nahrungsmittelkonservierung für Personen ohne bäuerlichen Hintergrund.

Welche Angebote bietet das Landwirtschaftliche Zentrum den Bäuerinnen und Bauern an?

Am Landwirtschaftszentrum bilden wir Landwirtinnen und Landwirte EFZ aus. Aufgrund unserer Grösse können wir die Ausbildung «Betriebsleiter – Meisterlandwirtin» nicht jährlich anbieten. Wir sind jedoch auch hier bestrebt, diesen Ausbildungslehrgang in regelmässigen Abständen durchzuführen. Den Weiterbildungskurs zur Erlangung der Direktzahlungsberechtigung bieten wir immer an (weiteres Angebot siehe Kasten unten, Anm. d. Red.).

Und wie sieht es beim Attest aus?

Es ist möglich, den praktischen Teil der Attestausbildung bei uns zu machen. Die Berufsfachschule muss ausserkantonal besucht werden. Unser Einzugsgebiet ist zu klein, um eine eigene Attestklasse zu führen.

Das Oberwallis ist stark geprägt von der Berglandwirtschaft. Wie möchten Sie diese speziell unterstützen?

Mit angepassten Bildungsangeboten, die zeitgemäss und praktikabel sind. Dazu braucht es Lehrkräfte sowie Beraterinnen und Berater, die die Gegebenheiten persönlich kennen.

Welche Massnahmen oder Projekte haben Sie für die Bergbauernbetriebe im Fokus?

Wir sind daran, verschiedene Ideen weiterzuentwickeln. Es geht um überbetriebliche Zusammenarbeit, Schafhirtenausbildung und Ausbildungsqualität allgemein.

Gibt es spezifische Themen oder Bereiche, die Sie als Direktorin anpacken möchten?

Ja, die gibt es. Wir werden im Bereich Kommunikation und Direktvermarktung Gas geben. Im Sommer soll ein neuer Lehrgang Betriebsleiterschule gestartet werden. Weiter muss in die Infrastruktur investiert werden, damit das Kurswesen ausgebaut werden kann. Und wie gesagt, die Hauswirtschaft soll einen echten Platz bekommen.

Wie möchten Sie denn die Zusammenarbeit mit den Walliser Landwirtinnen und Landwirten gestalten?

Nicht anders als im Kanton Bern. Die Betriebe besuchen und zuhören. Hand bieten, aber auch fordern. Und dann gemeinsam ein Ziel bestimmen und dieses verfolgen.

Was ist Ihnen im Dialog mit den bäuerlichen Betrieben besonders wichtig?

Dass wir auf Augenhöhe diskutieren und einander mit Respekt und Wertschätzung begegnen.

Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Arbeit?

Ich arbeite für die Land- und Ernährungswirtschaft, eine sehr sinnvolle Aufgabe also. Zudem machen mir die grosse Abwechslung und die Zusammenarbeit mit dem Team, aber auch mit den Bäuerinnen und Bauern Freude.

Woher nehmen Sie die Energie und Inspiration für diese Aufgabe?

Die Energie dazu gibt mir meine Familie, die Inspiration hole ich mir auf dem Rennrad oder beim Stricken.

Angebote am Landwirtschaftszentrum

Das Landwirtschaftszentrum Visp ist Kompetenzzentrum für Kleinwiederkäuer. Deshalb sind im Kursangebot folgende Kurse zu finden:

  • Schafhirtenausbildung: Modul 1 «Am Berg mit Schaf und Hund»
  • Schafhirtenausbildung: Modul 4 «Weideführung auf der Alp»
  • Spezifische Kurse für Schaf- und Ziegenhalter in Zusammenarbeit mit dem Beratungsdienst für Kleinwiederkäuer (BGK)
  • Sachkundenachweise
  • Daneben stehen weitere Kurse an, wie:
  • Buchhaltungskurse
  • Klauenpflege
  • Neophyten erkennen und bekämpfen
  • Kurse für die Herstellung von Schaf- und Ziegenkäse
  • Alpsennkurs
  • Schnittkurse für Obstbäume
  • Bio-Einführungskurse
  • Kastrationskurse
  • Kurse über Pferdegesundheit
  • Fachbewilligung für die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft und im Gartenbau
  • Einführungskurs ÖLN