Zu Hause an der Wand hängt ein alter Leinensack, bedruckt mit «Jb. Stark in Aspenreuti 1877». In meiner Jugend auf dem elterlichen Hof im thurgauischen Aspenreuti haben wir unsere gefüllten Obstkörbe noch in solche Säcke geleert. Waren genügend Säcke voll, fuhr Vater mit Traktor und Wagen den Sackreihen nach und zu dritt haben Vater, Bruder und ich schöne hohe Sackbeigen auf den Wagen geladen.

Das war in den 1960er- und 1970er-Jahren, als noch alle Mostäpfel und -birnen von Hand aufgelesen wurden, sodass wir Kinder und Jugendlichen im Herbst immer gut beschäftigt waren. In der Schule hatten wir extra fünf Wochen Herbstferien, um bei der Obsternte mitzuwirken. Arbeitsame Zeiten, aber erfüllt von der gemeinsamen Tätigkeit und familiärer Gemeinschaft, wo es oft fröhlich und manchmal auch turbulent zu und her ging.
Aber zurück zum bedruckten Sack aus dem Jahre 1877. Ich habe ihn später als Erinnerung mitnehmen dürfen, aber auch als eindrücklichen Beleg der landwirtschaftlichen Entwicklung. Denn dieser Sack ist, wie mir mein Vater erklärte, ein «Ledi-Sack» und wurde früher für den Export von Obst, vermutlich vor allem Birnen, nach Süddeutschland benutzt.
Bekannt sind bis heute die Ledi-Schiffe, mit denen man Lasten auf dem See transportiert(e). Auf dem Zürichsee ist ein Ledischiff zu einem Ausflugsschiff umgerüstet worden und erfreut sich grosser Beliebtheit. Als Mass habe sich die «Ledi» vor allem für Obst durchgesetzt, lese ich im Lexikon. Ein Ledi umfasse zwei Säcke und ein Gewicht von rund 200 kg. Mit der Einführung des metrischen Systems ab 1877 wurde die Ledi als offizielles Mass abgeschafft. Ob der Sack meines Urgrossvaters wirklich bis zu 100 kg Obst aufnehmen konnte, bezweifle ich jedoch, vielleicht bei kleinen, schweren Birnen.
Das Sackgewicht betrug wohl eher zwischen 60 und 70 kg, wie es sich auch aus einer Schätzung der Thurgauer Regierung aus dem Jahre 1842/43 für den Obstexport nach Deutschland ergibt: Die jährlich «per Schiff und Achse» ausgeführte thurgauische Obstmenge belief sich auf 60'000 bis 100'000 Sack, das sind 40 000 bis 70'000 Doppelzentner (q) oder 4'000 bis 7'000 Tonnen. Jahrzehntelang war der Export von Obst und Obsterzeugnissen nach Deutschland für die Thurgauer Landwirtschaft ein gutes Geschäft, weshalb sehr viele Bäume gepflanzt wurden.
1859 wurden im Thurgau 282 000 Apfelbäume und 418 000 Birnbäume gezählt. Die Anzahl Bäume erhöhte sich bis ins Jahr 1951 stark, wobei sich die Zahl der Apfelbäume auf 901 000 verdreifachte. Die Anzahl der Birnbäume halbierte sich auf 213 000.
Der Landwirt baut Kulturen an, wenn er damit den nötigen Gewinn erzielen kann. Mindestens 150 Jahre lang war der Hochstamm-Obstbau attraktiv: zuerst durch den Export nach Deutschland, später durch die Förderpolitik des Bundes über die Eidgenössische Alkoholverwaltung.
1950 kam das allmähliche Ende des Hochstamm-Paradieses Thurgau, weil der Bund den leistungsfähigeren Tafelobstbau in Niederstamm-Kulturen fördern wollte und deshalb bis 1975 schweizweit grosse Fällaktionen von Hochstämmern durchführte. Im Thurgau wurde so die Anzahl Hochstamm-Obstbäume um 400 000 Exemplare reduziert.
Es ist einerseits zu bedauern, wenn man an die riesigen Feldobstgärten von damals denkt. Andererseits war es aber eine wirtschaftliche Notwendigkeit, um der Landwirtschaft im Obstbau eine Zukunft zu sichern. Trotzdem haben sich im Thurgau viele Hochstamm-Obstgärten erhalten, und im Frühling blühen die vielen Niederstamm-Bäume ebenso schön.
Jakob Stark, Thurgauer SVP-Ständerat aus Buhwil, Kradolf-Schönenberg, schreibt für die Rubrik «Arena» im Regionalteil Ostschweiz/Zürich der BauernZeitung.

