Bei Leandra Schweizer ist im Moment ganz schön viel los. Seit die 21-Jährige kürzlich an den Berufsmeisterschaften Euro Skills in Graz (A) die Goldmedaille gewonnen hat, wird die Fleischfachfrau von Glückwünschen und Interviewanfragen überhäuft. Schweizer scheint es locker zu nehmen, auch wenn die Fragen meist dieselben sind. Als die BauernZeitung sie an ihrem Arbeitsort, bei der Metzgerei Sigrist in Rafz ZH, besucht, ist sie ziemlich im Schuss. «Heute ist jemand krank, drum ist grad ein bisschen viel los», erklärt sie, ehe sie ihre Arbeit unterbricht.
Bäuerliche Wurzeln
Leandra Schweizer wusste schon früh, dass sie Fleischfachfrau, die heutige Bezeichnung für Metzgerin, werden wollte. «Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wir hatten unter anderem Kaninchen. Da habe ich beim Schlachten, Entbeinen und Verarbeiten mitgeholfen», berichtet sie. Auch in der hofeigenen Besenbeiz half Schweizer mit. «Die Arbeit mit Lebensmitteln hat mir schon immer gefallen. Nachdem ich in der ersten Sek in einer Metzgerei schnupperte, war für mich klar: Das ist mein Traumberuf.»
«Mit 13 Jahren war für mich klar: Metzgerin ist mein Traumberuf.»
Ihre grösste Sorge vor Lehrantritt war, dass sie in der Berufsschule die einzige Frau sein könnte. «Wir waren dann aber zu zweit.» Schweizer relativiert die Vorstellung, dass Metzger(in) ein männerdominierter Beruf sei. «In unserem Metzgereibetrieb arbeiten viele Frauen», hält sie fest. Die Zusammenarbeit mit Männern erlebe sie als sehr unkompliziert. Auf die Frage, welches ihre Lieblingsarbeit sei, sagt Schweizer ohne zu zögern: «Das Entbeinen. Es ist eine Arbeit, die Kraft braucht und sehr exakt sein muss.» Ihr Lieblingsprodukt in der Metzgerei Sigrist sind Salsiccia picante, scharfe Würste, die aus Schweinebrät und Chilli hergestellt werden.
Das Resultat harter Arbeit
Der Gewinn der Goldmedaille an der Europameisterschaft hat Leandra Schweizer dem vielen Training, ihrem Fleiss und ihrem Ehrgeiz zu verdanken. «Ich durfte hier im Betrieb viel trainieren. Dafür hatte ich einen Arbeitstag pro Woche zur Verfügung», führt sie aus. Auch an den Wochenenden und nach dem Feierabend hat die 21-Jährige in den Räumlichkeiten ihres Lehrbetriebs weitertrainiert. «In der letzten Phase war ich jedes Wochenende in der Metzgerei», sagt Schweizer.
Zusätzlich trainierte sie zwei Tage pro Monat unter Betreuung von zwei Experten an der Fleischfachschule in Spiez BE. Für das Entbeinen konnte sie bei der Bell Food Group AG trainieren. «Man wusste ja nicht, welches Fleischstück man an den Euro Skills bekommt, darum musste ich alles top können.» Dieses Training zahlte sich letztendlich aus.
Am Wettkampftag sei sieeigentlich sehr ruhig gewesen, sagt Schweizer. «Beim Training war ich nervöser.» Als schwierigste Aufgabe empfand siedie «Fingerfood-Sachen». «Wir wussten bis zuletzt nicht, was wir zur Verfügung haben werden», so Schweizer. Innerhalb von 2,5 Stunden mussten die Wettkämpfer(innen) 60 Produkte herstellen, also sechs verschiedene Produkte à je zehn Häppchen. «Das Schwierige war, dass wir keinen Plan an den Wettkampfplatz mitnehmen durften», sagt Schweizer rückblickend.
«Immer noch etwas surreal»
Dass sie nun Europameisterin ist, sei immer noch ein unglaubliches Gefühl, sagt Leandra Schweizer. «Das war immer ein grosser Traum. Aber dass ich es wirklich geschafft habe, ist schon etwas Spezielles.» Zu den ersten Gratulanten gehörten ihre Familie und Freunde, die sie vor Ort unterstützten und mit ihr mitfieberten.
Auf die Abschlussfrage, was sie an diesem Beruf so fasziniere, antwortet die 21-Jährige: «Die Vielfalt. Man lernt die Anatomie kennen, macht sowohl grobe Arbeiten wie auch ganz feine. Von der Gewinnung bis zum Verkauf ist alles in einem Beruf vereint.» Und dann macht sie sich wieder an die Arbeit.

